Das bescheidene Alpha-Tier

Zu Gast in der Mailänder Scala, unterwegs mit hochkarätigen Orchestern: Kaspar Zehnder gehört zu den gefragtesten Schweizer Dirigenten im Ausland. Nur in der Heimat harzt es.

Kaspar Zehnder: Berns bedeutendster Dirigent in Aktion.

Kaspar Zehnder: Berns bedeutendster Dirigent in Aktion. Bild: zvg

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Beethovens 9.Symphonie im Fussballtempel Stade de France? Man rieb sich die Augen im vergangenen Jahr, als die Ankündigung im Internet kursierte. Von einer gigantischen Sphärenbühne mit Lichtshow war die Rede, vom Publikum im Stadion, das die Schlusshymne «Ode an die Freude» mitsingt – und von einem Berner namens Kaspar Zehnder, der am Dirigentenpult die musikalischen Fäden in den Händen halten sollte. Während Wochen war sein Name auf den Plakaten präsent, die in Paris allenthalben tapeziert worden waren. Zwei Monate vor dem Auftritt indes wurde das Spektakel überraschend annulliert – aus «versicherungstechnischen Gründen».

Riesige Werbekampagne

Ob da einer die Chance seines Lebens verpasst hat? Kaspar Zehnder, der überzeugte Fatalist, winkt ab, lacht mit ironischer Nachsicht. «Wissen Sie, natürlich war die Einladung eine Ehre, und es hätte mich gereizt, vor 50'000 Menschen die Neunte zu dirigieren. Aber ich glaube nicht, dass es künstlerisch sehr fruchtbar gewesen wäre. Das Wichtigste war eigentlich die riesige Werbekampagne im Vorfeld.»

Kaspar Zehnder sitzt auf einem Sessel in seiner prächtigen Berner Altbauwohnung und spricht über seine Laufbahn im Dirigentenfrack. Er tut es in T-Shirt und Shorts, unprätentiös, verschmitzt, mit gelassener Freimütigkeit. Viele Bücher sind zu sehen im hohen Raum, eine historische Standuhr, gegenüber ein Konzertflügel mit Noten von Bach. Hier lebt der 40-Jährige mit seiner Frau, der Flötistin Ana Oltean, und seinem 2-jährigen Sohn – wenn er mal wieder für eine Woche in der Bundesstadt ist.

Ungewöhnlicher Weg

Konsequent hat Zehnder – parallel zu seinen Auftritten als Flötist – in den letzten Jahren seine Pultkarriere vorangetrieben. Heute gehört der Berner zu den wenigen Schweizer Dirigenten mit internationaler Präsenz – und kann gut davon leben. Er war Chefdirigent der Prager Philharmonie, er dirigierte in der Mailänder Scala, er gab Konzerte mit der tschechischen Star-Mezzosopranistin Magdalena Kožená, er war Gastdirigent in London und Paris, und diesen Frühling ging er gar mit dem hochkarätigen English Chamber Orchestra auf Spanien-Tournee.

Es sind stolze Stationen auf einem Weg, den Zehnder selbst als «ungewöhnlich» empfindet. «Viele tun sich als exzellente Instrumentalisten hervor und rutschen irgendwann in die Dirigentenrolle hinein.» Zehnder, aufgewachsen in Riggisberg, ging während der Gymnasialzeit bereits an die Hochschule der Künste, studierte Dirigieren (neben Flöte und Klavier), wurde vom langjährigen Stadttheater-Dirigenten Ewald Körner gefördert, und mit 23 hatte er neben dem Solistendiplom auch gleich das Kapellmeisterdiplom in der Tasche. «Als Dirigent steht man an den Schalthebeln, kann kontrollieren und steuern. Das hat mich immer gereizt. Es ist die Freude des Kindes, das sich in der Rolle des Kapitäns oder Lokomotivführers wiederfindet.»

