Den Chören laufen die Jungen davon

Chöre leiden an Überalterung. So geht es auch dem Berner Orpheus-Chor, der sich der Klassik verschrieben hat. Eines der jüngeren Chormitglieder ist Vera Truong Dinh, 29. Sie diskutiert mit Gründungsmitglied Peter Neuhaus, 65.

Wie andere Chöre auch leidet der Berner Orpheus-Chor unter Überalterung. Das junge Mitglied Vera Truong Dinh betont: «Es ist halt schwierig, wenn man jede Woche kommen muss.» Ihr Kollege Peter Neuhaus sieht das anders. Die beiden debattieren im Interview.

Wie andere Chöre auch leidet der Berner Orpheus-Chor unter Überalterung. Das junge Mitglied Vera Truong Dinh betont: «Es ist halt schwierig, wenn man jede Woche kommen muss.» Ihr Kollege Peter Neuhaus sieht das anders. Die beiden debattieren im Interview. Bild: Max Spring

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Truong, warum sind Sie dem Orpheus-Chor beigetreten?
Vera Truong Dinh: Ich sang schon immer in Chören, als Kind im Fricktal, später auch während des Studiums. Vor 5 Jahren zog ich nach Bern, mein Onkel und meine Tante singen schon länger in diesem Chor, sie fanden: Komm auch.

Kamen Sie sich komisch vor?
Truong: Ich kam mir jung vor, habe aber nichts anderes erwartet. Ich fühle mich eigentlich noch aufgehoben so unter älteren Leuten.

Herr Neuhaus, war der Orpheus-Chor schon immer ein alter Chor?
Peter Neuhaus: Als wir den Chor vor 32 Jahren gründeten, waren wir alle zwischen 25 und 35 Jahre alt.

Es war ein junger Chor.
Neuhaus: Ja, aber er wurde jedes Jahr um fast ein Jahr älter. Es gab schon Wechsel, aber zu wenige. Und die Jungen kommen und gehen, verreisen in ein Auslandssemester oder wechseln den Job. Nur die Alten bleiben. So wird man zwangsläufig immer älter. Das ist wohl bei allen Chören so.

Warum haben Sie so Mühe, Nachwuchs zu finden?
Neuhaus: Zu meiner Zeit pflegte man in der Schule die Klassik, zum Beispiel Schubert. Zum Teil lernte man auch noch Notenlesen. Ich glaube, in der Schule begegnet man heute der klassischen Musik kaum mehr. Da wird mehr Poppiges gesungen.

Frau Truong, ist das so?
Truong: Ja, ich denke, dass man heute weniger Bezug zum Klassischen hat. Aber den braucht man nicht unbedingt. Und selbst, wenn man ihn hat: Niels Wilhelm Gade, den wir singen, habe ich vorher auch kaum gekannt.

Wobei wohl alle Chöre Nachwuchsprobleme haben.
Neuhaus: Ja, es ist ein allgemeines Problem von Vereinen. Wir sitzen hier am Stammtisch der Schützengesellschaft, ich nehme an, auch dort gibt es Nachwuchsprobleme.

Verstehen sich, auch wenn sie nicht immer gleicher Ansicht sind: Vera Truong Dinh und Peter Neuhaus vom Berner Orpheus Chor. Foto: Christian Pfander/Tamedia AG

Und doch hat der Orpheus-Chor 90 Aktive. Das ist sehr viel.
Neuhaus: Wir sind ein grosser Chor. Aber klassische und romantische Chorwerke kann man nicht mit zehn Leuten singen.

Machen Sie gezielt Werbung bei Jungen?
Truong: Ich schon.

