Studiokinos gefährden mit der Filmflut ihre Existenz

Weil immer mehr Arthouse-Filme starten, liefern sich Kinos und Verleiher in Zürich einen Verdrängungskampf. Von der konfusen Situation hat niemand etwas, am wenigsten die Zuschauer.

Auch zugkräftige Filme sollen hier laufen: Lounge im Kino-Kulturhaus Kosmos in Zürich. Bild: Raisa Durandi

Auch zugkräftige Filme sollen hier laufen: Lounge im Kino-Kulturhaus Kosmos in Zürich. Bild: Raisa Durandi

Pascal Blum@pascabl

Es ist der Moment, bevor der Sturm kommt. Jüngst hat die Kitag, die in Zürich etwa das Abaton betreibt, den Kinomontag abgeschafft. Dies in einer Zeit, in der die Zuschauerzahlen in der Stadt sinken: von 2,7 Millionen im Jahr 2000 auf 2,1 Millionen im Jahr 2017 – minus 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Anzahl Filme, die pro Jahr in Zürich ins Kino kommen, um fast zwei Drittel. 2000 waren es 246, 2017 schon 406. Ein Rekord: Im Schnitt gab es im letzten Jahr fast acht Neustarts pro Woche.

Im Arthouse-Bereich stark zugenommen hat in den letzten Jahren die Zahl von Klein- und Eigenverleihern, die ihre paar Filme auch noch irgendwo zeigen wollen. Deutlich über die Hälfte der Filme stopfen aber etablierte unabhängige Verleihfirmen wie Film­coopi, Frenetic, Elite oder Praesens in die ­Kinos. Sie sind die Vertriebe der Filmwelt: Ihre Mitarbeiter lesen Drehbücher, arbeiten teils über Jahrzehnte mit denselben Regisseuren zusammen, beschaffen Kopien und Untertitel und sorgen dafür, dass ein Film zum Start beworben und besprochen wird. In Zürich lancieren sie je um die 25 Titel pro Jahr, vorwiegend im Riffraff und Houdini, im Kosmos und in der Arthouse-Gruppe. Deren Leiter geben auch ihre Meinung zu Erfolgsaussichten der Filme ab.

Aus den Gesprächen mit den Betreibern dieser Kinos und den Verleihern Filmcoopi, Xenix-Film und Look Now entstand das Bild einer Bowle: Von oben wird in der Filmstadt Zürich alles Mögliche reingeschüttet, und am Ende kommt etwas heraus, das für niemanden richtig geniessbar ist. Zu tun hat die Entwicklung mit der Digitalisierung, die bewirkt, dass Filmkopien im Vergleich zu den 35-mm-Rollen praktisch nichts mehr kosten. Verleiher stocken deshalb ihre Menge an Filmen auf und bringen das, was Kinos unbedingt zeigen wollen, zunehmend in mehreren Kopien heraus. Parallel pflügt die Digitalisierung die Freizeit um. Zuschauer streamen Filme und Serien über neue Plattformen oder bleiben dem Kino wegen der Outdoorisierung der Gesellschaft überhaupt fern.

Das Problem der Streuung

Die Folge ist, dass die Studiokinos erbittert um jeden Film kämpfen, von dem sie sich Erfolg versprechen. «Lady Bird» lief zum Start im Arthouse Le Paris, im Riffraff, im Capitol, im Kosmos und im Arena. Am meisten Zuschauer hatte der Film in der Startwoche im Le Paris, gefolgt vom Kosmos und vom Capitol. Der Besucher kann sich zwar darüber freuen, dass er zwischen vielen verschiedenen Kinos auswählen kann. Die Kinos aber verlieren an Charakter – und weil der Film ja irgendwie überall läuft, fühlt sich niemand mehr zuständig, ihn länger zu behalten, wenn die Zahlen schlechter werden. Und da es immer mehr Filme gibt, die nachrücken, fällt das Erfolglose als Erstes raus.

«Wenn ein Film am Starttag keine anständigen Zahlen macht, ist er praktisch tot», sagt Felix Hächler vom Verleih Filmcoopi. «Ich kann den Kinos ihre grosse Nachfrage nach Filmen auch nicht verdenken, da keiner mehr weiss, was beim Publikum funktioniert.» Für Frank Braun vom Riffraff und Houdini ist aber weniger die Gefrässigkeit der Kinos das Problem, sondern das Verhalten der Verleiher: «Sie wenden das Laisser-jouer-Prinzip an, indem sie jede Art von Nachfrage bedienen und sich so ihr eigenes Grab schaufeln.» Das heisst, sie streuen die Kopien, sodass die Filme am Ende überall vor halb leeren Sitzreihen laufen, was die Attraktivität des Kino­besuchs nicht gerade erhöht.

Laut Frank Braun behält ein Kino einen Film eher im Programm, wenn es das einzige ist, das ihn zeigt. In Zeiten von Mehrkopienstarts und Leinwand-Expansionen ist das aber passé. Verleiher seien in letzter Zeit öfter wortbrüchig geworden, sagt Braun. Sie hätten Filme exklusiv zugesagt, sie dann aber doch anderen Kinos angeboten.