Zehnder spricht über die Kunst, sich als «Alphatier» vor hundert Profi-Musikern zu behaupten. Früher habe man ihm vorgehalten, als Dirigent «zu freundlich» aufzutreten – das habe er inzwischen abgelegt. Künstlerisch sei der Weg aber noch weit. «Als Dirigent musst du das Ziel haben, ganz von dir wegzukommen, nur noch im Dienst des Werks zu stehen. Daran arbeite ich noch immer.» An manche Werke, die er «im jugendlichen Eifer» dirigiert habe, traue er sich heute kaum noch heran, andere behalte er sich für spätere Jahre vor – Bachs h-Moll-Messe etwa. «Es braucht dafür eine menschliche Reife, die ich noch nicht habe.»

«Niederlage» in der Heimat

Nicht nur als Dirigent und Soloflötist, auch hinter den Podien hat Zehnder stets eine erstaunliche Energie an den Tag gelegt. Er ist Musikalischer Leiter des Zentrums Paul Klee, er berät eine grosse Schweizer Stiftung, er engagiert sich für das Musikfestival Bern, und seit über zehn Jahren ist er Künstlerischer Leiter der Murten Classics (siehe Kasten), wo er geschickt sein wachsendes Beziehungsnetz nutzt.

Seltsam nur, wie es harzt in der Heimat, wenn es ums Dirigieren geht. Obwohl er längst das Format besitzt, um an den grossen Schweizer Festivals aufzutreten und die wichtigen Orchester zu dirigieren, scheinen die bedeutenden Institutionen einen Bogen um ihn zu machen. Zehnder spricht von einer «Niederlage». Es klingt wie eine nüchterne Bilanz nach überwundenem Frust. Er bemüht das Sprichwort vom «Propheten», der im eigenen Land nichts wert sei, und er verweist auf das Los vieler bedeutender Schweizer Dirigenten, die im Ausland weit erfolgreicher waren und mehr geschätzt wurden. Doch so richtig überzeugend klingt es nicht. «Vielleicht», meint er, «bin ich einfach in den falschen Cliquen, um mich in der Schweiz richtig zu etablieren.»

«Ade Bern»

Von Zeit zu Zeit, unterwegs in einer freien Minute, nehme er ein Blatt Papier zur Hand und notiere seine Gedanken: Wo stehe ich und wo möchte ich hin? «In meinen Notizen spielt die Schweiz eine immer kleinere Rolle. Für die nächsten Jahre habe ich aufgeschrieben: Ade Bern.» Nicht, dass er die Wohnung aufgibt; seine festen Anstellungen in der Bundesstaat indes will er auf ein Minimum reduzieren, um sich auf seine Dirigentenkarriere zu konzentrieren. Von einem CD-Projekt mit Magdalena Kožená ist etwa die Rede. Und vielleicht wird er am Ende doch noch die Massen im Stade de France verzücken: «Ich habe die Zusicherung, dass ich das Konzert dirigieren darf, falls es noch zustande kommt», hält er schmunzelnd fest. «Das Projekt wird fünf Jahre offen gehalten.»

Auftritte an den Murten Classics: Als Dirigent: Do, 19.8., und Sa, 28. 8., jeweils 20 Uhr, und So, 5.9., 19 Uhr, Schlosshof Murten. Als Flötist: Sa, 21.8., 17 Uhr, Beaulieu Murten, und Di, 24.8., 21.45 Uhr, Park VieuxManoir Meyriez. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.08.2010, 11:08 Uhr

Murten Classics

Für die 22.Ausgabe der Murten Classics (Thema: «Iberia») hat der Künstlerische Leiter Kaspar Zehnder fast dreissig Konzerte programmiert, die bekannte Komponisten wie Albéniz, de Falla, Lalo, Strauss, Beethoven, Ravel und Haydn mit unbekannten spanischen Komponisten konfrontieren. Im Gefäss «Offen für Neues» wird eine Uraufführung von und mit der Berner Performerin Jeanine Osborne präsentiert. Im Rahmen der Abschlussgala ist «Carmen» von Georges Bizet in Konzertform zu hören. Zu den Gästen gehören Henri Sigfridsson, Alexandar Markovic, Priya Mitchell und Fabio Di Càsola. Artist in Residence ist die tschechische Harfenistin Jana Bouskova.
www.murtenclassics.ch

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