Oscars mit einer schlechten Pointe

Man hätte einfach frühzeitig aufhören können, aber dann hielt die Film-Show doch noch eine Überraschung bereit.

Die Produzenten von «Green Book» feiern den Preis für den besten Film.

Die Produzenten von «Green Book» feiern den Preis für den besten Film.

(Bild: Valerie Macon/AFP)

Hans Jürg Zinsli@zasbros
Pascal Blum@pascabl

Die Oscar-Show 2019 war eine vergleichsweise kurze Geschichte – mit einer schlechten Pointe.

Es begann launig, um nicht zu sagen selbstironisch, als sich die Comedians Tina Fey, Amy Poehler und Maya Rudolph über die moderatorenlose Show mokierten und zum Schluss kamen: «Wir werden keine Preise während der Werbung vergeben. Stattdessen machen wir Werbung während der Awards.»

Das hätte ein heiterer Abend werden können, wenn jemand diesen Ball aufgenommen hätte – tat aber keiner, es war ja niemand zuständig. Stattdessen wurden Preise ab Zetteln verlesen, ein Präsentatorenpaar ums nächste trat auf. Es gab einige Standing Ovations, ein paar Tränen, wenige Freudenschreie und fast nichts, was der Show einen Anflug von Unberechenbarkeit verliehen hätte.

Xavier Koller vermisste den Spirit des Showbusiness.

Während der dreieinviertelstündigen Veranstaltung ertappte man sich öfter beim Gedanken, dass es nicht nur ohne Moderator, sondern vielleicht auch ohne Show gegangen wäre. Eine Siegerverlesung ab Blatt hätte genügt. In der nächtlichen SRF-Livesendung bilanzierte der Schweizer Oscarpreisträger Xavier Koller, dass der Spirit des Showbusiness eindeutig zu kurz gekommen sei und er ein blosses Abhaken von Preisen gesehen habe.

Melissa McCarthys plüschiger Auftritt an den Oscars. Foto: Kevin Winter/Getty Images.

Immerhin war da noch eine Melissa McCarthy, die bei der Präsentation der Kategorie Kostümdesign ein Kleid mit grotesk langer Schleppe vorführte, das über und über mit Stoffhäschen besetzt war. Und während die Gäste noch über diese Veralberung staunten, die auf den Kostümfilm «The Favourite» abzielte, lobte die Schauspielerin stoischen Blickes die Arbeit einer Branche, welche Authentizität anstrebe und niemals von der Geschichte ablenke. So geht gute Unterhaltung, wenn auch nur für einige Sekunden.

«Ich wollte nicht, dass es so kommt»Olivia Colman über ihren Oscar.

Bei der grössten Überraschung des Abends stand dann nochmals eine Frau im Mittelpunkt, und abermals ging es um «The Favourite». Es war die Britin Olivia Colman, die anstelle der hochfavorisierten Glenn Close den Oscar als beste Hauptdarstellerin erhielt und deshalb auf der Bühne erst mal sprachlos war. Sie bezeichnete Close als ihr grosses Vorbild, entschuldigte sich gleichzeitig («Ich wollte nicht, dass es so kommt») und versprach mit Blick auf ihren Oscar: «Das wird nicht noch mal passieren.»

Erster Oscar für Spike Lee

Eine Zeitlang war das also ein sehr fortschrittlicher Oscar-Abend. Drei Preise gingen an «Black Panther», sicher der schillerndste Superheldenfilm der letzten Zeit. Die Ehrungen waren insofern historisch, als in den Kategorien Kostümdesign und Szenenbild erstmals Afroamerikanerinnen für ihre Arbeit ausgezeichnet wurden. «Jetzt steht die Tür weit offen», sagte Kostümbildnerin Ruth E. Carter später hinter der Bühne. Beide Nebendarsteller-Oscars gingen an dunkelhäutige Schauspieler, bei den Frauen war es Regina King («If Beale Street Could Talk»), bei den Männern Mahershala Ali («Green Book»).

Und Spike Lee gewann mit der Ku-Klux-Klan-Satire «BlackKklansman» seinen allerersten Oscar – den er mit seinen Co-Autoren in der Kategorie Bestes Adaptiertes Drehbuch teilte. Auf der Bühne sprang der Regisseur dem Präsentator Samuel L. Jackson in die Arme und erinnerte in der Dankesrede an «unsere Vorfahren, die vor 400 Jahren aus Afrika geraubt und versklavt wurden». Lee appellierte an das moralische Gewissen der Zuschauer und verwies auf die Präsidentschaftswahlen 2020, bei denen eine Entscheidung zwischen «Liebe und Hass» gefordert sei.

Kostümbildnerin Ruth E. Carter («Black Panther») gewann als erste Afroamerikanerin in ihrer Kategorie. Foto: Kevin Winter/AFP.

Man hätte da auch einfach aufhören können, aber dann hielt die Oscar-Show 2019 doch noch eine schlechte Pointe bereit: «Green Book», die Buddy-Komödie über einen schwarzen Jazzpianisten und seinen prolligen weissen Chauffeur in den rassistischen Südstaaten der 60er-Jahre, wurde als bester Film geehrt.

Viggo Mortensen (links) und Mahershala Ali in «Green Book».

Monatelang drehte eine Debatte über diese als weichgespült kritisierte Tragikomödie. Die Angehörigen des echten Pianisten bemängelten, die Macher hätten sich nie für ihre Sicht auf die Geschehnisse interessiert. Die Produzenten schrieben aufgebrachte Mails an Journalisten, die es wagten, die angeblich antirassistische Haltung von «Green Book» auseinanderzunehmen. Unter Kritikern wurden Erinnerungen an Paul Haggis’ «Crash» wach, bester Film 2006 und auch so eine Versöhnungsfantasie über die Rassengrenze hinweg.

Aber bei den Oscars stand am Ende dann doch eine Gruppe von weissen Produzenten auf der Bühne. Wenn man einmal auf die Oscar-Show 2019 zurückschaut, wird man vielleicht sagen, dass hier die Zeit des Übergangs besonders deutlich hervorgetreten sei. Die Zeichen der neuen Zeit hat die Akademie eigentlich bereits erkannt. Aber noch entschieden sich ihre Mitglieder für einen Film, der wirkt, als sei er vor 30 Jahren gedreht worden.

War also doch noch sehr lebendig, der Spirit des Showbusiness.

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