Wie die Leere füllen?

Ein packender Horrortrip: In der einstündigen Oper «Humanoid» für Jugendliche und Erwachsene am Konzert Theater Bern versucht ein Programmierer, einen geliebten Menschen durch einen Roboter zu ersetzen.

Ein greller Albtraum: Jonah (Per Lindström) verliert allmählich die Kontrolle über seine Roboter (Orsolya Nyakas).<p class='credit'>(Bild: pd/Toni Suter)</p>

Ein greller Albtraum: Jonah (Per Lindström) verliert allmählich die Kontrolle über seine Roboter (Orsolya Nyakas).

(Bild: pd/Toni Suter)

Am Anfang steht eine Tragödie. Vivienne stirbt bei einem Unfall. Zurück bleiben ihr Freund Jonah und eine dunkle Wolke aus Schmerz. Wie weiterleben, wenn der wichtigste Mensch fehlt? In der Jugendoper «Humanoid» findet Jonah eine Lösung, die so verlockend wie erschreckend scheint: Er erschafft sich eine neue Vivienne. Eine Roboter-Vivienne, die er mit den gemeinsamen Erinnerungen füttert.

Oper für junge Leute ab 13 Jahren? Da kann man schnell das Ziel verfehlen: Bei vielen Jugendlichen ist die Hemmschwelle gross, wenn es um Oper geht. Zu abgehoben, zu künstlich, zu weit weg vom eigenen Leben. «Humanoid», eine Koproduktion von Konzert Theater Bern und dem Theater Winterthur, ist all das gerade nicht. Das Auftragswerk wurde in Workshops gemeinsam mit Jugendlichen konzipiert und weiterentwickelt.

Alte Fragen

Die Autorin Pamela Dürr verfasste bereits das Libretto für die Familienoper «Reise nach Tripiti» (2017). Nun kommt mit «Humanoid» ein weiteres sehens- und hörenswertes Stück aus ihrer Feder auf die Berner Bühne. Die Musik schrieb der holländische Komponist Leonard Evers. «Humanoid» ist eine neue Geschichte, gesponnen aus alten Fragen: Ist alles, was technisch möglich ist, auch erstrebenswert? Wie menschlich kann ein Roboter werden?

Der Clou: Das Werk verliert sich gerade nicht in diesen grossen Fragen, weil es sie in einen überschaubaren Rahmen packt – es geht um die Gefühlswelt von Jonah, erzählt im Labor von Jonah. Es ist nicht das chaotische Labor eines Viktor Frankenstein, sondern der kahle Raum eines modernen Nerds. Die Bühne (Ralph Zeger) besteht aus mehreren sternförmig angeordneten, selbstleuchtenden Laufstegen. Es dominieren grelles Licht und Neonfarben (Kostüme: Sophie du Vinage, Sarah Sauerborn). Hinter der Bühne, aber für das Publikum sichtbar, spielt das Berner Symphonieorchester.

Vorteil Löschfunktion

Hier, in diesem Labor, hat sich Jonah gleich mehrere Roboter erschaffen: Staubsaugermann Juri, Alma und Vivienne. Alma hat gegenüber Vivienne einen entscheidenden Vorteil: die Löschfunktion. Jeden Abend löscht Jonah Almas Gedächtnis und programmiert sie am nächsten Tag nach seinen Wünschen neu. Vivienne hingegen, der Roboter­klon seiner verstorbenen Freundin, hat sich verselbstständigt.

Sie taucht plötzlich auf, bedrängt Jonah, erzählt ihm von Erinnerungen, die ihr einverleibt wurden. Erinnerungen der echten Vivienne. Jonah schickt sie weg. Und wird in grausamen Albträumen von ihr heimgesucht. Doch auch Alma entwickelt ein Eigenleben und freundet sich mit einem Kind an. Dieses rettet heimlich ihr Gedächtnis, indem es die Daten zwischenspeichert.

Kein Selbstzweck

Die Regisseurin Cordula Däuper erzählt die Geschichte gradlinig, mit wenigen, aber wirkungsvollen Effekten und viel Tempo. Unter der Leitung des 25-jährigen Dirigenten Sebastian Schwab präsentiert ein agiles Berner Symphonieorchester Musik, die mal nach grosser Oper, mal nach Jazz oder Computerspiel klingt. Es sind nachvollziehbare, bildhafte Klänge, immer nahe an den Figuren, nie Selbstzweck. Einen Roboter spielen, aber wie ein Mensch singen: keine leichte Aufgabe. Orsolya Nyakas (Alma), Larissa Angelini (Vivienne) und Michal Marhold (Staubsaugermann Juri) schaffen den Spagat zwischen Maschine und Mensch scheinbar mit Leichtigkeit.

Einen Roboter spielen, aber wie ein Mensch singen: keine leichte Aufgabe.

Trotz roboterartigen Bewegungen bleiben ihre Stimmen ausdrucksstark. Auch Per Lindström (Jonah), Wolfgang Resch (Freund Piet) und Oscar Verhaar (das Kind) erzählen die traurige Geschichte glaubwürdig und überzeugen stimmlich. Gerade der facettenstarke Countertenor Verhaar verleiht seiner Figur, einer Mischung aus Kind, Ballerina und Rumpelstilzchen, in höchsten Höhen eine beeindruckende Tiefe.

Bei all der künstlichen Intelligenz in «Humanoid» steht stets die zutiefst menschliche Frage im Zentrum: Wie die Leere füllen? Eine Antwort gibt es nicht. Wie am Anfang steht auch am Ende eine Tragödie. Jonah stirbt, ermordet von seinen eigenen Robotern. Diese ziehen in die Welt hinaus. Werden sie die Welt zerstören? Oder wird die Welt sie zerstören? Beides lässt einen erschaudern.

Weitere Vorstellungen: bis zum 20. April, Vidmar 1. Infos unter: www.konzertthea­terbern.ch.

Berner Zeitung

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