Der flammende Multitasker und das Meer

Oboe spielen und dazu dirigieren? Wie das geht, demonstrierte Heinz Holliger bei seinem Auftritt mit dem Berner Symphonieorchester. Es war nicht die einzige Wunderlichkeit des Abends im Kultur-Casino.

Oliver Meier@mei_oliver

Ein Mann unter Strom. Es ist dieses Bild, das bleibt. Ganz am Ende des Konzertabends steht Heinz Holliger auf dem Dirigentenpodium und breitet die Arme aus, gespannt bis in die Fingerspitzen. Es ist, als ob er den Applaus aufsaugen würde, um ihn umzuwandeln. In Energie. Für sein nächstes Konzert, sein nächstes Werk, seine nächste Grosstat.Heinz Holliger ist bald 77. Noch immer kennt ihn die breitere Öffentlichkeit vor allem als Oboisten.

Doch Holliger ist viel mehr: Als Dirigent, vor allem aber als Komponist hat der Langenthaler Erstaunliches geleistet. Im elitären Musikbetrieb ist er eine Eminenz, eine intellektuelle Instanz. Ein Aufmüpfiger mit Talent zur Selbstironie. Letzten Herbst erhielt er den mit 100'000 Franken dotierten Schweizer Musikpreis. Er könnte sich zurücklehnen, ein wenig. Aber das kann und will er nicht.

Verneigung vor Debussy

Heinz Holliger gastierte wiederholt beim Berner Symphonieorchester, zuletzt im März 2013 – als flammender Anwalt von Felix Mendelssohn-Bartholdy und als Verehrer des französischen Komponisten Claude Debussy.

Auch an diesem Abend verneigt er sich vor Debussy, dem grossen Visionär der Musikgeschichte. «La Mer» ist so etwas wie das Vorzeigestück des musikalischen Impressionismus (ein Stilbegriff, vom dem Debussy selber nichts wissen wollte). Enorm präzis, enorm klar klingen die sinfonischen Skizzen im Kultur-Casino. Holliger, der dirigierende Komponist, macht die Struktur des Werks fassbar, ohne das Atmosphärische dafür zu opfern. Und gegen Ende, als die Naturstudie choralartig überhöht wird, zieht Holliger alle Register: Lichtfluten, dirigiert von einem Mann mit widerspenstigen Hinterkopfhaaren fern jeglicher Symmetrie.

Holligers Konzertprogramme sind durchdacht, ergrübelt. Meistens. Dieses jedoch erscheint als «Work in progress». Das ursprünglich geplante Violinkonzert von Benjamin Britten musste dem ersten Geigenkonzert von Béla Bartók weichen, das Bartók-Konzert dem Bach-Konzert BWV 1055, da die Solistin Veronika Eberle kurzfristig ausfiel. Klassik-Habitués mögen solcherlei Umstellungen nicht. Aber was will man sagen, wenn der Meister selbst als Solist einspringt?

Der Dirigent als Aufwiegler

Holliger tut das, was man Multitasking nennt: Er spielt das Bach-Werk auf der Oboe und dirigiert zugleich das Orchester. Lustig ist das anzuschauen. Und wie er seine Oboe einsetzt, unüblich phrasierend, bald singend, bald sprechend mit seinem Instrument, das bleibt ein Erlebnis. Seine fordenden Tempi aber bringen das Orchester ins Schwitzen, die Musik wirkt mitunter überhastet.

Bleibt Schubert. Holliger hat sich – natürlich – für ein Schattenwerk entschieden: Die lange unterschätzte, ja als unreif abgekanzelte vierte Sinfonie. Schubert selbst nannte sie die «Tragische». Vom c-Moll-Dunkel über vier Sätze ins C-Dur-Glück: So wird die Sinfonie gemeinhin verstanden. Holliger zeigt sie in ihrer Widerborstigkeit, vor allem im Schlussatz. Die Streicher gleiten erwartungsfroh in den Himmel, doch aus den vorlauten Bläsern grüsst das Jüngste Gericht – aufgewiegelt von einem Mann unter Strom.

Berner Zeitung

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