Jetzt beginnt die Ära der Dirigentinnen

Mirga Gražinyte-Tyla, Kapellmeisterin im Berner Stadttheater, steht für eine junge Generation von Dirigentinnen, die den Klassikbetrieb aufmischen – und entspannt mit männlichen Machtmythen umgehen.

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Auf der Website ihres Arbeitgebers steht: «1. Kapellmeister: Mirga Gražinyte-Tyla». Kapellmeister? Das kann passieren. Wie soll man sich auch so rasch daran gewöhnen, dass plötzlich eine Frau den Takt angibt?

An einem Abend Mitte November steht sie im Graben des Berner Stadttheaters, eingerahmt von verblassten Goldstuckaturen, die der Sanierung harren. Mirga Gražinyte-Tyla dirigiert Verdis «La Traviata», ihre erste Opernpremiere als neue Kapellmeisterin von Konzert Theater Bern. Und sie dirigiert bravourös. Oper, diese verschwenderische Kunstform, die aus der Zeit gefallen ist: Sie funktioniert nur, wenn Orchester, Chor und Solisten präzise aufeinander abgestimmt sind. Mirga Gražinyte-Tyla hält den Apparat zusammen, unter Einsatz ihres ganzen Körpers, mit entschiedenen Gesten, ökonomisch und gerundet. Will sie ein Pianissimo im Orchester, so reicht ihr eine halbe Hand. Aber manchmal muss sie sich auch strecken wie die Freiheitsstatue auf Liberty Island.

Am Ende, als sie aus dem Graben auf die Bühne steigt, um den Applaus entgegenzunehmen, fällt die ganze Anspannung von ihr ab. Mirga Gražinyte-Tyla wirkt jetzt klein, zierlich. Vielleicht auch, weil ein Zweimeterbariton neben ihr steht, der extra für die Premiere eingeflogen worden ist.

Verhinderte Karrieren?

Kapellmeisterin. Was für ein altes Wort. Und was für eine Neuigkeit. Nicht nur im traditionsverliebten Bern. Was sagt es über den Klassikbetrieb aus, dass eine Dirigentin schon allein deshalb für Aufsehen sorgt, weil sie 27 ist und weiblich? Frauen in Orchestern sind irgendwann zur Selbstverständlichkeit geworden. Nur die Berliner und die Wiener Philharmoniker brauchten etwas länger. Mit Frauen vor Orchestern aber scheint es sich anders zu verhalten.

Man könnte dieses Thema als Klagelied vertonen. Und von Fettnäpfchen erzählen. Wie war das mit Vasily Petrenko (37), dem Shootingstar am Dirigentenpult? Kürzlich riet der Russe in einem Interview davon ab, Frauen vor Orchester zu setzen. Begründung: Ein «hübsches Mädchen am Dirigentenpult» habe zur Folge, dass die Musiker «über andere Dinge» nachdächten. Weniger Frauen, «weniger sexuelle Energie» und ein «grösserer Fokus auf die Musik» – so die Gleichung des Jungstars.

Die Feuilletons machten sich darüber lustig. Aber was sagen die Zahlen? In Deutschland sind von 131 musikalischen Chefposten bloss zwei mit Frauen besetzt. Das entspricht einer Chefdirigentinnenquote von 1,5 Prozent. Ausgerechnet hat das Christine Lemke-Matwey, Feuilletonredakteurin der «Zeit». Und sie fütterte damit die These eines Beitrags, der diesen Sommer erschienen ist: «Die klassische Musik kennt inzwischen grosse Dirigentinnen. Aber immer noch werden weibliche Karrieren am Pult behindert. Es ist an der Zeit, die Geduld zu verlieren.»

Das Thema scheint aufgeladen. Von Dirigentinnen wäre zu erzählen, die es weit gebracht haben und die nicht mehr über das leidige Thema «Frauen und Dirigieren» sprechen wollen.

Aber es geht auch anders. Man kann sich ins Theaterfoyer setzen und Mirga Gražinyte-Tyla zuhören, wie sie ihre Geschichte erzählt, wie sie lacht, über Fragen und Thesen des Journalisten und noch lieber über sich selbst.

Klarheit und Entschlossenheit

Ein Jahr ist es her, seit Mirga Gražinyte-Tyla ihren grossen Triumph feierte. Als erste Frau gewann sie den Salzburger Dirigentenpreis – «wegen ihrer Klarheit und ihrer Entschlossenheit», so die Jury. Die Litauerin setzte sich in einem strapaziösen Wettbewerb gegen einen Herrenclub von 91 Mitbewerbern durch. «Ich war schon vorher glücklich, aber jetzt bin ich extrem glücklich», sagte sie, als ihr das Preisgeld überreicht wurde.

