Hélène Grimaud: «Bloss nicht zu viel üben!»

Kürzlich musste sie ihren Berner Auftritt absagen – nun kommt sie doch noch: Am Dienstag spielt die französische Starpianistin Hélène Grimaud im Kultur-Casino. Ein Gespräch über die Risiken der Kunst – und Wölfe.

«Mit Musik soll man tiefere Regionen des Bewusstseins erreichen»: Hélène Grimaud bei einem Auftritt mit den Wiener Philharmonikern 2012.

«Mit Musik soll man tiefere Regionen des Bewusstseins erreichen»: Hélène Grimaud bei einem Auftritt mit den Wiener Philharmonikern 2012.

(Bild: AFP)

Oliver Meier@mei_oliver

Hélène Grimaud, im Oktober mussten Sie den ersten Teil Ihrer Europatournee absagen, auch den Auftritt in Bern. Was war da los? Hélène Grimaud: Nichts Schlimmes zum Glück, ich hatte mir einen Finger verstaucht. Bei Musikern ist es ja ähnlich wie bei den Sportlern, ständig gibt es irgendwelche Verletzungen. Und bei uns Pianisten ist es besonders heikel: Wir sind Athleten kleinster Fingermuskeln, die ziemlich fragil sind.

Es gibt die tragische Geschichte des grossen Pianisten Murray Perahia. Er verletzte sich am Daumen und musste Jahre pausieren. Es gibt einige berühmte Beispiele, auch der Pianist Leon Fleisher gehört dazu. Und ich habe Kollegen, die zu dirigieren begannen, weil sie nicht mehr spielen konnten. Das ist eine beängstigende Perspektive, für jeden Musiker. Konkrete Verletzungen sind das eine. Heikler noch ist die Sache mit den repetitiven Bewegungen, die Gefahr, dass man sich auf Dauer etwas kaputt macht.

Was lässt sich dagegen tun? Bloss nicht zu viel üben! Es gibt interessante wissenschaftliche Studien, die zeigen: Die Dauer, in der das Gehirn in Aktion voll präsent sein kann, ist viel kürzer, als man denkt. Wenn man acht Stunden am Tag übt, schaltet des Gehirn den Autopiloten ein, darin liegt eine Gefahr für die Gesundheit. Wichtig ist, dass man diversifiziert, nicht nur am Klavier übt, sondern auch mental, im Kopf.

Läuft man nicht auch Gefahr, sich unter dem Druck des Marktes mit Auftritten zu übernehmen? Es gibt abschreckende Beispiele, etwa den Tenor Rolando Villazon, der seine Stimme verschlissen hat. Die körperlichen Risiken für Sänger sind grösser als für Instrumentalisten, die Stimme ist noch viel fragiler als eine Hand. Ich denke, das Wichtigste ist, dass man auf die Zeichen des Körpers hört. Darin liegt oft das Hauptproblem: dass man unter Druck die Zeichen ignoriert, nicht nur als Musiker.

Um wenige Pianistinnen wird ein so grosser Kult betrieben wie um Sie. Für manche sind Sie gar so etwas wie eine Heiligenfigur. Irritiert Sie das? Ich bin nicht sicher, ob es sich bei mir so anders verhält als bei anderen Pianisten. Aber natürlich ist es gut, zu spüren, dass es eine emotionale Verbindung zum Publikum gibt. Ich will ja nicht ein Konzert abliefern wie man eine Rede hält. Eine Rede kann sehr kraftvoll sein, auch emotional. Aber mit Musik soll man tiefere Regionen des Bewusstseins erreichen.

