Charakterkopf jenseits von Hollywood-Klischees

Frances McDormand prägte die Oscar-Show mit ihrem MeToo-Moment. Wer ist die Schauspielerin mit Raubein-Qualitäten?

«Wir alle brauchen Geld für unsere Projekte – kommt doch morgen in unserem Büro vorbei»: Frances McDormand rief in ihrer Rede den Frauen im Saal zu, aufzustehen.

Sie sei nicht Schauspielerin, um Fotos von sich machen zu lassen. Sie sei Schauspielerin, um sich mit Menschen austauschen zu wollen. Das erzählte Frances McDormand einmal der New York Times – und tatsächlich könnte man die 60-Jährige in gewisser Weise eher in der John-Wayne-Liga verorten als in der typischer Hollywood-Cover-Girls.

Denn Raubein-Qualitäten passen zu Frances McDormand. In ihrem neuen Film «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» legt sie eine Resolutheit an den Tag, die so nur sie hinbekommt. Fast alle Beobachter hatten damit gerechnet, dass sie dafür ihren zweiten Oscar bekommen würde, und so kam es dann auch.

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In der tiefschwarzen Tragikomödie spielt McDormand diese Mutter voller Wut, voller Tatendrang und Hass und schafft es, diesen Zorn auch auf die Zuschauer zu übertragen. «Es fällt einem schlicht keine andere Schauspielerin ein, die einem bräsigen Männertrupp mit vergleichbarer Verve und Entschlossenheit einheizen könnte», urteilt SZ-Kritiker Tobias Kniebe.

Frances McDormand bringt damit einen Charakterzug auf die Leinwand, der ihr auch im echten Leben zu Eigen ist. Schon früh stand die 1957 in Chicago geborene Adoptivtochter einer Wanderprediger-Familie für das Sinnbild der starken Frau. Dabei hatte sie das Glück, schon früh auf Mitstreiter zu treffen, die so talentiert und kreativ waren, wie man es sich kaum besser wünschen kann: Ihr erstes Film-Engagement 1984 war gleichzeitig auch der Erstlingsfilm «Blood Simple» der legendären Coen-Brüder. Noch im gleichen Jahr heiratete sie Joel. In der schwarzen Komödie «Fargo» spielte sie die hochschwangere, stets heisshungrige Provinzpolizistin Marge Gunderson und wurde dafür 1997 mit ihrem ersten Oscar ausgezeichnet.

Femme Fatale der Kleinstadt

«Egal, ob McDormand tyrannisierte Ehefrauen, ausgenutzte Freundinnen, melancholische Lesben oder überprotektive alleinerziehende Mütter spielt ... ihre Figuren sind Abgesandte einer bedrohten Normalität. Stets haben sie etwas zu beschützen, zu verteidigen, beschrieb die Zeit ihre Schauspielkunst. Diese setzte sie als Psychiaterin im Gerichtsdrama »Zwielicht« (1996) ebenso ein wie als staubtrocken lustige Mutter in dem Coming-of-Age-Drama »Almost Famous – Fast berühmt« (2000) oder als gestrenge Rektorin in »Wonder Boys« (2000).

Zu Kleinstadtfiguren fühlte sich McDormand, die mit Joel Coen und ihrem Adoptivsohn in New York lebt, in ihren Filmen immer wieder hingezogen. in «The Man Who Wasn't There» von 2001 spielte sie eine Femme Fatale im kalifornischen Santa Rosa, «leidenschaftlich, zickig und verführerisch, immer ein bisschen zu sehr aufgeputzt», wie die SZ damals schrieb. Unangepasstheit ist ihr Metier.

Um Äusserlichkeiten ging es ihr nie

Das demonstrierte sie auch deutlich bei ihrer Oscar-Dankesrede, bei der sie alle nominierten Kolleginnen im Saal zum Aufstehen aufforderte – und die Männer, sie sich genau anzusehen. Unter Standing Ovations erhoben sich alsdann Schauspielerinnen, Drehbuchautorinnen, Songwriterinnen, Komponistinnen, Regisseurinnen und Designerinnen. Selten war eine Demonstration weiblichen Könnens eindrücklicher.

Kaum geschminkt und mit burschikoser Frisur ist McDormand schon rein äusserlich ein Charakterkopf – und entspricht nicht den Hollywood-Klischees. Auch bei den Oscars trat sie in ihrem hochgeschlossenen Kleid eher schlicht auf. Aber um Äusserlichkeiten ging es McDormand noch nie.

Obwohl sie dem Bild des Hollywood-Stars so wenig entspricht, stand sie im Laufe ihrer Karriere häufig an der Seite der prominentesten Vertreter ihrer Zunft. In der Coen-Satire «Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?» gab sie 2008 eine verblendete Fitnessstudiomitarbeiterin, die auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten für diverse Schönheitsoperationen mit ihrem Kollegen (Brad Pitt) einen ehemaligen CIA-Agenten (John Malkovich) erpressen will. In «Cheyenne – This must be the Place» (2011) trat sie neben Sean Penn auf und in «Transformers 3 – Die dunkle Seite des Mondes» mit Shia LaBeouf. 2012 kam sie in Wes Andersons mit Stars nur so gespickter Teenager-Romanze «Moonrise Kingdom» zum Einsatz – mit Bruce Willis, Edward Norton, Bill Murray und Tilda Swinton.

Dem Trend, Filmgeschichten in Fernsehserien zu erzählen, folgte McDormand wie so viele ihrer Kollegen, und begab sich dafür wieder in eine Kleinstadt. In der HBO-Serie Olive Kitteridge von 2014 spielte sie eine hochintelligente und strenge Mathematiklehrerin, die mit Mann und Sohn in dem fiktionalen kleinen Seebad Crosby in Maine lebt. Die Serie fügt sich zu einem Porträt der Kleinstadt über einen Zeitraum von 25 Jahren zusammen.

Die 90. Academy Awards prägte McDormand trotz – oder gerade wegen ihrer Unangepasstheit. «Ich lasse zwei Worte zurück: inclusion rider», sagte sie zum Abchied. Und hinterliess damit das Schlagwort des Abends.

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