Was das Zurich Film Festival von Toronto lernen kann

Das Programm in Kanada spannt den Bogen zwischen zukünftigen Oscar-Siegern und extremen Arthouse-Filmen – sechs Anregungen, wie Zürich davon profitieren könnte.

Viel Freude am Toronto International Film Festival: Schauspieler Rob Morgan vor der Filmpremiere des potenziellen Oscarfilms «Just Mercy».

Viel Freude am Toronto International Film Festival: Schauspieler Rob Morgan vor der Filmpremiere des potenziellen Oscarfilms «Just Mercy».

(Bild: Keystone)

Matthias Lerf@MatthiasLerf

1. Programm akzentuieren

In Toronto und Zürich zu sehen: Joaquin Phoenix als Joker. Foto: © 2019 Warner Bros

Eigentlich wird in Toronto wie in Zürich das Gleiche gezeigt: Kraut und Rüben. Vom grossen Hollywood-Blockbuster, der gleich in die Kinos kommt, bis zum obskuren Experiment hat alles Platz. Filme wie die Comic-Adaption «Joker» (deren Premiere in Venedig war) und das Rennfahrerdrama «Le Mans 66» (in Nordamerika läuft es unter dem Titel «Ford v. Ferrari») werden in beiden Städten als Galapremieren präsentiert. Das ist in Ordnung, schliesslich handelt es sich um Publikumsfestivals. Und die potenziellen Kassenschlager öffnen auch die Augen für anderes.

Viele, viele Filme gab es am soeben zu Ende gegangenen Toronto International Film Festival (Tiff) zu sehen, es waren nicht weniger als 333. Und an dem in einer Woche beginnenden Zurich Film Festival (ZFF) sind es auch 170. Aber in Toronto ist die Struktur viel übersichtlicher. Es gibt zum Beispiel nur einen einzigen Wettbewerb namens «Platform», der den innovativen Erstlingswerken gewidmet ist. In Zürich dagegen konkurrieren die Produktionen in nicht weniger als drei Wettbewerben, wobei die deutschsprachigen Filme in das Ghetto einer eigenen Veranstaltung abgeschoben werden. Darum, liebes ZFF: Aufräumen!

2. Oscar antizipieren

Hitler am Tisch: Mit dem Publikumspreis von Toronto ist die schwarze Komödie «Jojo Rabbit» Oscarkandidat. Foto: © 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation

Toronto gilt als Oscar-Beschleuniger, die grossen US-Studios testen dort ihre Chancen auf die begehrten Preise. Dabei können die Hoffnungen allerdings bereits mit einer einzigen Vorstellung zerstört werden. Das geschah dieses Jahr bei der ambitionierten Literaturverfilmung «The Goldfinch» mit Nicole Kidman, die bei Kritik und Publikum durchfiel. Auf der anderen Seite können Filme richtig hochgespült werden wie letztes Jahr «Green Book», der in Toronto ziemlich unerwartet den Publikumspreis gewann – und später auch den Oscar.

Der Publikumspreis von Toronto ist ein wichtiger Indikator für die Oscars, die Sieger der Vorjahre waren «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» und «La La Land». In der Regel sind diese Filme auch am ZFF zu sehen, «Green Book» war letztes Jahr gar Eröffnungsfilm. Der Toronto-Publikumssieger von diesem Jahr heisst «Jojo Rabbit», eine Satire aus dem Zweiten Weltkrieg, in der ein Junge von Adolf Hitler persönlich Tipps zum Überleben erhält. Der Führer wird dabei vom neuseeländischen Regisseur Taika Waititi («Thor: Ragnorok») selbst gespielt. Er wird es bei den Oscars ebenfalls weit bringen. Ohne das ZFF allerdings, der Film fehlt im Angebot. Bitte nachprogrammieren!