Nachmittag im Houdini-Kino. «Die Branche agiert so mutlos wie noch nie», sagt dessen Betreiber Frank Braun. Bild: Raisa Durandi

Fallbeispiel «In den Gängen»: Die deutsche Tragikomödie über einen Staplerfahrer fiel dieses Jahr an der Berlinale auf, die herzerwärmende Geschichte versprach einen kleinen Zuschauererfolg. Der Xenix-Verleih hat den Film erst dem Riffraff zugesichert, dann aber trotzdem auch Kosmos und Arthouse beliefert. Laut Cyril Thurston vom Xenix-Verleih habe man sich nach «langen Diskussionen» mit dem Riffraff geeinigt. Das bestreitet das Kino allerdings.

Verleiher müssten heute ständig jonglieren und seien enormer Konkurrenz ausgesetzt, sagt Thurston. «Ich kann dem Kosmos auf Dauer nicht nur schwierige Filme wie ‹The Killing of a Sacred Deer› geben.» Zudem verbiete das Wettbewerbsrecht, dass ein Verleiher ein Kino explizit nicht bediene.

Um Exklusivität wird deshalb gestritten, weil sich Kinos, aber auch Verleiher über die Jahre teils ausgeprägte Profile erarbeitet haben. Heute, wo das neue Jim-Jarmusch-Werk eine Option, aber kein Ereignis mehr ist, sieht das anders aus. Trotzdem wünscht sich Felix Hächler, dass die Kinos nicht alles spielen, was die Verleiher kaufen. «Sie sollen kuratieren, sollen das Profil, das sie hatten, wieder schärfen.» Schliesslich komme jeder Film, den die Filmcoopi ablehne, auf anderen Wegen doch noch ins Kino.

«Es werden Kinos schliessen»

Wie aber ein Profil wahren, wo fast überall so ziemlich alles läuft? Marisa Suppiger vom neuen Player Kosmos liegt wenig daran, einen Film nur im eigenen Haus zu spielen. Vielmehr soll ihr Publikum bestimmte Neustarts einfach sehen können, auch zugkräftige. «Ich glaube nicht, dass Kinos einen Film besser pflegen, nur weil sie ihn exklusiv zeigen.» Als Betreiber könne er ja nicht von kasachischen Experimentalfilmen leben, sagt Beat Käslin von der Arthouse-Gruppe. «Wir sind auch angewiesen darauf, dass wir Prestigefilme spielen können, die kommerziell etwas versprechen.»

Oft stammen Titel, die in den Studiokinos gut laufen, von US-Studios, so wie «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri». Will ein Kino eine Kopie von einem Major-Studio, bekomme es sie auch, sagt Felix Hächler. Dieser 360-Grad-Service verschärft den ohnehin grossen Erfolgsdruck. Kaum ein Arthouse-Film erreiche den Erfolg von früher, sagt Bea Cuttat vom Verleih Look Now. «Für Kinos ist nicht mehr wichtig, wie gut ein Film ist. Bringt er die Zahlen nicht, wartet schon der nächste, der es bringen wird.»

Also sind alle nervös. Die Verleiher, weil sie nicht mehr wissen, ob der Film, auf den sie im Moment setzen, durchfällt. Die Kinos, weil sie nicht mehr wissen, was sie überhaupt zeigen sollen. «Die Branche ist verunsichert, schiebt sich gegenseitig die Schuld zu und agiert so opportunistisch und mutlos wie noch nie. Das ist fatal», sagt Braun. Aus der Bowle Zürich bleibt auch immer weniger für die restliche Deutschschweiz übrig. «Wenn Zürich nicht funktioniert, ist der Film quasi gestorben», sagt Bea Cuttat.

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Was hat das Publikum davon? Die komplette Unübersichtlichkeit. Die Besucherzahlen sind seit Anfang Jahr gegenüber der Vorjahresperiode um 17 Prozent gesunken. Das Kinoprogramm ist so voll, dass es dem Durch­einander auf der Netflix-Startseite zu ­ähneln beginnt. Titel um Titel rauscht durch, und wagt man sich wieder einmal in einen Arthouse-Film, erwischt man unter Umständen einen schlechten, wodurch einem der Kinobesuch weiter verleidet. Zählen kann man noch auf die Pensionäre. «Filme für ein Ü-60-Publikum laufen eigentlich am besten», sagt Filmcoopi-Einkäufer Hächler.

«Wir befinden uns derzeit in einem Verdrängungskampf», sagt Frank Braun vom Riffraff. «Es werden Kinos schliessen. Möglich, dass man das Auswertungsmodell ‹Kino› radikal überdenken muss.» Irgendwann stelle sich die Frage nach der Zukunft von Kinokultur und ihrer Bedeutung für die Stadt. Wenn Zürich neben Reprisenkinos wie dem Filmpodium auch Premierenkinos erhalten wolle, gehe es um die Frage der Subventionen. Heute werden Verleiher vom Bund gefördert, Studiokinos nur minim.

Der Verleih Filmcoopi hat sich zum Ziel gesetzt, in Zukunft weniger Filme herauszubringen. Garantieren könne er das aber nicht, sagt Felix Hächler. «Viele Regisseure, mit denen wir zusammenarbeiten, werden 2019 neue Filme haben: Jim Jarmusch, Ken Loach, François Ozon, Dani Levy und andere mehr.»

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