Beethoven als Sonntagskrimi

Besser als «Tatort»: Die Camerata Bern beschloss die Saison mit Werken von Strawinsky, Mozart und Beethoven.

Die Saison von Camerata Bern ging am Sonntag zu Ende.

Die Saison von Camerata Bern ging am Sonntag zu Ende.

(Bild: zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Was für ein Sturz. Was für ein Knall. Da zuckt selbst der Herr in Reihe 5 zusammen, der im Kultur-Casino sein Sonntagsnickerchen abhält. «Allegro Molto» überschrieb Ludwig van Beethoven den Schlusssatz seiner 2. Sinfonie. Es ist eine Parforcejagd voll sarkastischer Pointen. Immer wieder rennt ein Triller der Geiger und Holzbläser gegen die Wand, stürzt zwei Oktaven nach unten. Es klingt wie ein mörde­rischer Schluckauf.

Zurück zu den Wurzeln

Zeitgenossen empfanden Beethovens 2. Sinfonie als zutiefst bizarr. Doch die Wahrnehmung hat sich gewandelt. In heutigen Programmheften wird gerne behauptet, das Werk sei von «hei­terer Grundstimmung» – gerade gut für ein Sonntagsnickerchen. Wie seltsam. Und wie gut, dass die Camerata Bern unter Antje Weithaas davon nichts wissen will.

Magnetische Kräfte

Dieser Beethoven fährt durch alle Glieder. Fordert heraus. Aber nicht, weil die Camerata auf Effekthascherei aus ist, wie sie von anderen Orchestern gerne betrieben wird. Weithaas führt ein Ensemble an, das den Klang gestisch ausformt, mit den magnetischen Kräften im Innern spielt und das kommunikativ-erzählerische Potenzial der Musik ausschöpft. Das kann spannender sein als ein «Tatort» am Sonntagabend. Beim Saisonabschluss im Kultur-Casino zumindest ist das der Fall.

Schon vor der Pause erzählt die Camerata Bern eine Menge – in Strawinskys Orchestersuite über den langnasigen Harlekin-Vetter «Pulcinella» ebenso wie in Mozarts Klavierkonzert Nr. 18 KV 456. Und der deutsche Pianist Martin Helmchen beweist nicht nur, was für ein fantastischer ­Mozart-Interpret er ist. Mit seinem federnden, fein abgestuften Spiel, das ganz der kammermusikalischen Kommunikation verpflichtet ist, passt er ausgezeichnet zur Camerata Bern.

Orpheus und die Furien

Beinahe hastig ziehen die Ecksätze vorüber, umso stärker wirkt das Andante. Von Mozarts «Entführung aus dem Serail» ist im Zusammenhang mit dem Mittelsatz oft die Rede. An diesem Abend indes scheint ein anderes Andante mitzuklingen: der Mittelsatz aus Beethovens 4. Klavierkonzert. Ein Klavier-Orpheus umspielt und besänftigt die Streicher-Furien. Was für ein Dialog. Was für ein intimes Drama.

Berner Zeitung

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