3. Strassen sperren

Da ist kein Durchkommen mehr: Die Strasse samt Tramgleisen vor den Premierenkinos wird in Toronto gesperrt. Foto: Keystone

Zürich hat einen roten, Pardon, grünen Teppich. Aber wenn ein Tram kommt, müssen die Stars warten. Toronto hat ein ähnliches Problem. Aber dort wird die Strasse vor den Premierenkinos kurzerhand gesperrt, auf alle Fälle am ersten Wochenende. Die ganze Gegend verwandelt sich zur verkehrsfreien Festivalmeile mit Essensständen und Begegnungsstätten. Der riesige Rückstau in den anderen Strassen wird dabei in Kauf genommen. Wäre das am Bellevue nicht auch möglich?

4. Frauen zählen

Hier auf dem Toronto-Podium, bald schon in Zürich: Kristen Stewart. Foto: Keystone

Kein Festival, das sich in den letzten Jahren nicht die bessere Sichtbarkeit von Frauen auf die Fahne geschrieben hat. 36 Prozent aller Filme stammten von Frauen, verkündete Tiff-Co-Direktorin Joana Vicente in Toronto. Und auch ZFF-Co-Direktorin Nadja Schildknecht konnte vor ihrem letzten Festival von einem «Frauenrekord» sprechen, 55 der 170 Filme hätten Regisseurinnen gedreht.

Da gibt es also an beiden Orten Fortschritte, auch wenn man die Zahlen so oder anders interpretieren kann: Im internationalen Wettbewerb von Zürich sind zum Beispiel nur vier von vierzehn Filmen von Frauen. Und wie sieht es mit der weiblichen Vertretung in der Direktion aus? Toronto wurde lange von zwei Männern geführt, ab diesem Jahr sind es nun eine Frau und ein Mann. Das ZFF dagegen wurde seit der Gründung von einer Frau und einem Mann geleitet, ab nächstem Jahr ist ein Mann allein Gesamtverantwortlicher. Das ist ein Rückschritt.

5. Stars ausstellen

Renée Zellweger in der Rolle ihres Lebens als Judy Garland in «Judy». Foto: Pathé

Das ZFF bekommt seit den Anfängen Lorbeeren für die Hollywoodprominenz, die Zürich besucht. Johnny Depp, Sylvester Stallone, Judi Dench, viele waren da und haben für Aufregung gesorgt. Auch dieses Jahr kann sich das Angebot sehen lassen, mit Kristen Stewart konnte dabei eine Schauspielerin verpflichtet werden, die auf dem Höhepunkt ihres Schaffens steht. Gut so.

Toronto als zweitwichtigstes Festival der Welt kann dabei, rein von seiner Position her, noch mehr aus dem Vollen schöpfen. Alle Filme werden begleitet, die Stars sind integriert, Joaquin Phoenix und Renée Zellweger geben nach den Vorführungen wie selbstverständlich Auskunft im Kino und beantworten auch Publikumsfragen. Reist bei einer Premiere für einmal niemand an, wie letztes Jahr bei einer Gala, wird der Film kurzerhand aus dem Programm gekippt. In Zürich wird der Film trotzdem gezeigt – einfach in einem kleinen Kino in der Sihlcity. Konsequenter sein!

6. Freiwillige kultivieren

Unübersehbar: Volunteers im orangen T-Shirt in Toronto. Foto: Keystone

Denn ersten Applaus in Toronto gibt es in jeder Vorstellung, bevor der eigentliche Film beginnt. Er gilt dem Trailer, der die Volunteers besingt, die 3000 freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an allen Ecken und Enden Auskunft geben, Tickets kontrollieren und die langen Warteschlangen und die Häuserblocks koordinieren. Sie gehören in ihrem orangen T-Shirt zum Erscheinungsbild des Festivals und sorgen für einen Zusammenhalt, der sich auch auf die Besuchenden niederschlägt.

Auch das ZFF könnte ohne Volontäre nicht funktionieren. Aber sie wirken viel diskreter und zurückhaltender. Darum: diese Menschen in den Vordergrund rücken, sie feiern. Damit die ganze Stadt diese Menschen und damit auch das Festival liebt.

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