«Bern hat italienisches Flair»

Zehn Jahre lang sang die Walliser Sopranistin Rachel Harnisch am Berner Stadttheater. Heute denkt die 44-Jährige, die im Herbst an der Oper Berlin gleich in drei Hauptrollen zu sehen sein wird, gern an ihre Anfänge zurück.

Bern war ihr Ruhepol: Die Walliser Sopranistin Rachel Harnisch (44).

Bern war ihr Ruhepol: Die Walliser Sopranistin Rachel Harnisch (44).

(Bild: zvg)

Mit Bern verbindet Rachel Harnisch viele glückliche Erinnerungen. «In der Stadt und am Theater habe ich mich immer gut aufgehoben gefühlt», erzählt die Walliser Sopranistin, die inzwischen mit ihrer Familie in Zürich lebt. «Ich war noch sehr jung, als ich nach einem Engagement in Wien nach Bern kam.

Das passte damals perfekt. Ich stamme aus Brig und habe in Freiburg im Breisgau studiert, beides kleine Städte.» Von 2000 bis 2010 wohnte sie in der Berner Altstadt und zog mehrmals um, von einer pitto­resken Gasse in die andere. «Ich spürte dort ein gewisses italienisches Flair, das mir sehr gefiel.»

Gefördert von Abbado

Am Stadttheater Bern stand Harnisch regelmässig in Opernproduktionen auf der Bühne, etwa als Pamina in Mozarts «Zauberflöte», als Blanche in Francis Poulencs «Dialogues des Carmélites» oder als Gräfin Clémence in «L’amour de loin» von Kaija Saariaho.

«Die Grösse des Stadttheaters ist ideal für eine junge Stimme, die sich behutsam weiterentwickeln möchte.»Rachel Harnisch

«Das Theater und das Kultur-Casino, wo ich ebenfalls oft aufgetreten bin, sind wunderbare Spielstätten. Ihre Grösse ist ideal für eine junge Stimme, die sich behutsam weiterentwickeln möchte. Man muss nicht auf Anhieb 2000 Zuhörer erreichen.»

Bern war für Rachel Harnisch in all den Jahren ein wichtiger Ruhepol, zu dem sie nach Auftritten in ganz Europa zurückkehrte. International bekannt wurde sie durch ihre Zusammenarbeit mit Claudio Abbado, dem sie bis zu seinem Tod im Januar 2014 künstlerisch und freundschaftlich eng verbunden war.

Der grosse Dirigent hatte sie zuerst 1999 für ein Konzert der Berliner Philharmoniker zum Gedenken an Herbert von Karajan im Salzburger Dom engagiert. Danach kam es zu vielen weiteren gemeinsamen Auftritten, etwa in Mozarts Grosser Messe in c-Moll in Berlin, in «Così fan tutte» und der «Zauberflöte» in Italien oder Beethovens ein­ziger Oper «Fidelio» am Lucerne Festival.

«Die Zeit mit Claudio hat mich stark geprägt. Sein Tod hat eine riesige Lücke hinter­lassen», bekennt sie. «Seine Art zu dirigieren hatte etwas Magisches.»

Weibliche Energien

Gustav Mahlers vierte Sinfonie stand für sie unter anderem 2009 bei einer Tournee mit Abbado und dem Lucerne Festival Orchestra in Peking auf dem Programm. Eine CD-Aufnahme der Kammermusikfassung von Klaus Simon mit dem Mythen Ensemble Orchestral unter Leitung der Schwyzer Dirigentin Graziella Contratto ist kürzlich beim Label Claves erschienen.

Im Schlusssatz singt Harnisch von einem naiv anmutenden Paradies mit Heiligen und Engeln, in dem getanzt, gezecht und geschmaust wird. Simon hat in seiner Version den grossen Orchesterapparat auf nur 14 Instrumente reduziert. «In der kleinen Besetzung erlebt man das Werk besonders intensiv, alle Mitwirkenden atmen zusammen», meint sie. Auf dem Album sind ausserdem mystisch angehauchte spätromantische Lieder von Artur Schnabel zu ­hören.

Mit Dirigentinnen wie Contratto, einer ehemaligen Assistentin Abbados, arbeitet Harnisch gern zusammen. «Wenn weibliche Energien auf der Bühne zusammenkommen, entsteht immer etwas Besonderes.»

Ihre eigene Weiblichkeit erlebt Rachel Harnisch seit der Geburt der beiden Töchter intensiver als früher. «Meine Stimme hat sich durch die Schwangerschaften verändert. Ich merke, dass ich ein Stück weiter auf dem Boden angekommen bin. Die Familie ist der Nährboden meines Künstlerlebens ­geworden. Das Singen macht mir jetzt noch mehr Freude als früher.

Ich fühle mich in jeder Hinsicht geerdet.» Wie lassen sich Beruf und Familie am besten vereinbaren? Harnisch hat in dieser Hinsicht offenbar einen guten Kompromiss gefunden. Wenn sie ausserhalb von Zürich zu tun hat, verbringt sie zwischen Proben und Auftritten Zeit mit den Kindern und fährt oft nach Hause zurück.

«Meine Töchter sind jetzt zweieinhalb und dreieinhalb Jahre alt», sagt sie. «Alles, was auf der Bühne geschieht, können sie noch nicht verstehen. Deshalb muss ich immer gut überlegen, wann ich sie ins Theater mitnehmen kann.»

Drei Hauptrollen

Im Oktober wird Harnisch bei der Uraufführung von Aribert Reimanns neuem Werk «L’invisible» an der Deutschen Oper Berlin gleich drei Hauptrollen übernehmen. Dem Opern-Triptychon liegen drei Kurzdramen des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck zugrunde.

«Die Partien steigern sich vom Lyrischen ins Dramatische. Da schwingen viele Farben und Emotionen mit.» Für die Sopranistin hat es einen besonderen Reiz, die erste Interpretin dieser Oper zu werden. «Ich werde mit niemandem verglichen und kann der Musik eine eigene Prägung geben. So als würde ich meine Spuren im frischen Schnee hinterlassen.»

Album: Mythen Ensemble Orchestral, mit Rachel Harnisch und Graziella Contratto (Dirigentin), 4. Sinfonie von Gustav Mahler (Kammermusikfassung) und Lieder von Artur Schnabel, Claves Records.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt