Von der Farce zum Drama

Für seine schwarze Komödie «Suburbicon» verpasst George Clooney einem alten Script der Coen-Brüder einen bemüht zeitgemässen Anstrich. Sozialkritik von der ­Kinostange.

1986, zwei Jahre nach ihrem kultigen Debütfilm «Blood Simple», schrieben die Brüder Joel und Ethan Coen an einer makaberen Neo-Noir-Komödie. Das fertige Script verschwand in der Schublade, ehe es George Clooney Jahrzehnte später wieder hervorzog. Clooneys «Suburbicon» dürfte jedoch ganz anders geworden sein als das, was den Coens damals vorschwebte.

Der Plot ist in einer am Reissbrett entstandenen Vorzeigevorstadt in den USA der 1950er angesiedelt. In einer Zeit also, die im US-Kino schon seit langem vor allem als Klischee funktioniert: nostalgisch verklärt oder verteufelt als finsterer Hort der Bigotterie. Es dürfte klar sein, welche Schablone der politisch engagierte und demokratisch gesinnte Clooney an dieses Zeitalter anlegt.

1986, als David Lynch in seinem Skandalschocker «Blue Velvet» die Doppelmoral hinter den blütenweissen Lattenzäunen schonungslos sezierte, wäre das vielleicht noch frisch und frech gewesen. Mittlerweile wirkt es eher abgestanden. Dennoch: Die Story um den biederen Hornbrillenfamilienvater Gardner Lodge (Matt Damon) hat das Potenzial für eine knackige schwarzhumorige Satire.

Opfer oder Täter?

Nachdem Schuldeneintreiber der Mafia seine Frau Nancy ermordet und seinen Sohn Nicky bedroht haben, schlägt Gardner zurück. Tatkräftig unterstützt von Nancys Zwillingsschwester Margaret. Nach und nach schwant einem allerdings, dass die beiden möglicherweise gar nicht die unschuldigen Opfer sind, für die sie sich zuerst aus­geben.

Matt Damon verkörpert den abgründigen Durchschnitts­amerikaner mit einer grandiosen Mischung aus jungenhaftem Charme, spiessbürgerlicher Trotteligkeit, lakonischem Zynismus und unterdrückten Aggressionen. Julianne Moore überzeugt in ihrer Doppelrolle als Ehefrau und Schwägerin mit bittersüssem «Bad Mom»-Charisma.

Doch trotz solch famoser Darbietungen, die von einem Kurzauftritt Oscar Isaacs als dubiosen Versicherungsdetektiven gekrönt werden, hängen die Figuren seltsam in der Luft, weil Clooney sie konsequent auf Distanz hält. Es ist, als interessierte er sich nicht wirklich für seine Charaktere, als hätte er sie sich nur schnell von den Coens geborgt, um... Ja, wofür eigentlich?

Wahre Geschichte

Eine ziemlich klare Ahnung davon, was dem 56-jährigen Hollywoodstar mit seiner mittlerweile sechsten Regiearbeit vorschwebt, erhält man, wenn er einen Blick über den Zaun zu den neuen Nachbarn der Lodges wirft. Nebenan nämlich ist eine afroamerikanische Familie eingezogen, die es im Drehbuch der Coens ursprünglich nicht gab. Clooney hat sich für diesen Seitenstrang von einer wahren Geschichte inspirieren lassen.

In dicken Strichen pinselt er den Rassenhass auf die Leinwand. Erst steht ein entsetzter Briefträger bei den Neuankömmlingen vor der Tür. Kurz darauf folgt der wütende Mob. Dass Clooney gleichsam en passant ein ernst zu nehmendes Drama in seine Farce ­hineinzuschmuggeln versucht, tut beiden nicht gut.

Zu offensichtlich ist, worauf es der Filmemacher hier anlegt. Sein «Suburbicon» hält Trumps Amerika den Spiegel vor. Dieser zeitgemässen Message hechelt der Film hinterher, ohne dabei je zu sich selbst zu finden.

Suburbicon: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

Berner Zeitung

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