Zuerst Kunst, dann Formel-E-Surren

Der erste Kunstplatz hat nicht nur die Länggasse-Bewohner bewegt, sondern auch den Stadtpräsidenten.

Der Trailer zu «ESCALE KomplizInnen». <i>(Quelle: Vimeo/Marinka Limat)</i>

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Bern hat viele Gesichter. An diesem Samstagmorgen zeigen sich zwei äusserst unterschiedliche – und in der Mitte steht ein aufgewühlter Stadtpräsident Alec von Graffenried. Während im Obstberg eine Formel-E-Belagerung stattfindet, wird im Erotikkino Corso in der Länggasse die typisch Berner Beschaulichkeit gefeiert – mit einem Film.

«Kunstplätze» heisst das Projekt der Stadtberner Kulturabteilung. Die Idee: Künstlerinnen und Künstler entwickeln gemeinsam mit der Bevölkerung in den Quartieren temporäre Projekte. Letzte Woche machte der Basler Künstler Florian Graf Schlagzeilen, weil er die für sein Projekt zugesprochenen 25'000 Franken an die Bewohner von Breitenrain- und Lorrainequartier verteilen will.

Weil es im Läng­gassquartier nur ein einziges Kino gibt, das Sexkino Corso, wurde der Film dort gezeigt.

Das erste Kunstprojekt, jenes im Länggasse-Felsenau-Quartier, fand bereits statt. Die Freiburger Künstlerin Marinka Limat sorgte im Mai für spezielle Begegnungen. Der Berner Filmemacher David Röthlisbeger hat das Projekt dokumentiert. Weil es im Länggassquartier nur ein einziges Kino gibt, das Sexkino Corso, wird der Film dort erstmals gezeigt. Rund hundert Leute sitzen an diesem Samstagmorgen um 11 Uhr in den korallenrosafarbenen Kunstledersesseln – der Stapi in der vordersten Reihe – und schauen sich an, wie auch Kunst und nicht nur Sport Menschen zusammenbringen kann.

Plaudern mit der Kioskfrau

Gemeinsam mit jungen Leuten aus dem Quartier hat Marinka Limat einen kleinen, mobilen Pavillon zusammengezimmert, ihn bei der Busschleife an der Länggassstrasse und am Rossfeldplatz aufgestellt, um dort während dreier Wochen täglich kleine Veranstaltungen stattfinden zu lassen. Da gab es den Abend mit der Swingband The Golden Fifties, eine Ausstellung mit Fundstücken des Aaretauchers Reto, einen Tanzkurs, eine Plauderstunde mit der Kioskfrau Pia, es wurde gekocht, gegessen und getrunken.

All das fand auf diesen wenigen Quadratmetern des Holzpavillons statt, bei Wind und Wetter – und auch dem Wintereinbruch zum Trotz. Für die Aktionen waren nur Leute aus dem Quartier zuständig. Ausgewählt und angefragt hat sie Marinka Limat. Einen Monat lang war sie vorher durch das Quartier gestreift, hatte mit den Leuten gesprochen und sie nach ihren Wünschen und Ideen ausgefragt. So erst ist die Idee mit dem Aktionsraum entstanden, und so hat die Künstlerin das Programm zusammengestellt.

Der Film beleuchtet unterhaltsam, was die Quartierbewohner in diesen drei Wochen alles erlebt haben. In Interviews erzählen Kinder, Seniorinnen, Eltern, die Waldmenschen, die Migranten und wer sonst noch alles Teil des Quartiers ist, wie gut ihnen diese Begegnungen getan hätten und wie sie sich nähergekommen seien. Das Projekt und nicht zuletzt der Film zeigen auf, wie sehr Menschen im Alltag aneinander vorbeigehen und wie wenig es braucht, damit aus Isolation Integration wird.

Ein gerührter Stapi

Der Film entfaltet deshalb auch ein rührselige Wirkung. Auch den Stadtpräsidenten liess er nicht kalt. Den Tränen nahe, nennt er diesen Moment im Sexkino Corso gar eine Oase. Er leide, sagt er, er leide, weil auch die Stadt und ihre Bewohner gerade litten, und meint damit den Formel-E-Trubel. Er lobt und bedankt sich bei Marinka Limat und David Röthlisberger für ihre Arbeit, spricht von der Kraft gemeinsam erzeugter Kunst und verabschiedet sich mit einem schlecht gelaunten Unterton, dass er nun noch rübermüsse – zum diesem anderen «Corso».


Der Film wird bald auf der Website der Stadt Bern zugänglich sein. Zudem findet Anfang August eine zweite Aufführung in der Viafelsenau geben. Das Datum ist allerdings noch nicht definiert. Genauere Informationen folgen ebenfalls auf der Website der Stadt Bern.

Berner Zeitung

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