Wo die Jurymitglieder zu Statisten werden

Bern

Bei der Slam Movie Night wählt das Publikum den Sieger. Die Jury, in der BZ-Redaktorin Claudia Salzmann war, ist aber nur Deko.

«Cupsieger 2015» setzte sich gegen sechs andere Kurzfilme durch und wurde mit dem Slammie ausgezeichnet.

Claudia Salzmann@C_L_A

Am Mittwoch durfte ich in der Jury der Slam Movie Night Platz nehmen. Rechts neben mir auf dem Sofa sitzt der letztjährige Gewinner Olivier Beguin, dem jemand letztes Jahr nach der Show einen Juryplatz versprochen hatte. Links Elvont von Boys on Pills, der sich als Rapper und Hobbygynäkologe ankünden liess. Wäre da nicht noch Filmstudent David Yela dabei, hätte der Rapper Baze, der durch den Abend führt, recht mit seiner Aussage, «dass wir eine inkompetente Jury haben».

Bei der Slam Movie Night kürt das Publikum mit Applaus den Gewinnerfilm. Die Jury ist eigentlich nur Dekoration, bis auf ein Vetorecht und einige Sprüche nach den Filmen. Der erste der sieben Filme ist «Marilyn Monroe» von Anina Zimmerli. Dieser schafft es ins Finale. «Wohl nur, weil er so kurz ist», ist meine Meinung.

Und damit sind meine Sympathiepunkte beim Publikum verspielt. Mit dieser Aktion bringe ich das Publikum erst auf den Geschmack, nicht nur die Filme, sondern auch die Jury auszubuhen, wie ich später am Abend feststellen muss.

Auch «Beim letzten Mal» von Andreas Graf schafft es in den Final. Darauf folgt «Cupsieger 2015» von David Constatin, Rafael Kistler und Sandro Caldelari. Der Film handelt von einer Kuh, die mit hellseherischen Fähigkeiten den Sieger des Fussballcups bestimmen kann. Natürlich erklangen auch einige scherzhaft gemeinte Buhrufe durch die Aula, logisch im YB-Revier Stadt Bern.

Spätestens beim 4. Film «Helado Caliente» wissen wir, wie hoch die Messlatte liegt, die Buhrufe kommen schneller. Yela verschafft mit seinem Veto dem Film weitere Sekunden, aber er wird doch abgebrochen. Zu lange die Einstellungen, zu schwach der Plot. So ergeht es auch «Herb Medicine» von Sandro Klopfstein und Robert Butler.

Christian Taro Müller bringt «First Love» mit, eine Liebeserklärung ans Skaten. Gebannt verfolgen wir die Stürze und die Tricks. «Moment mal, ich hab meine Juryrolle vergessen», geht es mir durch den Kopf. Doch er fesselt mich, und so ergeht es auch dem Publikum und den anderen Juroren.

Den Schluss macht «Midnite Granny», in dem sich zwei Menschen in der Nacht treffen. Als sie sich verrenkt küssen, lässt sich das Publikum nicht bitten und buht. Ich lege mein Veto ein: «Immerhin knutschen sie, lasst uns sehen, was passiert.» Der Mann stirbt, die Frau ist ein Vampir und der Film hinterlässt Ratlosigkeit. Das Publikum buht noch lauter.

Ins Finale haben es vier Filme geschafft. Wer alle gesehen hat, weiss, welche wirklich für den 1. Platz infrage kommen: «Cupsieger» und «First Love». Nicht jeder beherrscht die Kunst, innert Minuten eine packende Geschichte in stimmigen Bildern zu erzählen. Dann geht es um die Wurst respektive um den «Slammie»-Award, ein stachliges Bronzemännchen.

«Man könnte mal ein Dezibelmessgerät kaufen», moniert Baze und lässt beide Filme mit einem weiteren «Applaus-o-Meter» bewerten. Einige Dezibel lauter war es doch bei «Cupsieger 2015» (Film siehe Box). Für Müller gab es eine Flasche Rum, die er mit den Siegern bis auf einen kleinen Rest bodigte.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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