Was man sich in Locarno anschauen sollte

9 Tipps aus dem Programm des 71. Filmfestivals Locarno

Auf der Piazza Grande gibts dieses Jahr Leichtes, aber auch Knallhartes.

Auf der Piazza Grande gibts dieses Jahr Leichtes, aber auch Knallhartes.

(Bild: Keystone)

Pascal Blum@pascabl
Matthias Lerf@MatthiasLerf

Das Allerwichtigste zuerst: Neuerdings lassen sich in Locarno nicht nur auf der Piazza Grande, sondern auch in den Sälen Palacinema, La Sala und Palavideo für einen Aufpreis von drei Franken eine bestimmte Anzahl Plätze vorab reservieren. Dies nicht zuletzt, weil es wegen des Ticketsystems im letzten Jahr Reklamationen gab. Womit nur noch die Frage übrig bleibt: Wofür soll man sich denn überhaupt Plätze sichern? Ein Rundgang in neun Tipps.

«Coincoin et les Z’inhumains»

Sie beginnt schon mit einem Buster-Keaton-Zitat, die Fortsetzung von Bruno Dumonts Fernsehserie «Quinquin» hoch aus dem herben französischen Norden. Wieder hat er mit Laien aus der Region gedreht: Der kleine Quinquin mit der krummen Nase ist jetzt zum Teenager hochgeschossen, während die beiden Ermittler von der Gendarmerie Nationale noch immer irre unfähig sind. Sie bekommen es neuerdings mit ausserirdischem Magma zu tun, das aussieht wie Kuhdreck und plötzlich aus dem Himmel fällt, meistens auf Köpfe. Die Alien-Bedrohung ändert vorerst nichts an der mimischen Tourette von Kommissar Van der Weyden und dem ungläubig aufgerissenen Augen seines Kollegen Carpentier, der weiterhin eine Schwäche hat für idiotische Stunts mit dem Polizeiwagen. Sie ändert auch nichts an der schauerlichen Komik dieses Vierteilers, der sich mit den interessanten Verhaltensweisen der Landjugend ebenso beschäftigt wie mit Flüchtlings-Camps und lesbischen Bäuerinnen. Und wahrscheinlich wird man sagen: Passt super zur Leo-McCarey-Retrospektive mit Stan Laurel und Oliver Hardy, diese grobmotorische Clownerie aus einem Land, in dem die Endzeit der Menschheit angebrochen ist.

4. 8., Piazza Grande, 21.30 Uhr (zweite Vorführung)

«The Equalizer 2»

Von schweigsamen Männern, die im Ohrensessel Proust lesen, weiss man natürlich, dass sie in Wahrheit beinharte Killer sind, die die Gefahren im Raum innert Sekunden gescannt und ihre Gegner längst erledigt haben, wenn diese noch nach ihren Revolvern suchen. Denzel Washington ist so ein Killer, jetzt schon zum zweiten Mal, und nun gehts auf teils brutalen Wegen um ein Komplott, in das seine Geheimorganisation verwickelt wird. Derweil kommt er kaum dazu, Proust zu lesen (er arbeitet sich eben durch eine Liste mit den 100 besten Büchern der Weltliteratur). Aber dafür hatte er Zeit gehabt, «Zwischen mir und der Welt» des afroamerikanischen Intellektuellen Ta-Nehisi Coates abzuhaken, weshalb er seine Ausgabe einem talentierten schwarzen Kunststudenten vermacht, auf dass dieser nicht im Drogen-Corner lande. Ist kein Witz.

4. 8., Piazza Grande, 21.30 Uhr.

«BlacKkKlansman»

Ein schwarzer Polizist, der den Ku-Klux-Klan infiltriert, wo gibts denn so etwas? In der wahren Geschichte, auf die sich Spike Lee in seinem neuen Werk stützt: eine energetische Satire auf den Rassenhass in den USA damals und heute, so populär aufgemacht wie holzhammerhart auf die Gegenwart gewuchtet. Sagen wir so: Die Leichtigkeit von Laurel und Hardy wird das nicht haben. Es gibt aber genug Leute, die finden «BlacKkKlansman» richtig gut.

