Die grosse Bühne für drei Bläser

Bern

Klassikstars? Schon recht. Aber manchmal sind die orchestereigenen Solisten besser. In dieser Saison, die am Freitag beginnt, rückt das Berner Symphonieorchester die eigenen Bläser ins Zentrum. Die Auserwählten im Protokoll.

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Oliver Meier@mei_oliver

Natürlich kommen sie auch diesmal nach Bern, die Stars des Klassikbetriebs. Steven Isserlis (Cello) zum Beispiel oder Xavier de Maistre (Harfe). Aber seien wir ehrlich: Nicht selten erschöpfen sich die Auftritte der Topsolisten in gepflegter Routine.

Wie viel frischer da orchestereigene Solisten wirken können, bewies letzte Saison Alexis Vincent, der Konzertmeister des Berner Symphonieorchesters. Sein Auftritt mit Alban Bergs Violinkonzert war für die Geschichtsbücher. Klug, unprätentiös wirkte sein Zugang, von einer schwerelosen Schlichtheit.

«Viele unserer Musikerinnen und Musiker mussten sich früh entscheiden, ob sie das unstete und risikoreiche Leben eines Solisten oder das etwas mehr abgesicherte als Orchestermusiker anstreben», sagt Chefdirigent Mario Venzago. «Umso aufregender ist es für unsere Mitglieder, ab und zu Solistenluft zu schnuppern.

Für mich ist es ein Glück, da sich unsere eigenen Solisten, was die Werke und die Besetzung anbelangt, eher einem Repertoire hingeben, das die reisende Zunft zu Unrecht meist verschmäht.» Venzago will die eigenen Musiker vermehrt ins Zentrum rücken. Drei Bläser machen den Anfang. Wir stellen sie vor.

«Viele sagen, die Oboe sei die Seele des Orchesters»

Doris Mende, Solo-Oboistin

«Man sagt, Oboe spielen mache dumm. Das ist gar nicht so abwegig, wenn man die falsche Atemtechnik anwendet. Die Sache ist die: Eine Oboe ist relativ kurz, und das Mundstück ist wahnsinnig eng. Man muss also enormen Druck aufbauen, damit die Luftsäule steht – aber dann wird man die Luft nicht mehr los.

Deshalb sehen Oboistinnen und Oboisten beim Spielen meist nicht so vorteilhaft aus. Eine gute Technik ist alles, sonst hyperventiliert man, das wäre dann tatsächlich schädlich fürs Gehirn.

Ich behaupte jetzt mal, die Oboe ist das anstrengendste Instrument, neben Trompete und Horn. Und seine Klangfarbe ist besonders, deshalb ist die Oboe im Orchester sehr präsent. Viele sagen, die Oboe sei die Seele des Orchesters. Als Solo-Oboistin gebe ich den Orchestermusikern im Konzertsaal das a’, damit sie einstimmen können – eine Tradition aus dem 19.Jahrhundert.

Ausserdem sitze ich ziemlich genau in der Mitte des Klangkörpers, da hört man alle Instrumente gleich gut. Ein wunderbarer Platz.

Es gibt grosse Solisten, Albrecht Mayer zum Beispiel. Aber mir ging es nie um eine Solokarriere, ich wollte immer ins Orchester, ich bin ein absoluter Teamplayer. Schon mit fünf wollte ich Oboe lernen, aber man hat mich hingehalten, erst mit elf durfte ich dann beginnen.

Der Klang hat mich von Anfang an verzaubert, er ist sehr nahe am Gesang. Nirgends kommt das schöner zum Ausdruck als in den Arien von Bach, in denen die Solostimme von einer Oboe begleitet wird. Beim Komponieren für Oboe war Bach unschlagbar. Aber toll ist auch das Oboenkonzert von Richard Strauss. Und natürlich jenes von Mozart, das ich diese Saison als Solistin spielen werde. Es ist technisch anspruchsvoll, mit schnellen Sechzehntelpassagen.

Eine gewisse Begabung als Heimwerkerin ist übrigens von Vorteil. Praktisch alle Profis bauen ihre Mundstücke selber, und das ist eine Wissenschaft für sich. Ich habe dafür Maschinen zu Hause. Es braucht ein Metallröhrchen, Kork, und vor allem braucht es ein spezielles Schilfrohr.

Das wird mir aus Südfrankreich geliefert, in Stangen. Es kann gut eine Stunde dauern, bis ein Mundstück fertig ist, und wenn man Pech hat, ist es nach fünf Minuten wieder kaputt. Meine Mundstücke und das Instrument transportiere ich in einer schwarzen Box, die ist mit Schaffell ausgekleidet. Meine Oboe friert also nie.»

Soloauftritt: Fr, 8.1., 19.30 Uhr, und So, 10.1., 17 Uhr, Kultur-Casino Bern.

«Ich habe in Bern drei Chefdirigenten erlebt»

Olivier Alvarez, Solo-Hornist

«Einen Hornistenwitz? Gerne. Wieso ist das Horn ein heiliges Instrument? Man weiss, was man reinlässt – aber nur Gott weiss, was herauskommt. Ich bin jetzt fast 25 Jahre beim Berner Symphonieorchester und habe drei Chefdirigenten erlebt.

Schon verrückt: 1991, als ich die Stelle erhielt, war ich praktisch der jüngste im Orchester. Nun gehöre ich zu den wenigen von damals, die immer noch mitspielen. Wieso ich immer noch hier bin? Ich liebe Bern und fühle mich dem Orchester sehr verbunden. Das Niveau des Orchesters ist in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen.

