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Was das Kriegskino mit uns macht

«1917» ist ein ergötzliches Gemetzel. Warum fasziniert uns das? Und was kümmert uns der Erste Weltkrieg? Expertin Elisabeth Bronfen erklärts.

Hans Jürg Zinsli
Fast schon magisch: George MacKay im Film «1917». Foto: Universal Pictures and Storyteller Distribution Co.
Fast schon magisch: George MacKay im Film «1917». Foto: Universal Pictures and Storyteller Distribution Co.

Der für zehn Oscars nominierte Kriegsfilm «1917» beginnt, fast schon idyllisch, mit einer Blumenwiese. Als die Kamera sich in Bewegung setzt, rücken zwei schlafende Soldaten ins Bild. Aber bald ists mit der Ruhe vorbei, denn erstens befinden wir uns im Ersten Weltkrieg, und zweitens werden Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) umgehend zu ihrem General (Colin Firth) beordert, der sich irgendwo im Schützengraben verbunkert hat.

«Diese Kamerafahrten durch die Schützengräben sind kein Zufall, sondern eine Referenz an Stanley Kubricks ‹Paths of Glory› von 1957», sagt Elisabeth Bronfen, Professorin für englische und amerikanische Literatur an der Uni Zürich. In ihrem Buch «Hollywoods Kriege» hat sie Filme von «The Birth of a Nation» bis zu «Flags of Our Fathers» einer Analyse unterzogen und aufgezeigt, wie sich dieses Genre immer wieder auf sich selbst und seine Vorgängerfilme beruft.

Unbekannte Hauptdarsteller, radikale Unmittelbarkeit

Anders als bei Kubricks Film über den Ersten Weltkrieg sind es in «1917» allerdings «nur» die beiden Gefreiten, die eine Nachricht an ihre verbündeten Truppen überbringen sollen. Es geht um die Rettung von 1600 Mann vor einem deutschen Hinterhalt, und dafür muss das Duo bei Tageslicht feindliche Stellungen durchqueren.

Eine schwierige Aufgabe. Nicht nur für die britischen Soldaten, sondern für den ganzen Film. Wie begeistert man Zuschauer für ein Geschehen, das sich vor über 100 Jahren zutrug? Regisseur Sam Mendes hat sich für zwei relativ unbekannte Hauptdarsteller und für eine radikale Unmittelbarkeit entschieden: Die zwei Stunden von «1917» laufen in Echtzeit ab, sind scheinbar eine einzige Plansequenz, also eine Einstellung ohne Schnitt, wobei die Schnitte bloss gut verborgen sind. Dennoch oder gerade deshalb kann man sich fragen: Worin besteht die Faszination des Kriegskinos? Und warum kommen solche Filme – zuletzt die Dokumentation «They Shall Not Grow Old» von Peter Jackson – gerade jetzt in die Kinos?

Uniprofessorin Elisabeth Bronfen: «Kriegskino ist Geschichtsunterricht» Foto: Nicola Pitaro
Uniprofessorin Elisabeth Bronfen: «Kriegskino ist Geschichtsunterricht» Foto: Nicola Pitaro

«Das Kriegskino ist fürs Publikum vor allem Geschichtsunterricht – und zwar immer wieder aufs Neue», sagt Bronfen. «Filmschaffende wiederum können so zeigen, was sie draufhaben.» Man müsse ja nicht nur Menschen in Bewegung setzen, sondern auch Lastwagen, Pferde, Flugzeuge, Panzer. Ganz zu schweigen von den Herausforderungen für die Kamera.

Nun könnte man denken, dass «1917» einfach eine gut gemachte Nostalgieveranstaltung ist. Diese Kritik greift indes zu kurz. «Für Schweizer ist das schwieriger zu verstehen», sagt Bronfen, «aber Grossbritannien und die USA sind Länder, in denen praktisch alle Generationen in Kriege involviert waren. Das verbindet Familien über Jahrzehnte hinweg – über die Erbschaft der militärischen Leistung.» Da versteht man dann auch, warum sowohl Jackson wie Mendes ihre Grossväter, die im Ersten Weltkrieg kämpften, als Inspirationsquellen nennen.

