Facetten der Stille

Geistvolles Ebenmass: Christian Zacharias eröffnete das Menuhin Festival als Artist in Residence mit Klaviersonaten von Mozart und Schubert.

Pianist Christian Zacharias beim Eröffnungskonzert des Menuhin Festivals in der Kirche Sannen.

Pianist Christian Zacharias beim Eröffnungskonzert des Menuhin Festivals in der Kirche Sannen. Bild: Raphael Faux/zvg

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Die Stille. Christian Zacharias liebt die Stille. Die den Tönen erst ihren Raum gibt. Und die manchmal mächtiger wirkt als ein donnernder Akkord. «Das Einzige, was zählt, sind die Ohren. Vergesst die Bilder! Ich träume von einem Publikum, das zuhört und die Stille verehrt», sagte Zacharias jüngst der Zeitung «Le Matin Dimanche». Was für ein Albtraum muss es gewesen sein, als der deutsche Pianist letztes Jahr in Göteborg auftrat: Gleich dreimal klingelte ein Handy, an den unmöglichsten Stellen. Zacharias, ein besonnener Zeitgenosse, fand: Genug ist genug. Er unterbrach das Konzert, bat den Handybesitzer mit ausgesuchter Höflichkeit, den Anruf doch bitte nicht entgegenzunehmen. Dann spielte er weiter, unter dem Applaus des Publikums.

Das Video der Szene ist zum Youtube-Hit geworden. Und man denkt daran, am Eröffnungsabend in Saanen. Das Menuhin Festival, mitunter als Cüplifestival verschrien, leistet sich den Luxus eines puristischen Auftakts. Ein Mann und sein Klavier. Mehr nicht. Kein Klassiksternchen im Überflug. Auch kein Überpromi, der kraftmeierisch in die Tasten greift wie letztes Jahr (Hélène Grimaud). Sondern: Zacharias (64), der geerdete Stoiker, eine konstante Grösse des Betriebs, mit einem Programm, das wenig Glamour verheisst. Zwei Sonaten von Mozart, dann die letzte von Schubert (D 960), geschrieben kurz vor seinem Tod mit 31 Jahren. Eine Übermusik, in die viel hineininterpretiert worden ist. Der Abschied vor allem, das abbröckelnde Leben.

Raunende Wirbel

Immer wieder ist da Stille bei Schubert. Im ersten Satz sind es die Pausen vor den tiefen Trillern, leise Trommelwirbel, die den Fluss der Musik unterbrechen. Zacharias gibt den Pausen Raum, aber nicht, um sie schicksalhaft aufzuladen. Es ist ein Innehalten, ein Fragen. Und die raunenden Wirbel hellt der Pianist am Ende immer wieder auf. Das Leben geht weiter.

Das ist bezeichnend für den Zugriff. Schuberts Sonate mit ihren endlosen Weiten, ihrer Zeitlupenharmonik, ist bei Zacharias kein gravitätisch entrückter Schwanengesang (vergesst die Bilder!). Er zeigt die Musik in ihrer ganzen Raffinesse, durchdringt sie, horcht sie aus. Eine beeindruckende Klangarbeit voller Klarheit, reich an Nuancen, ohne sich in den Details zu verlieren. Bass- und Diskantstimmen diskutieren gleichberechtigt. Und wenns passt, setzt Zacharias gerne auch mal einen markanten Akkord.

Das geistvolle Ebenmass, Zacharias zeigt es auch bei den Mozart-Sonaten – bei der achten ( KV 310) und bei der fünfzehnten (KV 533/494). Ein Spiel, das dazu einlädt, hinter der Maske der Einfachheit die Finessen, aber auch die Kühnheiten aufzuspüren. In der F-Dur-Sonate ist es die Art, wie Mozart mit dem Kontrapunkt spielt, wie er gegenläufige Stimmen kunstvoll parlieren lässt. Die ungeheuerlichen Dissonanzen im Mittelsatz wirken allerdings unterbelichtet. Und Mozarts Mollsonate KV 310 klingt in den Ecksätzen fast zu abgeklärt – Zacharias treibt ihnen die Dramatik, die Verzweiflung, das Dämonische aus.

Und das Publikum? In Saanen zeigt es sich verständig. Kein Handy klingelt. Aber einen jähen Unterbruch gibt es trotzdem. Mitten im Kopfsatz der Schubert-Sonate erleidet ein Zuhörer einen Zusammenbruch, wird betreut, bevor er nach draussen begleitet wird. Es sind lange Minuten des Wartens. Eine neue Facette der Stille kommt hinzu: die betretene. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.07.2014, 00:52 Uhr

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