Was heisst es eigentlich, eine gute Schauspielerin zu sein?

Die griechisch-französische Schauspielerin Ariane Labed hat das Zeug zum Star. Um Filmrollen zu ergattern, müsse sie aber begehrt werden, erzählt sie in London. 

Empfindet das Wissen, nicht richtig dazuzugehören, als beruhigend: Ariane Labed. Foto: Xavier Lambourd (Laif)

Empfindet das Wissen, nicht richtig dazuzugehören, als beruhigend: Ariane Labed. Foto: Xavier Lambourd (Laif)

Pascal Blum@pascabl

«Für wen hältst du dich, Kate Winslet?» Ariane Labed steht vorne an der Reling des Frachters. «Lieber Leonardo DiCaprio», antwortet sie dem Kapitän und küsst ihn dann doch, auch wenn sie weder Kate Winslet noch Leonardo DiCaprio ist.

Das französische Drama «Fidelio», in dem Ariane Labed die Schiffsmechanikerin Alice spielt, macht sich nicht von ungefähr über «Titanic» lustig. Alice ist kein Romantikopfer, sondern die einzige Frau in einer Schiffsmannschaft. Einmal platzt ein Offizier spät zu ihr in die Kajüte, sie stellt sich ihm resolut entgegen. In der Kantine erzählt sie, sie habe mit Männern auf fünf Kontinenten geschlafen. Da könne man so manche Überraschungen erleben. 

Für ihre Rolle in Lucie Borleteaus «Fidelio» gewann Ariane Labed 2014 am Festival in Locarno den Darstellerinnenpreis. Die 34-Jährige wurde in Griechenland geboren, ihre Eltern sind Lehrer und stammen aus Frankreich. Sie zogen mit ihr nach Deutschland, später zurück in die Kleinstadt Bourges, wo Labed die Matura machte. Sie studierte Tanz und Theater, gründete Gruppen, spielte auf Bühnen in Athen. 2010 wurde sie richtig bekannt, als sie in «Attenberg» als von der industrialisierten Welt angeekelte Frau allerhand Tiere auf grotesk-verspielte Weise nachahmte. 

Heute lebt sie in London, zusammen mit ihrem Mann, dem griechischen Filmregisseur Yorgos Lanthimos («The Lobster»). Das Treffen findet im poshen Islington in Nordlondon statt. Im Café St. Paul lümmeln junge Laptop-Städter auf der Fensterbank. Auf der Theke türmen sich Riesenbrownies. Ariane Labed sitzt am Rand bei den Kacheln und schüttet Tee aus der Kanne nach. Termine mit ihr organisiert entweder die Agentur in Paris oder jene in London. Welche diesen hier übernommen hat, weiss sie selber nicht genau. 

Ihr Parfüm heisst Nomade

Dabei ist es gerade eine ruhige Zeit. «Es ist angenehm, eine ­Weile auszusetzen. Man kriegt ­immer noch Drehbücher zugeschickt. Ich merke, dass die Leute an mich denken. Aber was, wenn das aufhört?» Vor zwei Jahren war Labed in der Videogame-Verfilmung «Assassin’s Creed» zu sehen. Sie hat das vor allem wegen der physischen Leistungen gemacht, die so eine Rolle fordert. «Das mag ich gern. Es ist ja nicht so, dass ich das Drehbuch von ‹Assassin’s Creed› lese und sage: Das will ich machen!»

Einen kleineren Part hat sie im neuen Drama der Britin Joanna Hogg, das an vielen Festivals laufen wird. Zwischendurch liess sie sich einspannen für eine Parfüm-Kampagne. Ariane Labed ist das Gesicht zum Duft «Nomade». Als sie den Namen ausspricht, merkt man, dass sie das auch nicht besonders grossartig findet. Yeah, ts. Ein Parfüm.   

Unabhängigkeit ist eine Körperhaltung; etwas, das man ihrer Figur Alice ansieht.

Ariane Labed hat nun aber sowieso das Skript für ihren ersten Kurzfilm fertig. Eine Geschichte über eine junge Frau, angesiedelt in Bourges, wo ihre Eltern noch immer wohnen. Das Centre national du cinéma et de l’image animée (CNC) hat ihr bereits eine Absage geschickt. Das CNC ist die staatliche Förderbehörde in Paris. «Wir verstehen nicht, was die Motivation der Figur ist. Solche Dinge haben die mir geschrieben.»

Labed gehört nicht zur Pariser Schickeria, auch in London kommt sie sich vor wie eine Touristin. Sie fühle sich eigentlich überall wie eine Ausländerin. Aber das Wissen, nicht richtig dazuzugehören, könne ja auch beruhigend sein. Auf Londons Strassen würden sie höchstens die Exilgriechen erkennen. Es sei schon verrückt, sagt Labed: Sie sei eine Schauspielerin, die ­gerade nicht drehe. Allzu lange könne sich das keine Schauspielerin erlauben.

Grausame Konkurrenz

«Unsere Arbeit beruht auf dem Verlangen der anderen. Als Darstellerin kann man von sich aus nichts tun. Man ist angewiesen darauf, dass man begehrt wird.» Es sei fucked up, sein Leben darauf auszurichten. Zugleich sei es vertrackt. Es gebe ja die Möglichkeit, das Machtspiel mitzuspielen, die eigenen Verführungskünste anzuwerfen, um die Lust der anderen zu entfachen und an eine Rolle heranzukommen. «Man kann das nutzen, nur denkt man dann: Was zum Teufel tue ich da?» In ihrem Tanzstudium habe sie Ballett gemacht und gemerkt: Das ist reine, grausame Konkurrenz. Kino sei anders, aber sie wisse nicht einmal genau, was es bedeute, gut zu sein. «Was heisst es, eine gute Schauspielerin zu sein?»

Bei Ariane Labed heisst es, intuitiv zu bleiben, gerade wenn ihr Körper, wie das in ihrem Filmen oft geschieht, Angriffen ausgesetzt ist. Für Alice in «Fidelio» bedeutet Autonomie, Herrin zu sein über das eigene Verlangen, auch wenn sie sich den Männern hingibt. Unabhängigkeit ist eine Körperhaltung; etwas, das man ihr ansieht, wenn sie die Gangway des Frachters hinunterkommt. Wenn man bei der Internet Movie Database den Namen Ariane Labed eingibt, steht unter Erkennungsmerkmal: physical acting . «Das gefällt mir», sagt sie. Im Café St. Paul hat sie noch immer niemand erkannt. 

«Fidelio, l’odyssée d’Alice». Xenix-Openair heute, 21.30 Uhr. 

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