Der internationale Interlakner

Interlaken

Die Wiederentdeckung des fotorealistischen Malers Rudolf Häsler geht in die nächste Runde: Der Berner Filmemacher Enrique Ros konnte für seine Produktion auf unveröffentlichtes Material zurückgreifen.

Der offizielle Trailer zu «Rudolf Häsler - Odisea de una vida». <i>Video: Youtube/Kombinat Filmdistribution</i>

Stefanie Christ@steffiinthesky

Zwei Dokumentarfilme in zwei Jahren – so viel Ehre wird gemeinhin eher verstorbenen Weltstars wie Michael Jackson oder historischen Ereignissen wie der 1968er-Bewegung zuteil. Der 1927 in Interlaken geborene Maler Rudolf Häsler war zwar kein Weltstar, aber seine Kunst nährte sich unter anderem an einem bedeutenden historischen Ereignis: der kubanischen Revolution.

Häsler, der Direktor

Nach dem Sturz des Diktators ­Batista 1959 amtete Häsler, der damals mit seiner kubanischen Frau im Karibikstaat lebte, bald als Direktor für Kunsthandwerk und prägte nach eigenen Worten «als Vater alles, was es heute in Kuba an Kunsthandwerk gibt». Nach dem Argentinier Che Guevara war Häsler somit der höchste Ausländer in Kubas Regierung.

Doch sein Name wurde aus der Geschichtsschreibung gestrichen, als er bei Fidel Castro in Ungnade fiel und 1969 das Land Richtung Barcelona verlassen musste. Rückblickend sprach er, der einst die Revolution romantisiert hat, von einem «kommunistischen Terrorregime».

2016 wurde dem 1999 verstorbenen Künstler in der Bromer Kunst in Langenthal eine grosse Retrospektive ausgerichtet, begleitend dazu erschien der Dokumentarfilm «Coca-Castro» von Kurator Christian Herren und Daniel Bleuer.

Als Ausgangspunkt diente diesem teils experimentellen Film die fotorealistische Kunst Häslers – faszinierende Gemälde von Schaufenstern und Kaffeehäusern oder Porträts, die sich mit ihrer Detailtreue kaum von Fotografien unterscheiden lassen, die aber im Schatten der Bilder von Foto­realisten wie Franz Gertsch oder Gerhard Richter stehen.

Auf diese Aussensicht folgt nun mit «Rudolf Häsler – Odisea de una vida» die Innensicht. Der 1955 geborene Berner Filmemachers Enrique Ros («Meisterträume»), ein Secondo, der in Häslers Barcelona-Bildern die eigene Kindheit im Franco-Spanien wiedererkennt, hat persönliche, bisher unveröffentlichte Videoaufnahmen und Fotografien der Familie Häsler zusammengetragen.

Diese und Interviewsequenzen mit Häslers Frau María Dolores Soler Häsler, den vier Kindern – alles selbst Kulturschaffende – und Wegbegleitern lassen Häsler greifbarer erscheinen als noch in «Coca-Castro».

Der grosse, korpulente Künstler, der in jungen Jahren erst als Primarlehrer in Solothurn arbeitete, ehe er die Sahara bereiste, um sich als freischaffender Maler durchzuschlagen, kommt in alten Radioaufnahmen selbst zu Wort. Sein Spanisch klingt energisch und wird von einem unüberhörbaren Schweizer Akzent dominiert. «Flamenco mit Schwyzerörgeli», kommentiert Enrique Ros aus dem Off.

Häsler, der Networker

In klassischer Erzählform wird das Bild von einem Lebemann gezeichnet, der den Menschen sehr offen gegenüberstand und geschickt für seine Kunst weibelte. Einige Bekannte bezeichnen ihn rückblickend als authentisch und offen, andere interpretierten diese Art als opportunistisch.

Einig sind sich alle, dass der Sohn eines Postautochauffeurs sehr ein­nehmend war, ein toller Geschichtenerzähler und leidenschaftlicher Mensch mit kon­sequenter Haltung.

Als roter Rahmen fungiert ein Ausstellungsaufbau im Kunsthaus Interlaken von 2016, er­möglicht durch den Unternehmer und Kunstexperten René Brogli. Für diesen dürfte der Auftritt lukrativ sein: Brogli ist Gründer der Bromer Kunst, die den ersten Dokumentarfilm produzierte, und hat als Häsler-Sammler natürlich ein Interesse daran, dessen Marktwert zu steigern.

Genug Leinwandpräsenz erhalten auch Häslers Bilder. Nach so viel Promotion dürften sie nicht mehr so schnell in Ver­gessenheit geraten.

Vorpremiere: So, 11. 3., ab 10.30 Uhr, Kino Rex, Interlaken. Premiere:Do, 15. 3., ab 20 Uhr, Kino Rex, Bern, beide Termine in Anwesenheit des Regisseurs Enrique Ros. Weitere Vorführungen in der Region:So, 18. 3., Kino Rex, Thun, ab So, 18. 3., Movie World, Spiez.

Berner Zeitung

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