Nun wollen alle etwas von ihr. Namhafte Opernhäuser und Orchester laden sie ein. Und Kenner prophezeien ihr eine grosse Karriere. Wenn sie denn will. Und wenn sie den Raum erhält, sich zu entwickeln. In Bern, wo sie seit kurzem fest engagiert ist, hat man ihr viel Verantwortung auf die Schultern gelegt. Sie dirigiert die Hälfte der Opernpremieren, hinzu kommen Nachdirigate von laufenden Produktionen. Schon jetzt gibt es Stimmen, die raunend vom frühen Verschleiss einer Hoffnungsträgerin warnen. Mit 11 zum Dirigieren

Ob sie das kümmert? «Ich spüre die Verantwortung», sagt Mirga Gražinyte-Tyla, «ich muss jetzt mehr Entscheidungen treffen als je zuvor, das empfinde ich als sehr herausfordernd. Aber für mich ist es eine spannende Phase des Entdeckens. Schauen, was ich kann – auf diesem Weg bin ich.»

So viel Offenheit und Selbstkritik mag überraschen. Für Mirga Gražinyte-Tyla ist es ein typischer Satz. Ein anderer: Sie sei nicht Dirigentin geworden, weil sie aus einer Musikerfamilie stamme. Sondern trotzdem. Der Vater ist Chorleiter in Vilnius, die Mutter Pianistin. Ihre erste Tochter sollte keine Musikerin werden, sondern «etwas Bodenständiges» machen. Doch als die 11-Jährige drängte, in die Nationale Kunstschule aufgenommen zu werden, standen sie nicht im Weg. Mirga Gražinyte-Tyla nahm das Hauptfach Chordirigieren, weil sie kein Instrument gelernt hatte.

Mit 13 stand sie erstmals vor einem Chor. Und noch Jahre später, als sie bereits in Graz studierte, schien sie dem Vorbild des Vaters zu folgen und Chorleiterin zu werden. «Es waren Professoren in Graz, die mir schliesslich die Idee nahebrachten, mich mal als Orchesterdirigentin zu versuchen», erzählt Mirga Gražinyte-Tyla. Und sie erzählt auch von ihrer ersten Reaktion: «Oh Gott, das ist doch nichts für mich!»

Nun – nach Stationen in Bologna, Zürich, Leipzig und Heidelberg – ist sie in der Bundesstadt gelandet, gefördert von einer mächtigen Männerriege. Mario Venzago, Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters, gehört dazu. «Am Pult hat sie eine natürliche Autorität», sagt Venzago. «Sie ist schnell, ohne hastig zu sein. Sie ist visionär, ohne abgehoben zu sein. Und sie ist leidenschaftlich, ohne dass sie übergriffig ist – im Gegensatz zu manchen Jungdirigenten, die ihre Orchester regelrecht anspringen.»

Ausdruck von Macht?

Dirigieren ist ein rätselhaftes Metier, erfunden im 19.Jahrhundert, als die Werke komplexer, die Orchester grösser wurden. Wer den grossen Alten zuschaut, wird nicht unbedingt klüger. Herbert von Karajan (1908–1989) scheint mit geschlossenen Augen die Luft zu modellieren. Und bei Pultdiktator Arturo Toscanini (1867–1957) fragt sich der Laie zunächst einmal, ob dieser Mann für seinen Taktstock einen Waffenschein gelöst hat. «Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck der Macht als die Tätigkeit des Dirigenten», schrieb Elias Canetti 1960 in «Masse und Macht». Aber was ist das für eine Macht? Kann man Klänge befehlen? Und: Gilt das überhaupt noch für den Nachwuchs von heute?

«Laien meinen immer, Dirigieren sei ungefähr das, was sie selber tun, wenn sie vor dem Radio mitdirigieren», sagt Mario Venzago. Ein Missverständnis. «Dirigenten müssen weit vorausdenken und vorausdirigieren, um etwas zu bewirken», sagt Venzago. «Zugleich müssen sie das Vergangene analysieren. Und sie müssen völlig im Moment sein, um blitzschnell korrigierend einzugreifen. Dirigieren ist komplex, ziemlich viel Multitasking.»

