Produzenten fordern 20-Prozent-Quote für Schweizer Filme

Auch Schweizer Produzenten wollen vom Streamingboom profitieren und für Netflix und andere Anbieter Stoffe entwickeln.  

Wäre fast eine Netflix-Serie geworden: Dreh des SRF-Zweiteilers «Private Banking» von Bettina Oberli. Foto: Sava Hlavacek (SRF)

Wäre fast eine Netflix-Serie geworden: Dreh des SRF-Zweiteilers «Private Banking» von Bettina Oberli. Foto: Sava Hlavacek (SRF)

Pascal Blum@pascabl

Das Bundesamt für Kultur erhält in diesen Tagen Post. Digitale Plattformen sollen künftig 20 Prozent Schweizer Filme zeigen – das verlangen geschlossen drei Produzentenverbände sowie der Regie- und Drehbuchverband. Initiiert wurde das Papier vom Swiss Fiction Movement, einer Gruppe von jüngeren Regisseuren. Die Quote soll dem Schweizer Film «einen langfristig gesicherten Zugang» in Zeiten des Streamings ermöglichen. Joël Jent, Produzent bei Samirs Firma Dschoint Ventschr und Autor des Papiers, findet die Forderung «realistisch und vernünftig»: «Wollen wir kulturell zu pseudoamerikanisierten europäischen Suburbs werden? Oder räumen wir unserer eigenen Kultur und der Selbstreflexion den Platz ein, den sie haben sollte?»

Zu den Anbietern, die einen 20-Prozent-Anteil an Schweizer Inhalten bieten müssten, würden Swisscom TV, UPC oder Sky gehören, aber auch in der Schweiz verfügbare internationale Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime. Für Peter Reichenbach, Produzent bei C-Films, die unter anderem den Grosserfolg «Zwingli» produziert haben, taugt die Forderung wenig. «Das wird sicher nicht gehen, mit so vielen Filmen können wir die Dienste gar nicht bestücken.» Joël Jent sieht das anders: «Es stimmt nicht, dass es nicht genug Schweizer Filme gibt. Man muss dabei aber auch bestehende Filme einbeziehen.»

Hintergrund der Diskussion ist die Frage, wie die Schweizer Filmbranche auf die Digitalisierung reagieren soll. Schon jetzt ist für viele Produktionsfirmen nach dem Kinostart die Auswertung auf Video-on-Demand-Diensten zentral. Wie stellen sie sicher, dass ihre Filme und Serien künftig dort verfügbar sind, wo die Leute streamen, also zum Beispiel auch auf Netflix? Und schaffen es Schweizer Autoren und Regisseure, das Potenzial von Streamingplattformen zu nutzen und international anschlussfähige Stoffe zu entwickeln?

Auf Kooperationen setzen

Ein Weg, wie das gehen könnte: Koproduktionen zwischen Streamingdiensten und Fernsehanstalten, bei denen oft auch lokale Produktionsfirmen involviert sind. Anfang Jahr haben in Wien die Dreharbeiten zu «Freud» begonnen, einer neuen Serie von ORF und Netflix. In Italien gibt es die Mafia-Serie «Suburra», entwickelt von RAI und Netflix, die auf beiden Kanälen zu sehen ist. In der Schweiz sind bislang keine vergleichbaren Projekte zustande gekommen. Bei «Private Banking» von Bettina Oberli fanden Diskussionen statt, das Vorhaben scheiterte aber offenbar daran, dass sich Netflix mehr als zwei Teile gewünscht hatte.

Grundsätzlich sei SRF an einer Zusammenarbeit mit internationalen Partnern interessiert, sagt Urs Fitze, der dort den Bereich Fiktion leitet. «Wir wollen mit unseren Serien auch auf dem internationalen Markt erfolgreich sein.» SRF und die Produktionsfirma Contrast nahmen an der letzten Berlinale erstmals am Serien-Pitching teil und präsentierten dort die historische Serie «Davos», für die sie nach europäischen Partnern suchten. Laut Fitze ist es nicht ausgeschlossen, dass man bei «Davos» später auch mit einer Streamingplattform zusammenarbeiten wird.

Netflix sucht angeblich das Gespräch mit Schweizer Netzwerken.

Produzent Peter Reichenbach findet solche Deals zwischen Plattformen und Fernsehsendern problematisch: «In gewisser Weise sind das ja Konkurrenten.» In Deutschland ziehe sich das ZDF immer stärker aus dem Geschäft zurück, da es dem Sender wenig bringe, wenn er beispielsweise eine Serie erst nach dem Start bei einem Streamingdienst zeigen kann. Kommt hinzu, dass die SRG ab 2020 ihre eigene digitale Plattform lanciert. Laut Generaldirektion soll sie eine Schweizer Perspektive in die Streamingwelt einbringen, denn diese hätten internationale Anbieter «natürlich nicht». Trotzdem sei man offen gegenüber Partnerschaften mit anderen Plattformen. «Inwieweit allerdings für kleinere Märkte solche Projekte überhaupt realistisch und nachhaltig sind, ist eine andere Frage.»

