Schweinchen Dick geht nach Washington

«Vice» zeigt die Zeit des Dick Cheney als politische Groteske. Oft plump, dann wieder grossartig.

Christian Bale spielt in «Vice» Dick Cheney, einen der grössten Geheimniskrämer der amerikanischen Geschichte. Foto: Matt Kennedy

Christian Bale spielt in «Vice» Dick Cheney, einen der grössten Geheimniskrämer der amerikanischen Geschichte. Foto: Matt Kennedy

Pascal Blum@pascabl

Der Job von Adam McKay besteht darin, die Amerikaner zum Lachen zu bringen. Der 50-Jährige war Headwriter bei der Sketch-Sendung «Saturday Night Live», drehte herrlich blöde Komödien mit seinem Kollegen Will Ferrell und schuf mit «Step Brothers» ein Meisterwerk der emphatischen Idiotie. Nach der Finanzwirtschaftskrise 2008 wurde der Autor und Regisseur von der Ambition gestochen und überraschte mit «The Big Short», einer nervösen Satire über die Immobilienkrise, in der eine nackte Schauspielerin im Schaumbad die Funktionsweise von Sub­prime-Krediten erklärte.

«Vice» nutzt dieselbe Meta-Witztechnik. Da adressieren Figuren das Publikum und erläutert ein Kellner Foltermethoden anhand eines Dinnermenüs. Weil es aber um Dick Cheney geht, von 2001 bis 2009 Vizepräsident unter George W. Bush und im Gedächtnis geblieben als ein Lord der Dunkelheit, dem man irgendwann ein neues Herz einpflanzen musste, strebt «Vice» auch nach Drama und Grösse. Das Resultat ist heillos wirres Infotainment. Oft plump und simpel, dann wieder irre grossartig, weil der Film selbst nah am Wahn ist.

Speckhaufen mit Grummelstimme

Lernen kann man einiges, so arbeitete Dick Cheney als Leitungsmonteur, nachdem er von der Yale-Universität geflogen war, und soff sehr viel, weshalb ihm seine Frau (Amy Adams) mal ordentlich den Kopf waschen musste. Erste politische Erfahrungen sammelte Cheney als Praktikant im Kongress. Er wurde Mitarbeiter von Donald Rumsfeld (Steve Carell) und später Chief of Staff im Weissen Haus. «Vice» blendet seine Zeit als CEO der Ölfirma Halliburton aus, dafür geht es dann ab 2001 so richtig los, als Cheney nach den Attacken vom 11. September vom Secret Service in den Sicherheitsbunker gehetzt wird.

Christian Bale spielt Cheney als Speckhaufen mit Grummelstimme, der sich mit der Geschwindigkeit eines Ochsenpflugs durch die Flure der Macht schleppt. Cheneys grösster Moment kommt, als er mit seinem Team im Weissen Haus die Position des eigenen Präsidenten zu unterhöhlen beginnt. Der Vizepräsident erhielt Blindkopien aller E-Mails von George W. Bush; ausserdem lief die Kommunikation von Cheneys Leuten über einen externen Server der Republican National Convention.

Machtstrategie entlarvt

Stimmt das wirklich? «Es ist zu hundert Prozent wahr», sagt Adam McKay im Gespräch an der Berlinale, wo «Vice» vorgestellt wurde. «Jede Änderung von Bushs Terminkalender wurde umgehend in Cheneys Büro übermittelt. Das Verrückteste war aber, dass Cheney das Briefing der Geheimdienste vor dem Präsidenten bekam.» McKay hat sein Drehbuch Anwälten vorgelegt; mit den Fact-Checkern gab es zwei Durchläufe.

Spekulieren muss «Vice» trotzdem, Cheney gilt als einer der grössten Geheimniskrämer in der US-Geschichte. Wie war das mit den «Folter-Memos», wie kamen die Ölfirmen an die irakischen Quellen? Cheney intrigierte im Geist eines neokonservativen Fanatismus, und die Satire spult auf grandios hibbelige Art durch alle Sauereien durch. Am Ende ist man noch konfuser.

«Vice» schafft es dafür, eine Machtstrategie zu entlarven, die grosse Wirksamkeit entfaltet hat. Es ist die Beschwörung der bösen Energie, die die tatsächlichen Unverschämtheiten und Selbstbereicherungen der Politiker überdeckt, weil alle nur dunkle Mächte am Spiel sehen: Es nützt, wenn die Wähler in Kategorien von Mythos und Verschwörung denken, weil man so Ruhe hat, um ganz konkrete Drecksgeschäfte voranzubringen. Steve Bannon hat die Methode einmal in ein Zitat gepackt, das berüchtigt wurde: «Finsternis ist gut. Dick Cheney, Darth Vader. Satan. Das ist Macht.»

«Es gab mal eine Schnittfassung, in der wir das Zitat von Bannon an den Anfang gestellt hatten», sagt McKay, «aber ich fand dann doch, dass es etwas zu explizit gewesen wäre.» Trotzdem handelt «Vice» genau von dieser Unscheinbarkeit des Teuflischen. «Wenn man sich all die Schreckensherrscher der Geschichte anschaut, haben sie immer eine andere Seite, eine dümmliche, durchschnittliche Seite. Stalin lachte wie ein gütiger Onkel. Die Finsternis zieht sie an, weil sie so normal sind.»

Adam McKay hält Taktiker wie Dick Cheney und Steve Bannon für «Knalltüten vom extremen Rand»; solche Typen seien jetzt daran, die Macht zu übernehmen. Seine Groteske ist für acht Oscars nominiert und stellt viele Bezüge zu heute her: alternative Fakten, Propagandarhetorik, gierige Selbstbedienungsmentalität, eine gespaltene Nation.

Bush als Cowboy-Metapher

McKay erwähnt den US-Linguisten George Lakoff, der soziales Verhalten dadurch erklärt, dass wir uns Komplexitäten über Metaphern erklären. Bei George W. Bush sei das eine Vaterfigur mit Cowboy-Hut gewesen, die den Menschen erzählte, dass man auf eigene Faust handeln muss. Sieht sich McKay als popkultureller Aufklärer? «‹Vice› sagt dem Publikum: ‹Sorgt euch nicht, hier läuft kein staubiges Biopic, wir werden alles auf den Kopf stellen und die Form vögeln, weil die Story einfach zu verrückt ist.›»

Da reproduziert er aber doch einfach das, was Donald Trump eh schon täglich aufführt, nämlich eine irre Comedy aus Desinformationshäppchen, unterhaltsamer als jede Sketchshow? Bei Dick Cheney, so McKay, sei das eben noch anders gewesen: Eine öde Expertensprache habe die Bürger davon abgehalten, die Dinge zu verstehen. «Diese Leute haben die Langeweile als Waffe eingesetzt.»

So findet «Vice» in den Bush-Jahren eine Ursache dafür, dass sich die Amerikaner von politischen Fragen abgewendet und sich in verfeindeten Lagern verschanzt haben. «Jetzt gibt es einen Hunger nach Kommentaren zu der cartoonhaft verrückten Welt, in der wir leben», sagt Adam McKay. «Nur wandelt sich die Welt so schnell, dass ich nicht sicher bin, ob ich den nächsten Film wieder in einer ähnlichen Art drehen werde.»

Ab 21. 2. in den Kinos.

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