Modernes Dirigieren

Angehende Manager lernen an der Uni St.Gallen den Unterschied zwischen transaktionaler und transformationaler Führung. Transaktional heisst: Der Chef verlangt etwas – der Mitarbeiter macht es. Transformational bedeutet: Der Chef setzt auf die Eigenverantwortung des Mitarbeiters, lädt ihn zum Mitdenken ein.

Toscanini pflegte einen transaktionalen Führungsstil – so wie die meisten Pultstars des 20.Jahrhunderts. Es ist der Stil einer ungebrochenen Männlichkeit. «Dass einer ständig sagt, wie mans machen soll: Das wirkt heute sehr anachronistisch. Anderseits legt die Organisationsform des Orchesters das nahe», sagt Johannes Schlaefli, Dirigierprofessor an der Zürcher Hochschule der Künste. «Auch heute gibt es noch despotische Gurudirigenten, die Erfolg haben. Aber es werden immer weniger, die Entwicklung geht in eine andere Richtung. Dirigenten, die sich als Teamplayer, als Moderatoren oder Coachs verstehen, werden immer wichtiger.»

Es sind Dirigenten – oder Dirigentinnen –, die einen transformationalen Führungsstil pflegen. Und keiner pflegt ihn konsequenter als Claudio Abbado, Initiator und Ikone des Lucerne Festival Orchestra. «Wer führt hier wen?», fragt man sich, wenn der Italiener mit seinen Musikern im KKL auftritt. «Abbado ist ein grosser Klangnehmer», sagt Schlaefli. «In Luzern treibt er das moderne Dirigieren sozusagen auf die Spitze. Er muss nicht kämpfen und zwingen. Er wirkt als Katalysator. Er hat eine Vision, die er dem Orchester zur Verfügung stellt. Er dirigiert stark voraus, bietet Ideen an, die Musiker verarbeiten sie in Sekundenbruchteilen weiter, und Abbado nimmt sie wieder auf.»

Modernes Dirigieren. Wenn Mirga Gražinyte-Tyla über ihre Arbeit spricht, dann meint sie genau das. «Natürlich muss ich als Dirigentin klare Vorstellungen haben und überzeugend auftreten», sagt sie. «Aber ich muss auch offen sein für Diskussionen, muss aufnehmen können, was die Musiker anbieten. Es geht darum, auf Augenhöhe gemeinsam etwas zu kreieren.»

Fehlende Vorbilder

Vor Jahren, als Mirga Gražinyte-Tyla in Budapest an einem Dirigierwettbewerb teilnahm, riet ihr eine Dirigentin in der Jury: «Versuchen Sie ja nicht, Männer nachzumachen!» Damals, sagt Mirga Gražinyte-Tyla, habe sie überhaupt nicht begriffen, was die Dirigentin gemeint habe. Und heute? «Es ist ein wichtiger Satz, den ich mit mir herumtrage», so die Dirigentin. «Ich glaube schon, dass ich eine weibliche Art finden muss. Alles andere wäre nicht authentisch. Und Authentizität ist das Wichtigste.»

Johannes Schlaefli, ihr Mentor an der Zürcher Hochschule der Künste, sagt: «Es gab eine Zeit, da sich Dirigentinnen vor allem mit männlichen Attributen durchgesetzt haben. Mirga Gražinyte-Tyla steht für eine neue Generation.»

Ob sie weibliche Vorbilder hat? «Nein», sagt sie, «eigentlich nicht. Und das beschäftigt mich.» Wer würde sich auch anbieten? Etwa Fanny Hensel (1805–1847), die erste Dirigentin, Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy, über die ein britischer Kritiker schrieb: «Ein Sforzando ihres kleinen Fingers fuhr uns wie ein elektrischer Schlag durch die Seele»? Oder Nadia Boulanger (1887– 1979), die grosse Französin, die 1938 das Boston Symphony Orchestra aufmischte? Oder Sylvia Caduff, die Bündnerin, die 1978 das Bollwerk der Berliner Philharmoniker durchbrach?

Mirga Gražinyte-Tyla spricht über Herbert von Karajan und über Carlos Kleiber (1930–2004), berühmt für seinen Charme, für die fanatische Intensität seiner Interpretationen. Die grossen alten Herren: Mirga Gražinyte-Tyla befasst sich mit ihnen, studiert Aufnahmen, schaut sich DVDs an. Sie will lernen, ohne zu imitieren. «Herausfiltern», was ihr dient. Und ignorieren, was ihr verzichtbar erscheint.