«Zusammen mit den grösseren Produzenten hat die SRG zweifellos ein Monopol», findet Regisseur Samuel Schwarz. Foto: Doris Fanconi

Samuel Schwarz, Regisseur von transmedialen Projekten wie «Polder», sieht ein anderes Problem, wenn es um die Rolle des Schweizer Fernsehens geht. «Zusammen mit den grösseren Produzenten hat die SRG zweifellos ein Monopol. Sie ist eine der grössten Swissness-Maschinen des 21. Jahrhunderts.» Die Realitäten auf dem Markt hätten sich aber längst verschoben, heute müsse man auch Stoffe mit grösserer Reichweite entwickeln – «international konzipierte Serien mit 40-Millionen-Budget für ein junges, genre­affines Publikum». Die SRG als Schleusenwart könnte Anreize schaffen, dass innovativer produziert werde, Storylabs und international bestückte Writer’s Rooms ins Leben rufen. «Solange aber die Redaktionen von der SRG-Geschäftsleitung gezwungen werden, Stoffe für Gartenzwerge anzuliefern, überträgt sich diese Verzwergung auch auf die Autoren (-innen) und Produzenten (-innen).»

Ist der Markt zu klein?

Schwarz stört sich daran, dass die Interessen der SRG mit jenen der Filmproduzenten gleichgesetzt werden. An einem Anlass des Schweizer Fernsehens im Februar hätten namhafte Produzenten die Anwesenden sozusagen zu einem «Patriot Act» eingeschworen – zu einem «Wir», das sich gegen die international tätigen Plattformen wehren und zusammenhalten soll. Dabei hätten laut Schwarz viele Produzenten, Autoren und Schauspieler ein Interesse daran, dass das «SRG-Storytelling-Monopol» eine «starke Konkurrenz» erhalte und Streamingdienste hierzulande in Erzählstoffe und technologische Innovationen investieren würden.

Interessieren sich Netflix und und ähnliche Dienste überhaupt für die Schweiz? Laut einem Netflix-Sprecher beobachten sowohl die deutschen wie auch die französischsprachigen Content-Manager die Kinostarts und Fernsehsendungen aus der Schweiz «genau». Im Lauf des Jahres wolle Netflix auch Gespräche mit Schweizer Netzwerken intensivieren, «um das Potenzial für Koproduktionen im Markt zu ermitteln». Mit Netzwerken sind etwa Film- und TV-Produktionsfirmen gemeint.

Joël Jent gehört zu jenen Produzenten, die immer wieder den Kontakt zu Streamingservices suchen. Seine Erfahrung: Es sei sehr schwierig, an die Leute heranzukommen. 2016 habe er am Filmfestival in Cannes ein Seminar mit dem Titel «Coproducing with Netflix» besucht. «Das einzige Problem dabei war, dass Netflix kurzfristig abgesagt hatte.» Anfragen blieben generell unbeantwortet. Als Markt sei die Schweiz nicht relevant genug.

30 Prozent europäisch

Handkehrum wächst Netflix international und spannt in einigen europäischen Ländern mit der lokalen Filmindustrie zusammen – auch deshalb, weil die EU aus Gründen der «kulturellen Diversität» beschlossen hat, dass Streaminganbieter 30 Prozent europäische Inhalte zeigen müssen. Das Bundesamt für Kultur will diese Regelung auch in der Schweiz übernehmen. Zusätzlich soll im Filmgesetz neu festgehalten werden, dass digitale Anbieter 4 Prozent ihrer im Land gemachten Einnahmen in Schweizer Produktionen investieren müssen. Netflix sagt dazu: «Wir warten momentan auf weitere Details.»

Der Bund will es den Diensten überlassen, wie sie diese «Reinvestitionspflicht» nutzen. Sie können mit hiesigen Produzenten zusammenarbeiten und die Inhalte, die daraus entstehen, als Erstes ausstrahlen. Der Plan des Bundes findet in der Branche viel Zuspruch, selbst bei Samuel Schwarz: Selbstverständlich müsse man die US-Anbieter zu Abgaben zwingen.

Quote soll Zugang zu Schweizer Filmen gewähren

Aus dem abgeschöpften Geld sollen laut Schwarz aber auch eigene Lizenzen und Patente entstehen; dem Silicon Valley könne man da einiges abschauen. Hat der ehemalige 400asa-Theatermacher keine Bedenken, mit global tätigen Streamingdiensten zusammenzuarbeiten? Die neuen Technologien seien nicht zwingend ideologisch geprägt, so Schwarz, und eine progressive linke Politik solle fortschritts- und technikaffin sein. Nationale Abschottungspolitik dagegen sei ein No-go für die Filmbranche.

Man könne die Plattformen aber durchaus dazu bringen, Gegenleistungen zu erbringen. Insofern steht Samuel Schwarz ebenfalls hinter dem Papier, das einen 20-Prozent-Anteil von Schweizer Inhalten auf Streamingdiensten fordert. Die Quote gewähre den Zugang zu Schweizer Filmen, sagt Joël Jent, und stelle Verfügbarkeit auf Streamingplattformen sicher. In einem kleinen Markt wie der Schweiz seien Protektionsmechanismen elementar: Die ökonomische Kraft der internationalen Player könne die Branche hierzulande nie entwickeln.

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