Und wie machen Sie das?
Truong: Ich werbe im Kollegenkreis. Dreimal habe ich jemanden in den Chor mitgenommen, aber es klappte dann doch nicht. Es ist halt schwierig, wenn man mitten im Berufsleben steht und dann verlangt wird, dass man jede Woche kommt …

Wird das verlangt?
Neuhaus: Ja, das ist wichtig, ein Chor ist Teamwork. Es ist auch unerwünscht, wenn Leute erst kurz vor den Konzerten eintreten – auch wenn sie gute Sänger sind. Weil sie den ganzen Prozess nicht mitgemacht haben. Und wir sanktionieren, wenn jemand viel fehlt. Dann sagen wir: Jetzt musst du dich entscheiden.

Das sind strenge Regeln.
Truong: Ja, das finde ich auch, weil es zeitintensiv ist.
Neuhaus: Nein, wir sind zwar Laien, aber wir haben einen gewissen Anspruch. Wenn Leute dabei sind, die die Lieder nur halbbatzig können, hört man das.
Truong: Das stimmt, wenn man ein paar Proben lang fehlt, kann man sich vielleicht zu wenig in den Chorklang einfügen.

Sucht auch der Chor selber nach Jungen?
Neuhaus: Wir haben schon x Anläufe genommen. Wir machten Aushänge in Gymnasien oder Inserate im Anzeiger, aber das brachte zwei, drei Personen, die nach kurzem oftmals wieder gingen. Das Problem war nicht gelöst. Wir können natürlich niemandem verbieten, nach einem Jahr wieder zu gehen, aber das ist nicht, was wir wollen. Wir wollen Konstanz.

«Ich fühle mich eigentlich noch aufgehoben so unter älteren Leuten.»Vera Truong Dinh

Wie kamen Sie beide zum Singen?
Neuhaus: Etwa in der fünften oder sechsten Klasse, noch vor dem Stimmbruch als Knabensopran, danach sang ich in verschiedenen Chören. 1986 gründeten wir den Orpheus-Chor. Wir wollten ein klassisches Repertoire pflegen, aber nicht das machen, was alle machen. Wir wollten Werke bringen, die sonst vernachlässigt werden.
Truong: Für mich war dieser Ansatz wirklich ein Anreiz. Ein Verdi-Requiem ist natürlich toll. Aber das hat man dann auch mal gesehen. Im Orpheus-Chor singt man spezielle Stücke.

Und neben dem Singen, gibt es da einen Austausch?
Neuhaus: Ganz am Anfang ging man noch oft eins ziehen. Das hat sich dann etwas verloren. Jetzt machen das noch einzelne. Wir machen Ausflüge zusammen, Chorwochenenden. Und es gibt Pausen, wo man über anderes redet als über das Singen.

Vermischen sich da Jung und Alt auch?
Truong und Neuhaus (gleichzeitig): Es gibt halt nicht so viele Junge …
Truong: Wir sind drei Frauen unter 30.
Neuhaus: Und nachher ist es schwierig. Da gibt es eine riesige Lücke.
Truong: Ja.
Neuhaus: Nein.

Also was jetzt?
Truong: Es gibt noch ein paar Mitte vierzig, aber die meisten sind schon über 50.
Neuhaus: Sagen wir, die Hälfte ist pensioniert. Und die meisten anderen sind auch zwischen 50 und dem Pensionsalter. Es ist einfach so, man muss ehrlich sein. Zwischendurch hatten wir jüngere Leute, aber die gehen dann wieder. Und wenn jemand mal weg ist, kommt er nicht mehr.
Truong: Oder erst dann, wenn es auf die Pensionierung zugeht (beide lachen).

Wie hat sich Ihre Stimme über die Jahre verändert?
Neuhaus: Ich kann jetzt sehr locker Bass zwei singen, und früher kam da nur noch Luft. Bei den Frauen ist es zum Teil schwieriger. Manchmal wird bei älteren Frauen die Stimme hart. Das ergibt einen schrillen Klang, den man hören kann.