Aber was haben die Schlachten von damals mit der Gegenwart zu tun? Im Umfeld des Brexit könne man sagen, dass «1917» in die Kategorie «When England was great» gehöre, sagt Bronfen. «Kriegskino bietet die Möglichkeit, die Geschichte in Bezug auf die Gegenwart mit Pathos zu reflektieren. Das ist eine Art Rückeroberung. Man kann solche Werke aber auch gut für Propaganda brauchen.» Wobei schon die täuschend echte Plansequenz als Verkaufsargument funktioniert: Da könnt ihr sehen, wie es wirklich war. Wirklich?

«Der Zweite Weltkrieg, der als notwendiger Krieg galt, ist weitgehend auserzählt.»

Elisabeth Bronfen, Kriegskino-Spezialistin

Dass der Erste Weltkrieg gerade jetzt im Fokus steht, ist kein Zufall. Es gebe hier noch erzählerisches Neuland zu gewinnen, sagt Bronfen, im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, der zwar als notwendiger Krieg galt, dessen Schlachten und Geschichten aber weitgehend auserzählt seien. «Das Spezielle am Ersten Weltkrieg ist, dass er ausgesprochen zerstörerisch und sinnlos war. Die Krieger starben zu Hunderttausenden wegen ein paar Meter Terraingewinn, oder sie kamen als Prothesenmenschen nach Hause.»

Erstaunlicherweise blendet «1917» solche Grausamkeiten weitgehend aus. Was wir sehen, sind zwei verzweifelte Soldaten, die – mit wenigen Ausnahmen – auf Leidensgenossen oder auf eine hilfsbedürftige junge Mutter stossen. «Das hat etwas Melancholisches und Verklärtes», sagt Bronfen. Man könne diesen Film deshalb einerseits als «Alice im Wunderland»-Märchen lesen. «Andererseits spricht er, was die Jump-and-Run-Ästhetik betrifft, auch Fans von Videospielen an. Die Farben sind fantastisch, die Felder wirken fast magisch. Das hat für mich etwas Pastorales.»

Radikale Unmittelbarkeit: Regisseur Sam Mendes (rechts) und Kameramann Roger Deakins am Set von «1917». Foto: Universal Pictures and Storyteller Distribution Co.
Radikale Unmittelbarkeit: Regisseur Sam Mendes (rechts) und Kameramann Roger Deakins am Set von «1917». Foto: Universal Pictures and Storyteller Distribution Co.

Tatsächlich scheint Mendes’ Film die Genrekonventionen des Öfteren zu sprengen. Dabei würde man bei Kriegsfilmen eine möglichst getreue Nachbildung der Wirklichkeit erwarten. Dieser Realitätsanspruch – in «1917» mit der falschen, aber faszinierenden Plansequenz auf die Spitze getrieben – ist allerdings nur eine weitere Illusion. Steven Spielberg habe diese Realität mit «Saving Private Ryan» abzubilden versucht, was den Zweiten Weltkrieg betrifft, sagt Bronfen. «Aber ich halte es eher mit John Ford: ‹Wenn du in einer Schlacht kämpfst, dann siehst du Pulverdampf und Nebel und sonst gar nichts.›»

«Man kann ‹1917› von der Form her geniessen. Aber was geniesst man da? Etwas absolut Zerstörerisches.»

Elisabeth Bronfen, Kriegskino-Spezialistin

Tatsächlich unterlaufen Kriegsfilme die Erwartungshaltung des Kinozuschauers fortlaufend, und sie konfrontieren ihn mit einem Paradox: Vollendung kontra Vollstreckung, könnte man sagen. In «1917» ist das zur Perfektion gebracht. Der Film lasse sich formal geniessen, sagt Bronfen. «Aber was geniesst man da? Etwas absolut Zerstörerisches.» Machart und Inhalt scheinen sich fortlaufend zu bekämpfen. Es ist ein Krieg über den Krieg.

Bleibt die Frage: Wie müsste denn ein Kriegsfilm aussehen in seiner vollendeten Struktur? «Formal so uninteressant wie möglich», sagt Bronfen, «aber dann wäre er eben auch als Kriegsfilm uninteressant.» Noch ein Paradox, klar. Und was wäre die realitätsgetreueste Form? Bronfen verweist auf Regisseur Sam Fuller («The Big Red One»), der mal gesagt haben soll: «Echtes Kriegskino wäre es, wenn während des Films über die Köpfe der Zuschauer hinweg mit scharfen Patronen geschossen würde.»

«1917»: Ab 16. Januar im Kino.

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