5. 8., Piazza Grande, 21.30 Uhr.

«Pájaros de verano»

Das Epos kann nur die Fernsehserie? Quatsch: «Birds of Passage» aus Kolumbien erzählt in zwei Stunden eine Saga über den Drogenkrieg, in den sich eine indigene Familie ab den 70er-Jahren an verwickelt. Es geht über Jahrzehnte, es geht um Profit und Reichtum, um strenge Bräuche und die Brutalität des Drogenhandels, um Gewalt gegen und über Menschen. Kommt auch noch regulär ins Kino, verpassen sollte man diese phänomenale Verdichtung einer Familiengeschichte auf keinen Fall. Es ist wie der lateinamerikanische «Godfather».

10. 8., Piazza Grande, 21.30 Uhr.

«Closing Time»

Nicole Vögele, geboren 1983 in Olten, arbeitet für Schweizer Fernsehen und für ihre eigene Filmografie: «Nebel» hiess ihr an der Berlinale gezeigter Essay über ein vermeintlich lapidares Phänomen, das bei ihr zu wehen und wüten, zu dunsten und zu wabern begann – besonders auch auf der mächtigen Tonspur. «Closing Time» wird in der Sektion Cineasti del Presente gezeigt und verspricht eine ähnlich sensorische Rundumerfahrung. Der immersive Dokfilm spielt in einer und um eine Nachtküche in Taipeh.

7. 8., 11 Uhr, Palacinema 1.

«Alice T.»

Radu Muntean hat mit dem hoch präzisen Beziehungsdrama «Tuesday, After Christmas» einen der eindrücklichsten Filme der neuen rumänischen Welle gedreht – mit langen Einstellungen und unglaublich talentierten Darstellern. «Alice T.» (im internationalen Wettbewerb) dreht sich nun um die Problem-Teenagerin Alice T, deren Adoptivmutter auf einmal schwanger wird. Könnte ungeheuerlich werden, also ungeheuerlich gut.

4. 8., 14 Uhr, Fevi.

«Le vent tourne»

Bettina Oberli kehrt auf die Piazza zurück, wo vor zwölf Jahren ihre «Herbstzeitlosen» fulminant Premiere feierten. Der Wind hat aber tatsächlich gedreht: «Le vent tourne» ist ein Drama aus dem Jura, mit französischen Darstellern. Es geht um ein Bauernpaar, das sich von der Umwelt weitgehend abschotten will und deswegen ein Windrad zwecks Stromproduktion aufstellen lässt. Doch die Welt lässt sich nicht aussperren.

6. 8., Piazza Grande, 21.30 Uhr.

«Diane»

Kent Jones ist eigentlich Filmkritiker und Dokfilm-Regisseur («Hitchcock/Truffaut»), im mittleren Alter hat der Amerikaner nun aber offenbar seine Berufung gefunden, wie sie schon die Leute von der Nouvelle Vague vorgemacht haben: Der Kritiker dreht einfach selber Spielfilme. Sein Debüt «Diane» (Wettbewerb) ist das Porträt einer Selbstlosen und gewann den Hauptpreis am Tribeca-Filmfestival.

3. 8., 14 Uhr, Fevi.

«Manchester by the Sea»

Wenn man mit den Filmen von US-Regisseur Kenneth Lonergan spontan etwas verbindet, dann vielleicht den Umstand, dass es unmöglich ist, sie zu schauen und nicht zu weinen. War schon so beim durch Produktionsprobleme verzögerten Drama «Margaret», gilt auch für das Oscar-prämierte Drama «Manchester by the Sea», in dem ein Mann sich seiner Vergangenheit stellen muss, die in diesem Fall so bestürzend und traurig ist wie sonst wenig. Der Film läuft im Rahmen der Ehrung des US-Produzenten Ted Hope.

3. 8., 17 Uhr, Palavideo.

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