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Rebellenchic mit Knalleffekt

In «Der Baader Meinhof Komplex» lassen Bernd Eichinger und Uli Edel das vom Terrorismus zerrissene Deutschland der Siebzigerjahre auferstehen.

Ohne neue Perspektiven, aber mit Popappeal. Ganz zum Schluss, nach zweieinhalb Stunden Blut, Bomben, Ohnmacht und Terror, da singt Bob Dylan im Abspann: «The answer, my friend, is blowing in the wind.» Das hat was Komisches, ist aber ernst gemeint. Und: Es wirkt befreiend, obwohl an «Der Baader Meinhof Komplex» nichts Befreiendes ist. Der Film ist ein einziger Albtraum, von dem man sich mehr als einmal wünschte, er wäre bloss Fiktion.

Uli Edels zweieinhalbstündiges Gewaltepos ist jedoch die geradezu faktenfanatische Bestandesaufnahme eines Landes, das sich während zehn Jahren von Gewalt zu Gegengewalt hochschaukelte – scheinbar ohne Sinn und Verstand. Erfolgsproduzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger («Das Parfum», «Der Untergang») ist der Mann, der aus dem tausendseitigen Standardwerk von Ex-«Spiegel»-Chefredaktor Stefan Aust über die Rote Armee Fraktion (RAF) ein massentaugliches Geschichtswerk mit Popappeal fabriziert hat. Eichingers Konzept: Er erzählt chronologisch, füllt aber Brüche und Auslassungen bewusst nicht mit eigenen Theorien. Er überlässt es dem Publikum, Schlüsse und Positionen zu beziehen.

Vom FKK-Strand zum Mord

«Der Baader Meinhof Komplex» beginnt mit Janis Joplins «Mercedes Benz»-Geträller 1967 auf der Insel Sylt. Da liegt die Journalistin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) mit ihrer Familie nackt am FKK-Strand. Doch mit der Idylle ist es bald vorbei. Als beim Staatsempfang für den persischen Schah in Berlin Jubelperser auf Demonstranten einprügeln, schaut die Polizei zuerst zu, und als sie dann doch etwas tut, liegt schon bald der Student Benno Ohnesorg in seinem Blut. Faszination und Abstossung Die nachfolgende Rebellion, die sich von 1967 bis 1977 als radikale Gewaltspur durch Deutschland zog, wird minuziös dokumentiert. Kein Dialog, kein Einschussloch, das nicht verbürgt ist. Auch die Figurenzeichnung funktioniert nach dem Prinzip «Faszination und Abstossung»: Da ist ein Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der zunächst als jähzorniger Playboy auftritt («Schiessen und Ficken sind ein Ding!») und erst im Gefängnis zum gewieften Strategen wird. Da ist eine Ulrike Meinhof (Martina Gedeck), die ihren Gedanken Taten folgen lässt, in den Untergrund geht und später am eigenen Überdruck zerbricht. Und da ist eine Gudrun Ensslin (Newcomerin Johanna Wokalek), die barbusig und mit diabolischem Augenfunkeln in der Badewanne planscht und später der verzweifelten Meinhof die Texte umschreibt.

Solcher Rebellenchic funktioniert, und zwar selbst dann, wenn er Schuss für Schuss demontiert wird. Dazu liefert Regisseur Uli Edel atemlose Hetzfahrten an Originalschauplätzen, mischt viel Archivmaterial und eine Tonspur dazu, die mit aufwühlenden Klängen und dem Siebzigerjahre-typischen Demagogenkauderwelsch gefüllt ist. Für eine herkömmliche Handlung bleibt kein Platz. Denn «Baader Meinhof» funktioniert nicht als Erklärung, sondern als emotionale Druckwelle. Besonders drastisch, als der sich im Hungerstreik befindende Holger Meins (Stipe Erceg) im Gefängnis zwangsernährt wird.

Wer dabei nicht mit dem Antiestablishment sympathisiert, kann auch zu den Argumenten der Gegenseite nicken. Da wird mit Bruno Ganz als Horst Herold, dem damaligen Chef des Bundeskriminalamts, eine Figur präsentiert, die neben schlauen Konzepten (er erfand die Rasterfahndung) auch Verständnis zeigt: «Es ist auch unsere Ignoranz, die den Terrorismus fördert.» Die Ruhe nach dem Knall Dadurch beraubt sich der Film zwar eines Gegenspielers von staatlicher Seite, bleibt dafür punkto Geschichtsaufarbeitung aus Täterperspektive konsequent. Und den Knalleffekten der ersten Hälfte folgt ein zweiter Teil von quälender Ruhe, wenn sich Ulrike Meinhof in der Isolationshaft und später bei den Stammheim-Prozessen vergeblich aus dem selbst geschaffenen Verhängnis zu winden sucht. Doch der Spannung tut das keinen Abbruch – ganz gleich, ob man die Fakten kennt oder nicht. Wer jedoch nach Erklärungen und Zusammenhängen sucht, muss sich mit Bob Dylan im Abspann trösten. Hans Jürg ZinsliDer Film läuft ab morgen im Kino.

Literatur: Stefan Aust, «Der Baader-Meinhof-Komplex», völlig überarbeitete und ergänzte Neuausgabe, Hoffmann und Campe, 1000 Seiten. Katja Eichinger, «Der Baader Meinhof Komplex. Das Buch zum Film», Hoffmann und Campe, 304 Seiten.

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