Was denken Sie, wie hat sich Ihr Klavierspiel in den Jahren verändert? Eigentlich kann man diese Frage nur mit Blick auf konkrete Werke beantworten. Aber natürlich gibt es eine Entwicklung im Grossen. Man startet mit einer gewissen Furchtlosigkeit, dem selbstverständlichen Gefühl, alles erobern zu können. Bei mir begann das mit 12, und es endete mit 30. Danach ändert sich Vieles. Du zerlegst alles, stellst es unters Mikroskop. In den späten Dreissigern erreichst du bestenfalls ein anderes Level. Auch am Klavier. Das hat nicht unbedingt mit Qualität zu tun, aber mit Geisteshaltung. Mich faszinieren Pianisten wie Claudio Arrau, die sich bis ins hohe Alter weiterentwickelt haben. Diese Möglichkeit der Reise macht das Musizieren für mich zu einem der faszinierendsten Berufe überhaupt.

Ihr neues Programm, das Sie auch in Bern spielen, dreht sich um das Thema Wasser. Was steht dahinter? Es geht um das Wasser als Quelle der Inspiration, um den Blick von Komponisten auf das Thema, ihr Verhältnis zur Natur, ihre Vision davon. Erst hatte ich vor allem impressionistische Stücke aus dem 20. Jahrhundert versammelt. Aber dann realisierte ich, dass die Auswahl dem Thema nicht gerecht wird, und begann zu diversifizieren. Nun beginnen Sie das Programm mit Luciano Berio (1925–2003) und beenden es mit Johannes Brahms (1833–1897).

Es ist eine Reise zurück in die Vergangenheit, zurück zu den Wurzeln gewissermassen. Müssten Sie da nicht zurück zu Johann Sebastian Bach? Sicher, vom musikgeschichtlichen Standpunkt aus. Aber meine Auswahl ist subjektiv, und Bachs Philosophie der Natur wirkt musikalisch eher abstrakt. Brahms steht mit seiner fis-Moll-Sonate Nr.2 für den romantischen Zugang zur Natur, der mir nahe ist. In der Brahms-Sonate ist viel von Zeus drin, dem griechischen Göttervater, und die Gewalt der Naturelemente kommt zum Ausdruck.

Brahms und Natur – das sind auch zentrale Themen ihres neues Buchs «Das Lied der Natur», das kürzlich erschienen ist. Brahms ist eine der stärksten Erscheinungen meines Lebens, seit ich 12 bin. Es geht um etwas, das nur Musikern passieren kann. Du verbringst mehr Zeit mit gewissen Komponisten als mit sonst irgendjemandem im realen Leben. Und Brahms besetzt meinen Lebensraum in sehr signifikanter Weise.

Ihr Buch erzählt davon, wie Sie in einem Hamburger Antiquariat auf ein geheimnisvolles Manuskript stossen, das von Brahms stammen könnte. Es führt sie am Ende in das Schutzzentrum für Wölfe im Staat New York, das sie gegründet haben. Wie viel Realität, wie viel Fiktion steckt in diesem Werk? Nun, jeder Leser sollte das für sich entscheiden. Fiktion und Realität gehen Hand in Hand, mir geht es um eine Balance zwischen beiden. Auch das Fantasierte hat eine reale Grundlage, basierend auf dem, was wir wissen über die Suche von Brahms, seine Vision der Natur als Quelle der Erlösung.

Sie setzen sich seit langem für Wölfe ein. Auch da geht es um eine heikle Balance zwischen Natur und Zivilisation. Die Gesellschaft weiss offenbar nicht recht, wie man mit diesen Tieren umgeht. Es gibt zu wenig Lebensraum für solche Tiere, nicht nur in der Schweiz. Wölfe sind Räuber, die weiträumig agieren, sie brauchen ein grossen Territorium. Das schafft Probleme. Aber Wölfe sind nicht gefährlich für die Menschen, daran muss man immer wieder erinnern. Es gibt Länder, die das Problem gelöst haben, Italien zum Beispiel oder Spanien. Es braucht viel guten Willen aller Beteiligten. Ich wäre sehr enttäuscht, wenn das die Schweiz nicht auch schaffen würde.

Berner Zeitung

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