Wo kriegen wir Essen, wo Arbeit?

Das Xenix in Zürich zeigt den ganzen Januar über lange Filme. Das Highlight ist der Dokumentarfilm «Homeland (Iraq Year Zero)» des irakischen Regisseurs Abbas Fahdel.

Allein durch die Dauer des Films kommen wir den Menschen in Bagdad ein gutes Stück näher: Szene aus «Homeland (Iraq Year Zero)». Quelle: Youtube

Pascal Blum@pascabl

Dass der moderne Mensch, nachdem er am Abend aufgeräumt und sich hingesetzt hat, noch einen fünfeinhalbstündigen Dokumentarfilm aus dem Irak schauen möchte, ist unwahrscheinlich. Für so etwas hat er nun wirklich keine Zeit, selbst wenn «Homeland (Iraq Year Zero)» von Abbas Fahdel durchaus spannend klingt. Der Regisseur dokumentiert darin den Alltag einer irakischen Familie vor und nach der amerikanischen Invasion von 2003 und gewann damit unter anderem den Hauptpreis am Visions du Réel 2015.

Aber was tut der Konsument von heute stattdessen? Er lässt zum Beispiel die US-Agentenserie «Homeland» laufen, und ehe er sichs versieht, hat er davon fünf Stunden gesehen, weil er wissen wollte, was in den nächsten paar Folgen passiert.

Eine Wahnsinns-Chronik

Im Gegensatz zur Kinoerfahrung setzen Serien auf eine «allzu vertraute Häppchenlogik», schreibt Johannes Binotto im Programmtext zur Reihe «Richtig lang». Unter diesem Titel zeigt das Kino Xenix im Januar fünf lange neuere Kinofilme – von «An Elephant Sitting Still» aus China (knapp vier Stunden) bis zu «Norte, the End of History» des Philippiners Lav Diaz (über vier Stunden). Dass die lange Dauer sich ausschliesslich im Kinosaal wirklich entfalten kann, weil sich nur dort das Zeitgefühl verändert – nun ja, auch im Kino sind wir nicht konstant konzentriert und mit den Gedanken womöglich ganz woanders.

Viel gewichtiger ist, dass «Homeland (Iraq Year Zero)» tatsächlich in einem Kino zu sehen ist, es also Grund und Termin gibt, um sich einen Nachmittag Zeit zu nehmen für diese Wahnsinnschronik aus der irakischen Gesellschaft. Im ersten Teil, «Before the Fall», begleitet Abbas Fahdel Brüder, Schwager und Neffen in Bagdad bei alltäglichen Verrichtungen, die bereits unter dem Eindruck der zu erwartenden Invasion stehen. Im kleinen Fernseher laufen poppige Videoclips über Saddam Hussein, Held des Volkes, während die Kinder sich fragen, ob das Scotch-Tape, das schon im Irak-Kuwait-Krieg die Fenster vor Erschütterungen durch Bombeneinschläge geschützt hat, noch gut genug sei für den neuen Krieg (eine ähnliche Stimmung herrscht im britischen Spielfilm «Hope & Glory» über eine Kindheit in London, das von der deutschen Luftwaffe ausgerechnet dann angegriffen wird, als draussen schönes Wetter ist).

Bis man andere Augen kriegt

«After the Battle», der zweite Teil, zeichnet den Alltag nach der US-Invasion auf; die Armee ist jetzt Teil des Stadtbilds, Humvees rollen durch die Strassen, vor dem Nationalmuseum steht ein Panzer. «Homeland» zeigt die gewaltigen Ausmasse der Zerstörung: Fassaden mit riesigen Einschlaglöchern, am Boden liegt überall Schutt. Die Leute versammeln sich und reden auf die Kamera ein: Wo kriegen wir Essen, wo Arbeit?

Mit dem Rohmaterial aus dem besetzten Land zeigt Abbas Fahdel das Leben in den Strassen, denn die Politik ist hier immer praktisch. Die Zeit, die sich der Film dafür nimmt und die man mit den Menschen verbringt, bewirkt, dass wir ihnen gegenüber bald ein anderes Empfinden haben. Selbst wenn sie sich den Diktator zurückwünschen, hören wir ihnen zu. Allein durch die Dauer haben wir uns auf eine andere Wahrnehmung eingependelt und sind einem fremden Land ein gutes Stück nähergekommen. Da machen wir dann andere Augen.

«Richtig lang»: Bis 30. Januar im Kino Xenix, Zürich.

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