Wie «The Big Lebowski» zum Kult wurde

Vor 20 Jahren erschien der Film über den gammligen Hippie «The Dude». Zuerst mässig erfolgreich, hat er heute mehr Fans denn je.

Pascal Blum@pascabl
Philippe Zweifel@delabass

Grafik: Michael Treuthardt. Klicken zum vergrössern.

Die Kritiker bezeichneten ihn als «müde Idee», als eine «Parade von Cartoons». Sie hatten nach dem bösen Mörderthriller «Fargo» hohe Erwartungen an die Brüder Joel und Ethan Coen gehabt, aber was war denn jetzt das für ein Film? Eine Neo-Noir-Komödie über einen Gammler (Jeff Bridges) in Los Angeles – Shorts, V-Neck-Shirt, Kapuzenjacke und Jelly-Sandalen –, der mit einem reichen Namensvetter verwechselt und darauf in einen schwer unzusammenhängenden Entführungs-Plot verwickelt wird, wenn er nicht gerade bowlen gegangen ist mit dem Vietnam-Veteranen Walter Sobchak (John Goodman) und dem unterbelichteten Donny (Steve Buscemi).

In den USA spielte «The Big Lebows­­ki» wenig mehr als sein Budget von 15 Millionen Dollar ein. Fast doppelt so viel floss aus dem Ausland zurück, und über die Jahre wurde die Slacker-Komödie ins Metagenre «Kultfilm» aufgenommen. Diese Entwicklung war nicht zuletzt eine Funktion des Profits: Nach der ökonomischen Deregulierung in den 80ern hatten sich Filmstudios grosse Teile ihrer Verwertungskette einverleibt und machten nicht nur Geld mit Kinovorführungen, sondern auch mit Wiederverwertungen am Fernsehen und per DVD. Kult heisst, dass man die Möglichkeit hat, einen Film immer wieder zu schauen und Dialoge zurückzuspulen, und von «The Big Lebowski» sind so manche DVD-Editionen erschienen. Zum 10. Geburtstag sogar eine mit Untersetzern für den Lieblingsdrink des Helden, den White Russian.

Fankult durch bekiffte Zuschauer

Viele Fans – hauptsächlich weisse Männer zwischen 15 und 45 – berichten, dass sie erst wenig mit dem Film hätten anfangen können. Das änderte sich, als sie ihn wieder und wieder sahen. 2002 wurde in einer Bowlingbahn in Louisville, Kentucky, die Fan-Convention Lebowski-Fest gegründet, die es heute noch gibt. Ein Zeuge beschrieb das Publikum einer späteren Ausgabe als das «betrunkenste, das ich je gesehen habe». Oftmals wurde der Film an Mitternachtsvorführungen programmiert, so 2007 in Hollywood, wo laut einem Blogger sehr bekiffte Zuschauer in einem wilden Ritual Dialogzeilen rausgeschrien hätten.

Trailer zum Film «The Big Lebowski». Video: Youtube/PictureBox

Fortgesetzt wurde der Enthusiasmus in Foren im Internet, das damals noch weitgehend unbefleckt war von datenintensiver Filmpiraterie, mittels derer sich heute jeder einzeln holen kann, worauf er Lust hat. Rund um «The Big Lebows­­ki» entstand so ein ausgewachsener Fankult. Es gab regelmässige Conventions und Filmabende, Trinkspiele, Themenpartys und viele picklige Teenager, die einander das Zitat «New shit has come to light» zuraunten.

Wo ist der Dude?

Zum Kult gehört auch, den Aussenseiterstatus der Liebhaberei zu betonen, auch wenn die Komödie von der Kritik bald wieder rehabilitiert wurde. Akademische Sammelbände sind erschienen, die auf die Zusammenhänge von Slackertum und der New Left der 60er eingingen. Vorbild für den Dude war ein Freund der Coen-Brüder, der als Mitglied der ­Seattle Seven Anti-Vietnamkriegs-Aktionen organisierte. Im Film wird er zu einer Figur der Erschöpfung: Am Ende der Reagan/Bush-Ära – die Story spielt Anfang der 90er – hat seine Militanz kein Ziel mehr. Geblieben ist sein friedliebendes Hippietum, nur ohne jede Illusion oder Ambition. Man merkt ihm noch die alte Entschlossenheit an, wenn er einen Polizeichef einen Reaktionären nennt. Aber das verflüchtigt sich dann wieder im Dunst von Konfusion und Unvermögen.

1998, als der Film herauskam, war der Dude die Gegenfigur zur prosperierenden Wirtschaft. 20 Jahre später ist der Typus praktisch verschwunden. Der Dude hat sich in seine Antithese verkehrt: in den sehr viel aggressiveren Lebowski, mit dem er zu Beginn verwechselt wird. Ein Millionär und Hochstapler mit eigenem Butler, der täglich Geld verbrennt, das er nicht hat. Der Lebowski von heute ist ein Mächtiger in der Tech-Branche, der sich noch mit kreativer Verrücktheit und einer unerschütterlich positiven Grundeinstellung umgibt. Aber sein Ziel, den Erfolg, lässt er nie mehr aus den Augen. Was ist bloss aus unserem faulen Dude geworden?

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