Wer ist hier der Esel?

Das Drama «Ich war zuhause, aber» begeisterte an der Berlinale – zumindest einen Teil der Kritiker.

Maren Eggert spielt Astrid (Mitte). Ihre Welt löst sich gerade auf.

Maren Eggert spielt Astrid (Mitte). Ihre Welt löst sich gerade auf.

(Bild: Nachmittagfilm)

Pascal Blum@pascabl

Hätte man auch nicht gedacht: Dass nach Fatih Akins «Goldenem Handschuh» über den Frauenmörder Fritz Honka ein Film an der Berlinale läuft, der die Kritiker noch ärger spaltet. Aber hier war «Ich war zuhause, aber» der deutschen Regisseurin Angela Schanelec, deren strengen Stil man der Ordnung halber weiterhin der Berliner Schule zurechnet. Dieses Kino handelt von einer Mikroskopie des Alltags, auch hier: Astrid (Maren Eggert) – wohl Dozentin an einer Kunsthochschule in Berlin, erklärt wird wenig – hat vor zwei Jahren ihren Mann verloren und kümmert sich allein um die zwei Kinder. Phillip, der ältere, verschwindet für eine Woche im Wald und kommt verdreckt zurück, wobei es Schanelec schon mal wagt, diese Episode ohne jeden Dialog auf eine Abfolge von griffigen Bildern zu verknappen.

So etwas wurde natürlich gleich ausgebuht. Ein richtiger formaler Anspruch, das war dann doch zu viel verlangt für eine Pressevorführung an der Berlinale. Es wurde geseufzt, getuschelt und deutliches Gelangweiltsein herumgezeigt, anstatt dass man diesem Drama einfach mal zugeschaut hätte, in dem eine Frau der Auflösung ihrer Welt beiwohnt. Astrid verliert wiederholt die Beherrschung vor ihren Kollegen oder ihren Kindern. Verlust korrespondiert mit Verfall, der Tod spielt in den Alltag hinein mit den Motiven von Dreck und Erde. Es ist schwer zu beschreiben. Auch die Tiere sind da: Esel, Hund, Kaninchen. Wie Fabelwesen, wie ein Reminder, dass wir das Leben mit Sinn und Ästhetik vollstopfen. Schöne Lügen vor den unverrückbaren Tatsachen der Natur.

Irgendwie so oder anders, sicher jedenfalls gehts hier um Inszenierung und Wahrheit, um Shakespeare, Ozu und Bresson. In einer erstaunlich lustigen Szene auf den Berliner Strassen erleben wir Astrids Kernschmelze. Da wirft sie einem befreundeten Regisseur vor, er könne doch nicht echte Kranke und professionelle Tänzer in seinem Film aufeinandertreffen lassen. Sie findet das, grob gesagt, einen Verrat an der Wahrheit des Todes. Einen Kollaps der Kunst, weil der Körper, wenn er stirbt, sich nicht mehr beherrscht und nicht mehr lügen kann, nur noch sein Sterben ausdrückt. Der Kollege hört ernsthaft zu, weiss aber nicht, was sie jetzt plötzlich hat.

Sie geht aufs Ganze, der Esel auch

Angela Schanelec ist Professorin an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Vor zehn Jahren ist ihr Mann, der Theaterregisseur Jürgen Gosch, an Krebs gestorben. «Ich war zuhause, aber» ist also ein sehr persönliches Projekt, in dem einige deutsche Schauspielstars der Zeit auftreten, etwa Franz Rogowski oder Lilith Stangenberg. Welche Figuren sie spielen, ist nicht immer klar, es sind vielmehr Konstellationen. Und weil das künstlich inszeniert ist, die Darsteller wie Statuen Sätze aufsagen, erinnert das einen Teil der Kritiker wieder daran, dass sie ja im Kino sitzen und nicht einfach in einer Unterhaltungsmaschine, was sie dann so richtig wütend macht.

Dabei müsste klar sein, dass hier eine Regisseurin aufs Ganze geht. Man sieht in jedem Bild die Genauigkeit und die Sicherheit, mit der Angela Schanelec vorgegangen ist, und die Jury unter der Leitung von Juliette Binoche müsste das eigentlich auch sehen. Nur schon dieser Esel, der zu Beginn aus einem Fenster schaut. Am Ende kommt er wieder vor, aber jetzt blickt uns das Tier direkt an. Als könne die Kunst eben doch das Unbeherrschte einfangen, und wer ist jetzt hier der Esel?

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