«Vielleicht könnte mich der alte Liszt zurechtweisen»

Die Rolle als Vitus im gleichnamigen Film machte ihn bekannt. Doch heute steht der Pianist Teo Gheorghiu an einem ganz anderen Punkt. Ein Gespräch über den Fluch der Vergangenheit und sein zweites Album.

«Der romantische Idealismus passt zu mir»: Pianist Teo Gheorghiu (22).

«Der romantische Idealismus passt zu mir»: Pianist Teo Gheorghiu (22).

(Bild: zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Herr Gheorghiu, eben spielten Sie im Zürcher Kaufleuten. In der Ankündigung hiess es: «Filmwunderkind Vitus spielt Schubert und Liszt.» Nervt Sie das?Teo Gheorghiu: Ich habe mich damit abgefunden

Das glaube ich Ihnen nicht. Ich bin stolz auf den Film. Und ich hatte eine gute Zeit beim Dreh. Aber es ist zehn Jahre her. Ich bin nicht Vitus. Ich bin Pianist. Dass ich manchmal als Schauspieler bezeichnet werde, ist respektlos gegenüber Schauspielern.

Ist die Vitus-Rolle für Sie inzwischen zum Fluch geworden? Das habe ich oft gedacht. Aber die Vergangenheit ist nicht zu ändern. Jetzt schaue ich nach vorne. Ich möchte am Ende wegen meines Klavierspiels in Erinnerung bleiben, nicht wegen einer Filmrolle.

Eben ist Ihr zweites Album erschienen. War es schwer, die Plattenfirma davon zu überzeugen, auf der CD keinen Vitus-Kleber anzubringen? Hab ich etwas sagen müssen? Ich glaube nicht. Es war kein Thema.

Im Konzert spielen Sie die Werke etwas anders, als man sie auf der CD hört. Stehen Sie mit den Stücken inzwischen an einem anderen Punkt? Ich bin sehr glücklich, dass Sie das sagen. Kaum war das Album eingespielt, dachte ich schon: Dies und jenes würde ich jetzt ganz anders machen. Das ist der Fluch der CD-Produktion. Aber es ist auch das Schöne an der Musik. Es gibt nie eine endgültige Lösung. Es gibt nur die ständige Suche.

Ihr neues Album heisst «Excursions». Was sind das für Exkursionen? Ziemlich romantische. Es geht um die Tiefe der Gefühle und Gedanken. Der Titel bezieht sich vor allem auf Schuberts «Wanderer-Fantasie», die ich in der Orchesterbearbeitung von Liszt eingespielt habe.

Bearbeitungen sind oft eine zwiespältige Sache. Gewinnt die «Wanderer-Fantasie» in der Orchesterfassung, oder verliert sie nicht eher? Ich glaube, sie gewinnt. Lange hing ich an der Originalfassung für Soloklavier und konnte nicht recht loslassen. Aber jetzt ist es genau umgekehrt. Liszt inszeniert mit dem Orchester das Kraftvolle, die dramatischen Effekte der Musik, aber er tut es nicht auf Kosten des Klaviers.

Liszt war 14 Jahre jünger als Schubert. War die Bearbeitung der «Wanderer-Fantasie» eine Art Hommage? In gewisser Weise schon. Liszt hat sich für die Anerkennung von Komponisten eingesetzt, die im öffentlichen Bewusstsein zu wenig präsent waren. Und er tat das, indem er Werke von ihnen bearbeitete. Die «Wanderer-Fantasie» mochte er besonders.

Schubert und Liszt gelten als Gegensätze – biografisch und in ihrer musikalischen Grundhaltung. Wie sehen Sie das? Biografisch: klar. Schubert war ein Aussenseiter, Liszt ein Wunderkind, fast ein Superstar. Er war unglaublich begabt, nicht nur als Pianist. Technisch haben die beiden ganz unterschiedlich komponiert, aber in der seelischen Dimension sind ihre Werke gar nicht so weit auseinander. Vor allem beim späten Liszt, aber auch in seinen «Années de pèlerinage».

Sie haben Liszts «Vallée d’Obermann» aus dieser Sammlung aufgenommen. Es heisst, der Komponist habe es selber nie gespielt, weil er sich vor der unendlichen Einsamkeit dieser Musik gefürchtet habe.... Das kann ich gut verstehen. Es ist ein schwerer Schmerz in dieser Musik.

Dabei steht ein beträchtlicher Teil des Stücks in Dur. Vor allem am Schluss denkt man: Ah, das Licht! Man rennt ins Licht. Aber vielleicht ist es auch das Nichts. Ein zwiespältiges Ende. Das muss man als Interpret herausarbeiten. Mir gelingt das nicht immer.

Schubert und Liszt haben sich nie getroffen. Mit welchem würden Sie lieber ein Bier trinken? Instinktiv würde ich sagen: Liszt.

War der nicht ein arroganter Tastenlöwe? Arrogant vielleicht nicht, selbstsicher schon. Aber er hatte auch jedes Recht dazu.

Was würden Sie ihn fragen? Ich weiss nicht. Ich beklage mich oft über die heutigen Zustände, wie die Seele in der Technologie verfliesst. Das macht jede Generation. Aber ich glaube, wir erleben jetzt einen speziell grossen Umbruch, und wir können ihn nicht kontrollieren. Ich glorifiziere gerne die Vergangenheit. Vielleicht könnte mich der alte Liszt ein wenig zurechtweisen.

Sind Sie ein junger Nostalgiker? Ich bin nicht gefangen in der Vergangenheit. Als Nostalgiker sehe ich mich nicht. Auch nicht als Romantiker. Aber ich liebe diese Epoche.

Sie haben sich bisher auch stark auf das romantische Repertoire konzentriert. Ich liebe das romantische Repertoire, dort fühle ich mich zu Hause. Mit zeitgenössischer Musik kann ich in der Regel wenig anfangen. Sie berührt mein Herz nicht. Jedenfalls habe ich noch wenig zeitgenössische Musik gefunden, die mir entspricht. Aber vielleicht muss ich mehr suchen.

Das Gespräch wurde im Rahmen des «Concert-Talks» geführt, veranstaltet vom CD-Laden Tonträger Bern. Der nächste «Concert-Talk» findet am 25.September mit dem deutschen Pianisten Alexander Krichel statt. Der Ort ist noch offen.

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Berner Zeitung

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