Schön schräges Wohlfühlkino

Mit «Der Sandmann» präsentiert der Zürcher Regisseur Peter Luisi eine romantische Komödie der surrealen Art. Sympathisches, schräges Sommerkino mit Frölein Da Capo («Giacobbo/Müller») in ihrer ersten Filmrolle.

Am Ende finden sie doch noch zusammen: Der Schnösel und Briefmarkenhändler Benno (Fabian Krüger) mit der Musikerin Sandra (Irene Brügger/Frölein Da Capo) in «Der Sandmann».

Am Ende finden sie doch noch zusammen: Der Schnösel und Briefmarkenhändler Benno (Fabian Krüger) mit der Musikerin Sandra (Irene Brügger/Frölein Da Capo) in «Der Sandmann».

(Bild: zvg)

Da ist dieser Schnösel im weissen Hemd, Benno, der in seiner Zürcher Altbauwohnung residiert, seine blonde, modelschlanke Geliebte zur Schau stellt und sich schon aus Prinzip für was Besseres hält. Als Dirigent ist er zwar gescheitert, weshalb er sich in einem kleinen Briefmarkenladen verdingt, aber seinem übersteigerten Selbstbewusstsein tut das scheinbar keinen Abbruch.

Sandra jedenfalls, die junge Frau, die unter seiner Wohnung ein Café betreibt und dort am Feierabend für die ersehnten Auftritte als «Einfrauorchester» probt, beleidigt Benno unverblümt: Sie sei hässlich wie die Nacht, er könnte kotzen, wenn er sie sehe, noch mehr aber, wenn er ihr zuhören müsse, schliesslich sei sie völlig talentfrei. Scheinbar kann Benno diese junge Frau mit der ganz normalen Figur und den dunklen Haaren nicht ausstehen. Das Schlüsselwort freilich lautet hier einmal mehr: «scheinbar».

Erfrischend natürlich

Tatsächlich nämlich ist Benno nicht nur Stammgast in Sandras Café, er träumt nachts auch von ihr. Doch was wie eine moderne Screwball-Komödie beginnt, kippt ins Surreale, als Benno eines morgens ein paar Körner Sand auf seinem Bettlaken entdeckt. Danach beginnt sein Leben förmlich auseinanderzubröckeln. Auf der Strasse, in der Philatelie, im Restaurant, überall und ständig rieselt Sand aus seinen Kleidern. Woher der kommt, bleibt unklar. Fest steht nur: gewöhnlicher Sand ist das nicht. Wer daran riecht, wird ohnmächtig. Eine Eigenschaft, die Benno anfangs noch hilft, sein Geheimnis zu bewahren. Aber nicht für lange. Täglich verliert er an Gewicht, und immer mehr Sand rinnt aus ihm heraus. Die Einzige, die ihn jetzt noch retten kann, ist Sandra.

Regisseur Peter Luisi («Love Made Easy», «Verflixt Verliebt»), der auch am Drehbuch zu «Vitus» mitgeschrieben hat, entfaltet dieses absurde Szenario gänzlich unspektakulär, ohne Spezialeffekte oder pseudorealistischen Anstrich. «Der Sandmann» ist unbeschwertes, wunderbar schräges Kino, sympathisch gespielt, liebevoll inszeniert. Theaterschauspieler Fabian Krüger und die als Einfrauorchester mit Loop-Gerät durch die Lande tourende Musikerin Irene Brügger alias Frölein Da Capo (bekannt aus «Giacobbo/Müller») hinterlassen bei ihren Kinodebüts einen erfrischend natürlichen Eindruck. Das passt.

Brügger war Luisi bei einem Talentwettbewerb im Prix Walo aufgefallen. «Das war 2007. Auch als ich sie gecastet habe, war sie noch unbekannt. Sie ist wahnsinnig gut», schwärmt der Regisseur mit einer ordentlichen Portion Entdeckerstolz.

Lyrisches Wohlfühlkino

Ein Meisterstück ist Luisi mit dem für den Schweizer Filmpreis nominierten Streifen dennoch nicht gelungen. Zu linear entfaltet er die Geschichte, zu papieren wirken die Charaktere. Und auf der Suche nach surrealen Blickwinkeln übertreibt es Kameramann Lorenz Merz mit den Schrägen, Vogel- und Froschperspektiven. Fündig wird er aber auch. Seine mit geringer Schärfentiefe oft durch Fenster gefilmten Aufnahmen zerfliessen im warmen Licht zu den Rändern hin ins Ungefähre. Musikalisch untermalt von einem Klangflickenteppich aus Tango, Volksmusik und Beethoven entsteht so eine angenehm lyrische Atmosphäre. Wohlfühlkino zum Durchatmen, wenns mal nichts zum Lachen gibt.

«Eine schöne Metapher», meint der Therapeut, dem Benno schliesslich von seinem Malheur berichtet. «Nein, nein», beteuert Benno, das sei keine Metapher, er verliere tatsächlich ganz real Sand. Der Psychologe nickt verständnisvoll, schweigt ein bisschen und sagt dann: «ein schönes Bild». Hat Benno sein Leben also auf Sand gebaut? Verrinnt es ihm zwischen den Fingern?

Der Regisseur selbst hält sich in solchen Interpretationsfragen bedeckt: «Ich bin immer enttäuscht, wenn ich einen Film sehe und denke, ich habe es verstanden, und dann kommt der Regisseur und sagt irgendwas anderes. Das will ich niemandem antun», so Luisi. Vielleicht ist der Schlüssel zu Luisis Symbolik am Ende, dass man sie nicht ganz so ernst nehmen sollte.

Berner Zeitung

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