Heute könnten fast alle als Solisten nach vorne aufs Podium, so ist es nur konsequent, wenn die Solisten vermehrt aus den eigenen Reihen kommen.

Die Rolle der Hörner im Orchester wechselt immer wieder. Manchmal überstrahlen sie alles, zum Beispiel bei Bruckner, meist aber sind wir irgendwo dazwischen: Mal spielen wir Themen und Motive zusammen mit den anderen Blechbläsern, mal mit den Holzbläsern vorne.

Mit dem Horn kann man sehr tiefe, aber auch sehr hohe Töne produzieren. Es ist ein delikates Instrument, sehr schwierig zu spielen. Setzt man die Lippen auch nur um eine Winzigkeit falsch an, kommt ein schiefer Ton raus, vor allem in hohen Lagen.

Selbst in den allerbesten Orchestern der Welt kommt es immer wieder vor, dass Hornisten falsche Töne spielen. Das ist schon speziell, die Trompeter stehen vor einer ähnlichen Herausforderung.

Die besten Werke mit Horn stammen von Bruckner, Mahler, Wagner und Brahms, ich denke sogar, Brahms bringt das Instrument am besten zum Klingen. Diese Saison spiele ich als Solist das Konzert für Violine und Horn, das die Komponistin Ethel Smyth 1926 geschrieben hat – ein sehr romantisches Werk, es wird dem Publikum gefallen.

Natürlich würde ich mein Instrument gegen kein anderes in der Welt eintauschen. Wobei – doch, die Geige ist auch wunderbar. Meine Frau ist Geigerin, mein Vater war Geiger, ich selber habe als Kind Klavier gelernt.

Meinem Vater wurde aber empfohlen, bei seinen Kindern auf das Horn zu setzen, Hornisten seien gefragt. Und als dann mein älterer Bruder ein Horn erhielt, wollte ich unbedingt auch eines. Ich brachte sogar gleich einen Ton heraus – keine Selbstverständlichkeit.

Soloauftritt: Do, 31.3., und Fr, 1.4.2016, jeweils 19.30 Uhr, Kultur-Casino Bern.

«Dann hast du einen Flash»

Daniel Schädeli, Solo-Tubist

«Mit sieben begann ich Blockflöte zu spielen. Ich blies immer so laut, dass die Lehrerin sagte: Gebt dem Buben eine Trompete oder eine Tuba! So bin ich beim Eufonium gelandet, so etwas wie eine Kindertuba.

Wann man damit beginnen kann? Vor acht macht keinen Sinn. Bei keinem Instrument braucht man so viel Luft, so viel Energie wie bei der Tuba. Wenn du am Samstagabend in der ‹Alpensinfonie› von Richard Strauss den Tubapart spielst, dann hast du ein drogenähnliches Flash.

Auch Kraft braucht es viel. Nicht unbedingt in den Armen, eine Kontrabasstuba ist zehn Kilogramm schwer, das geht noch. Die meiste Kraft brauchst es an den Lippen, da baust du die Muskeln auf wie ein Spitzensportler. Muskelkater? Doch, das ist ein Thema, bei allen Bläsern.

Es gibt bestimmte Lockerungsübungen für die Lippen. Bei den Streichern droht eher die Sehnenscheidenentzündung.

Es gibt Sätze, die man als Tubaspieler langsam nicht mehr hören mag. Zum Beispiel: Wow, das ist auf einer Tuba möglich? Ich sage: Auf einer Tuba ist fast alles möglich, mittlerweile.

Nicht nur beim Instrumentenbau, auch bei der Ausbildung ist enorm viel passiert. Trotzdem staunen viele, wenn sie hören, dass Tubaspieler als Solisten virtuose Werke spielen können, zum Beispiels Bachs Cellosuiten.

Man stellt sich den Tubisten als Teppichleger vor, der mit den Kontrabässen die Basis legt und dem Orchesterklang Volumen verleiht. Gegen dieses Klischee spiele ich an.

Eben habe ich ein Album rausgebracht, das die Tuba als Soloinstrument vorstellt, in allen Farben und Konstellationen.

Es gibt nicht sehr viele Solowerke, die eigens für die Tuba geschrieben worden sind. Das liegt an den Klischees, aber auch daran, dass das Instrument verhältnismässig jung ist, die Tuba wurde erst 1834 patentiert. Umso mehr freue ich mich, wenn ich wie morgen zum Saisonauftakt ein neues Werk aus der Taufe heben kann.

Das Konzert für Tuba und Orchester ist das zweite Werk, das Julien-François Zbinden für mich geschrieben hat. Er ist jetzt 97, ein spannender Komponist, der die Grenze zwischen Klassik und Jazz zu verwischen sucht.

Beim neuen Werk spüre ich aber auch den Einfluss des Blues. Julien-François hat praktisch nur die nackten Noten vorgeschrieben, bei der Gestaltung lässt er mir freie Hand, das ist wunderbar. Der Mittelsatz ist eine einzige Kantilene, ein grosser melancholischer Gesang.

Aber Julien-François liebt auch das Artistische. Ich turne mit der Tuba öfters auf den Hilfslinien rum, und mehrmals muss ich bis ins viergestrichene d hinauf. Vor ein paar Jahren hätte ich noch gesagt: ziemlich unanständig. Heute weiss ich, dass es zu bewältigen ist.»

Soloauftritt: Fr, 4.9., 19.30 Uhr, und So, 6.9., 17 Uhr, Kultur-Casino Bern.

Berner Zeitung

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