Schreibt Jennifer Lopez als Stripperin die Filmgeschichte neu?

Das Festival in Toronto will bis 2020 gleich viele Filme von Frauen wie von Männern zeigen und legt schon mal gut vor.

Jennifer Lopez bei der Filmpremiere in Toronto. Foto: Keystone

Jennifer Lopez bei der Filmpremiere in Toronto. Foto: Keystone

Matthias Lerf@MatthiasLerf

Ausgerechnet J-Lo, ausgerechnet die Sängerin, deren filmische Auftritte gern belächelt werden, spielt die Hauptrolle im heissesten Film des Herbsts. Er heisst «Hustlers», Lopez spielt eine erfahrene Stripperin in New York, die ihre jüngeren Kolleginnen lehrt, wie man sich bewegt und die Würde nicht verliert, wenn man die Kleider auszieht. Was sie ihnen auch beibringt: wie man Männer ausnimmt.

«Hustlers» ist ein Gangsterfilm, oder müsste es Gangsterinnenfilm heissen? «Ich bekam ständig zu hören, das sei ein typischer Stoff für Martin Scorsese», erzählte Lorene Scafaria nach der Premiere am Filmfestival von Toronto. Sie hatte das Drehbuch basierend auf einem Zeitungsartikel geschrieben. Damit sie auch Regie führen konnte, musste sie lange bei den Filmstudios hausieren gehen. Die liessen sich schliesslich überzeugen, nicht zuletzt, weil sie mit Constance Wu – dem Star aus «Crazy Rich Asians» – einen zugkräftigen Namen für sich gewann.

Männer kommen in «Hustlers» nur ganz am Rande vor, als Opfer.

Die Beste von allen ist aber tatsächlich Jennifer Lopez. Ihr Stripper-Bühnenname ist Ramona, der ihrer neuen Kollegin Destiny, und wenn sie die Wallstreet-Banker beim Besuch des Clubs um hübsche Summen erleichtern, ist das frivol und witzig. Aber der Film kann auch als feministische Botschaft verstanden werden: Die Stripperinnen übernehmen die Macht; es geht um die Freundschaft zwischen ihnen und ihr Alltagsleben. Männer kommen nur ganz am Rande vor, als Opfer.

Dass der Film ausgerechnet in Toronto Premiere feierte, ist kein Zufall. Jedes Festival spricht sich offiziell für mehr Sichtbarkeit von Filmen von Frauen aus – nimmt dann aber, wie gerade Venedig, nur zwei Filme von Regisseurinnen in den Wettbewerb auf. In Toronto dagegen seien 36 Prozent aller gezeigten Produktionen von Frauen gedreht worden, rechnete Festivaldirektorin Joana Vicente vor. Sie führt den zweitwichtigsten Filmanlass nach Cannes zusammen mit Cameron Baily, und im Katalog formulieren sie das Ziel, bis 2020 die Parität der Geschlechter erreichen zu wollen.

Die beiden Co-Chefs in Toronto: Cameron Bailey und Joana Vicente. Foto: Keystone/SDA

Aber sind Filme von Frauen tatsächlich anders? Dieser Frage geht ein monumentaler Dokumentarfilm nach, der ebenfalls in Toronto Premiere feierte. Er dauert 14 Stunden und trägt den Titel «Women Make Film». Es geht darin allerdings nicht um die Machtstrukturen im «Bubenclub Kino» (so die Schauspielerin Tilda Swinton). Es wird ganz einfach versucht, die Filmgeschichte neu zu erzählen, nämlich ausschliesslich anhand von Werken, die von Frauen gemacht wurden.

So entdecken wir Szenen von bekannten Frauen wie Agnès Varda, Kathryn Bigelow und Jane Campion. Aber es gibt zahlreiche Beispiele von Regisseurinnen, deren Namen nur Insidern bekannt sind. Ein Ausschnitt aus einem Film der Bulgarin Binka Zhelyazkova erinnert dabei, wie es im Kommentar heisst, in ihrer Atmosphäre an den «The Third Man» von Orson Welles. Und die Ukrainerin Kira Muratowa ist mit einer Sequenz vertreten, in der die Hauptdarstellerin sich selbst in drei verschiedenen Verkörperungen begegnet, «wie bei David Lynch».

Warum heisst es immer «wie bei David Lynch»?

Aber halt, fragt die Kommentatorin Tilda Swinton sogleich: Wieso heisst es «wie bei David Lynch» und nicht «wie bei Kira Muratowa»? Die Werke der Regisseurin entstanden nämlich, lange bevor Lynch das Spiel mit Verdoppelungen zu seinem Markenzeichen machte. Die Filmgeschichte sei eben auch eine Frage der Wahrnehmung, sagt die schottische Schauspielerin im Kommentar. Auch Jane Fonda wirkt als Sprecherin, aber Regie führt ein Mann: der auf Filmgeschichte spezialisierte Mark Cousins.

Sein Film ist tatsächlich eine grosse Feier des anderen Blicks mit vielen einleuchtenden Beispielen. Ab und zu steht er sich aber selbst im Weg: Das Ganze ist sehr pädagogisch aufgebaut, mit 40 Kapiteln zu Themen wie «Filmeröffnung» oder «Personeneinführung». Die Sprecherinnen fassen immer wieder zusammen, was wir gerade gesehen haben.

Aber auch, wenn man nur einzelne Kapitel anschaut, bleibt «Women Make Film» ein Augenöffner. Das merkt man, wenn man danach den Stripperfilm «Hustlers» sieht. Die Eröffnungssequenz beginnt mit einer Aufnahme der Augen von Constance Wu und folgt ihr dann ohne Schnitt durch mehrere Räume. Das ist ja wie bei «Goodfellas» von Martin Scorsese, denkt man. Und die Hauptfigur erinnert einen tatsächlich, wie ein Kritiker schrieb, an «Gordon Gekko in G-Strings», in Anlehnung an den einst von Michael Douglas gespielten «Wall Street»-Banker.

Es ist aber Jennifer Lopez in einem Film von Lorene Scafaria; so gut, wie wir sie noch nie gesehen haben.


Der Trailer zu «Women Make Film». Video: Youtube

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