Dass ihr die alten Männer mit ihren Mythen im Weg stehen könnten, diesen Eindruck teilt sie nicht. Und dass die alten Bilder immer noch mitschwingen, gerade im Konzertsaal, in der Sehnsucht des Publikums nach Gurudirigenten: Das kümmert sie kaum. «Ich habe mich als dirigierende Frau nie benachteiligt gefühlt», sagt Mirga Gražinyte-Tyla. Aber sie hat manches zu spüren bekommen. «Einmal stellte ich mich in Jeans und T-Shirt vor ein Orchester, das kam sehr schlecht an. Heute weiss ich, wie wichtig das Auftreten ist.» Auch an der Stimme arbeitet sie. «Wenn ich aufgeregt bin und viel will, geht meine Stimme in die Höhe. Man hat mir gesagt, die dauerhohen Frequenzen bei den Proben seien irritierend», erzählt sie. Und sie lacht dabei. Wie repräsentativ ist der Glücksfall Mirga Gražinyte-Tyla? «Die Machos sind am Verschwinden, im Management ebenso wie in den Orchestern», sagt Mario Venzago. «Historisch sind wir an einem Punkt, da Männer und Frauen im Dirigentenbetrieb endlich gleiche Chancen haben. Nicht die gleichen Bedingungen, nicht die gleichen Probleme, aber die gleichen Chancen.»

«Glorios auf dem Vormarsch»

In den Dirigierklassen der Hochschulen seien Frauen «glorios auf dem Vormarsch», heisst es. Johannes Schlaefli kann das bestätigen: «Es gibt mittlerweile viele Dirigierstudentinnen. Aber noch sind es weniger als die Hälfte.»

Zwei von acht sind es an einem Morgen Mitte November im Stadthaus Winterthur. «Masterclass-Dirigieren», heisst die Veranstaltung, organisiert von Schlaefli, geleitet von Grossdirigent Bernard Haitink (84). «Nicht immer hüpfen und springen», sagt er einer Teilnehmerin und legt seine Hand väterlich auf ihre Schulter. «Sie machen mich zum alten Mann», sagt er der anderen Jungdirigentin, die durch Beethovens «Eroica»-Sinfonie preschte.

«Ich mache überhaupt keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Ein Dirigent ist ein Dirigent, das Geschlecht ist egal», sagt Haitink in der Pause. «Klangsinn und Kontakt mit dem Orchester, mit der Musik – das ist entscheidend. Und das versuche ich den Studierenden zu vermitteln», so der Maestro. «Viele sind zu sehr mit sich selber beschäftigt, mit der Frage, wie sie gerade wirken. Dirigieren ist ein gefährlicher Beruf, gefährlich für die Seele, fürs Ego.» Früher, sagt Haitink, «war Dirigieren ein typischer Männerberuf, den Frauen blieb der Zutritt verwehrt. Aber jetzt ist die Türe offen.»

Mirga Gražinyte-Tyla hat die Fachwelt überzeugt. In Bern könnte sie zur Identifikationsfigur werden. Und was ist mit ihren Eltern, die für ihre Tochter einst «etwas Bodenständiges» wollten? «Mein Vater hat mich immer unterstützt. Aber ich weiss, dass er meiner Mutter mal gesagt hat, Dirigieren sei überhaupt kein Frauenberuf!›», sagt Mirga Gražinyte-Tyla. Und sie lacht jetzt sehr laut.

oliver.meier@bernerzeitung.ch

(Berner Zeitung)

Erstellt: 30.11.2013, 15:31 Uhr

Was macht eine Kapellmeisterin?

Bis ins 19.Jahrhundert waren Kapellmeister die kreativen Köpfe von Orchestern und Chören. Sie dirigierten nicht nur, sie komponierten und arrangierten auch. Später ist das Wort zum veralteten Synonym für Dirigenten geschrumpft. Aktiv verwendet wird Kapellmeister – oder Kapellmeisterin – nur noch im Theater, wo das Wort bis heute eine spezifische Funktion bezeichnet. Der 1.Kapellmeister ist dabei direkt dem ranghöchsten Dirigenten im Haus untergeordnet.

Kapellmeister leiten Proben sowie Repertoirevorstellungen und sind Stellvertreter des Generalmusikdirektors oder Chefdirigenten. Bern hat derzeit keinen Chefdirigenten im Theater.mei

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