Ein wütender Spike Lee gewinnt seinen ersten Oscar

«Finger weg von der verdammten Stoppuhr!», sagt der Regisseur. Dann hält er eine politische Dankesrede.

«Lasst uns auf der richtigen Seite der Geschichte stehen»: Spike Lee erinnert seine Landsleute an die nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA.

Seinen ersten Oscar-Sieg – bestes adaptiertes Drehbuch für die Satire «BlackKklansman» – nutzte US-Regisseur Spike Lee am Sonntagabend an der 91. Verleihung der Academy Awards, um eine engagierte politische Rede zu halten. «Vor 400 Jahren wurden unsere Vorfahren aus Afrika geraubt und versklavt. Vor der ganzen Welt erweise ich unseren Vorfahren, die dieses Land aufgebaut haben, meine Ehre.»

Sichtlich nervös las der Gewinner die Sätze von Notizzetteln ab und verwies auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen 2020. Die Wahlen seien nicht mehr weit weg, weshalb jetzt alle aktiv werden und die moralische Entscheidung zwischen Liebe und Hass treffen sollten. «Lasst uns das Richtige tun!», sagte Lee in Anspielung auf seinen bekanntesten Film «Do The Right Thing» von 1989.

Angekündigt wurde der Gewinner in der Drehbuch-Kategorie von Samuel L. Jackson, dem Spike Lee vor Freude in die Arme sprang. «Finger weg von der verdammten Stoppuhr!», sagte Lee als Erstes, wohl aus Furcht, die Regie könnte ihm das Mikrofon abstellen, bevor er seine Dankesrede zu Ende hatte.

Spike Lee springt nach der Entscheidung seinem Kollegen Samuel L. Jackson in die Arme. Foto: AFP/Getty Images.

Darin erinnerte Lee auch an seine Grossmutter, die als Tochter einer Sklavin von frühmorgens bis spätabends gearbeitet und 50 Jahre lang Rentenbezüge gespart habe, damit er die Filmschule habe besuchen dürfen. Die Gäste erwiesen Lee mit einer Standing Ovation die Referenz.

«BlackKklansman» handelt von einem realen Fall eines Polizeibeamten, der in den 70er-Jahren verdeckt beim Ku Klux Klan ermittelte. Spike Lee stellt im Film explizite Bezüge zur Präsidentschaft von Donald Trump und den Vorfällen in Charlottesville her, wo eine Gruppe von Rechten aufmarschiert und eine Gegendemonstrantin gestorben war.

2015 erhielt Lee einen Ehren-Oscar

Lee musste lange auf seinen ersten Oscar warten. 2015 überreichte ihm die Akademie einen Ehren-Award. «BlackKKlansman» war auch für die beste Regie, den besten Film sowie in den Kategorien Bester Nebendarsteller, Bester Schnitt und Bester Soundtrack nominiert, gewann aber einzig in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch.

Dass einer der prominentesten afroamerikanischen Regisseure der USA bislang noch keinen Oscar gewonnen hat, ist nicht unbemerkt geblieben. 1990 war Lee mit «Do The Right Thing» nominiert, in der Kategorie Bester Film gewann in diesem Jahr das Drama «Driving Miss Daisy».

Die Tatsache, dass 2019 mit «Green Book» ein Film über das Rassenthema den Preis in der Kategorie Bester Film gewann, in dem abermals jemand in einem Auto herumgefahren wird, kommentierte Lee nach der Verleihung hinter der Bühne mit den Worten «Jedes Mal, wenn jemand jemanden in einem Auto chauffiert, verliere ich.»

Auch «Green Book» behandelt das Rassenthema. Die Tragikomödie über einen schwarzen Jazzpianisten und seinen weissen Chauffeur, die zur Zeit der Rassentrennung durch die Südstaaten fahren, ist allerdings deutlich versöhnlicher angelegt als «BlackKklansman».

Lee nach der Gala mit Regina King, die für ihre Rolle in «If Beale Street Could Talk» den Oscars als beste Nebendarstellerin gewann. Foto: Robyn Beck/AFP

Über den Sieg von «Green Book» schien sich Lee eindeutig zu ärgern: Er verwarf die Hände und soll laut Twitter-Berichten versucht haben, das Dolby Theatre fluchtartig zu verlassen. Er sei aber an den Türen gestoppt worden und habe sich wieder hingesetzt, als die Dankesreden der «Green Book»-Leute vorüber waren.

Nach der Gala nutzte Spike Lee einen Basketball-Vergleich, um den Sieg von «Green Book» zu kommentieren: «Es war, als sei ich im Madison Square Garden auf dem besten Platz am Spielfeldrand gesessen, und dann machte der Schiedsrichter einen bösen Fehler.»

blu/sda

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