Und was macht man mit solchen Frauen?
Neuhaus: Sie dürfen natürlich weiterhin mitmachen, aber sie sollen sich ein bisschen zurücknehmen bei den hohen Tönen. Weil das kikst.
Truong: Das klingt je nachdem wirklich nicht schön. Es gibt auch Fälle, wo die Frauen aus dem Sopran in den Alt wechseln.
Neuhaus: Das machen einige, Alt ist weniger exponiert als Sopran. Ich möchte das nicht verallgemeinern, aber die Stimme altert eben auch.
Truong: Das merke sogar ich, ich habe jetzt eine andere Stimme als vor 10 Jahren.

«Wenn wir es nicht schaffen, Junge zu begeistern, wird es diesen Chor einmal nicht mehr geben.»Peter Neuhaus

Warum singen Sie?
Truong: Es ist ein super Ausgleich. Ich arbeite und doktoriere, das ist relativ hektisch. Manchmal bin ich müde vor der Probe. Aber wenn ich rauskomme, bin ich erfrischt.
Neuhaus: Das kann ich unterschreiben. Wenn ich gesungen habe, gehe ich nicht direkt ins Bett. Ich muss erst runterfahren. Und es ist auch eine Art Sport. Wenn man richtig singt, muss man atmen wie ein Sportler.
Truong: Wenn man vor sich hinträllert, hat man nie denselben Effekt, wie wenn man im Chor singt, mit dem vollen Klang, das ist schon etwas Spezielles.

Wie wichtig ist das Gruppengefühl?
Truong: Ich finde das faszinierend an einem Chor. Unterschiedlichste Personen haben Platz, und dann fügt es sich zusammen zu einem Ganzen. Man muss sich einfach ein bisschen zurücknehmen und gut auf die anderen hören. Neuhaus: Es gibt auch eine Art Power, wenn so viele Leute das Gleiche machen. Die Wucht, die man hinbringt, wenn man etwas wirklich laut macht. Das spürt man auch, das ist physisch.

Das klingt toll.
Neuhaus: Aber mir gibt die Zukunft zu denken. Wenn wir es nicht schaffen, Junge zu begeistern, wird es diesen Chor einmal nicht mehr geben.
Truong: Dieses reife Alter hat aber auch Vorteile. Wenn jemand krank wird, schreibt man eine Karte … Ich kenne das sonst nicht so aus meinem Umfeld, weil es nicht nötig ist. Es gibt eine Solidarität, einen Rückhalt.

Was unterscheidet Jung und Alt sonst noch?
Truong: Die Planung ist sehr weitsichtig. In diesem Jahr wurde eine Reise nach Rumänien im Jahr 2020 diskutiert (lacht heraus), ich sagte, ich kann mich doch dafür nicht verpflichten.

Und dann?
Truong: Eine Chornachbarin sagte, irgendwann müsse man einen Pflock einschlagen. Wir füllten dann einen Zettel aus, ich kreuzte «eventuell» an. Ich habe die Geschichte später meinen Freunden erzählt.

Und was fanden die?
Truong: Dass das eigentlich stimme. Dass wir Jungen oft zu lange zögern, uns für etwas zu verpflichten. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2018, 12:13 Uhr

Konzert Berner Orpheus-Chor:

Samstag, 19:30 Uhr & Sonntag, 17 Uhr, Französische Kirche Bern.

Artikel zum Thema

Er fischt lieber im Ozean als im Teich

Für Droujelub Yanakiew ist die Musik ein riesiger Schatz. Die Klassik liebt der Dirigent des Berner Variaton-Orchesters ebenso wie den Pop. Nun spannt er mit den Kummerbuben zusammen. Mehr...

Klassik in luftiger Höhe

Oberhofen Das Gaia-Musikfestival fand seinen krönenden Abschluss mit zwei Urauf­führungen, einem originellen Programm und einer Wohnzimmeratmosphäre zum Zurücklehnen. Mehr...

Phenomen sagt Adieu

Nach neun Jahren löst sich Phenomen auf – auch, weil ihre aufgepeppte Klassik in der Schweiz nicht so gut ankommt wie in Deutschland. Mehr...

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Blogs

History Reloaded Die Schweiz, ein Land der Streiks

Beruf + Berufung Die Angst des Rebellen

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...