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«Obamas Feinde wetzen schon die Messer»

Der amerikanische TV-Komiker Bill Maher über Obamas Satirepotenzial, die Macht der Parodie und seinen ersten und letzten Film «Religulous».

Freuen Sie sich, dass Barack Obama zum neuen Präsidenten gewählt wurde? Sehr sogar. Es ist schön, endlich mal wieder auf der Seite der Sieger zu stehen.

Was sind die Veränderungen, auf die man realistischerweise hoffen kann? Ich denke, ein Ende des Irak-Kriegs ist realistisch. Persönlich hoffe ich ausser­dem, dass Obama den Krieg in Afghanis­tan nicht weiter ausweitet, indem er mehr Truppen dorthin schickt. Leider ist das aber auch etwas, das er im Wahlkampf an­gekündigt hat – aber vielleicht kann er diese Aussage im Amt ja noch ein wenig anpassen.

Gibt es noch etwas ausser dem Krieg, was Sie gern verändert sehen würden? Die Wirtschaft natürlich. Allerdings weiss ich nicht, was ein Präsident da über­haupt kurzfristig erreichen kann. Aber sein Ansatz, die Reichsten mehr Steuern zahlen zu lassen statt die Ärmsten, klingt nach einer plausiblen Idee. Und Obama hat jetzt ja auch das Parlament hinter sich für so etwas.

Wie würden Sie das kulturelle Klima beschreiben nach acht Jahren George W. Bush? Oh mein Gott, wenn es so etwas wie ein kulturelles Klima noch gäbe! (lacht) Das wäre schön. Aber wissen Sie was? Sogar die Konservativen, die für McCain stimm­ten, schienen gestern Abend ein bisschen erleichtert. Sie haben es zwar nicht über sich gebracht, ihre Hände freiwillig von der Macht zu lassen, aber jetzt, da sie ih­nen so klar entrissen wurde, wirkten sie tatsächlich erleichtert. Irgendwie haben sie selbst eingesehen, dass ihnen die Ideen und die Zeit ausgegangen sind und dass das Land einen neuen, frischen Wind braucht. Nur schon die Reaktion der Welt auf diese Wahl sollte Amerikanern zu denken geben. Plötzlich wird das Land wieder als das gesehen, wofür es einst stand: ein Ort voller Hoffnungen und Möglichkeiten.

Denken Sie, dass politische Satire wie die Karikatur von Sarah Palin durch Tina Fey Wahlen beeinflussen kann? Bisher habe ich eigentlich immer sehr bescheiden gesagt, dass kein Komiker, mich eingeschlossen, Wahlen beeinflus­sen kann. Wahrscheinlich stimmt das im Prinzip auch. Aber in den letzten Jahren ist es mir öfters passiert, dass Leute zu mir kamen und sagten, sie würden meine Show sehen, und dass sie nun Obama wäh­len, weil ich dieses oder jenes gesagt hätte. Offenbar kann es also einen Einfluss ha­ben. Ich glaube aber, der Grund dafür liegt darin, dass viele Amerikaner die Nachrich­ten nur über Komiker mitbekommen. Lä­sen sie Zeitung, würden sie die Dinge dort erfahren. Aber das tun sie nicht. Also liegt es an uns, sie über gewisse Dinge zu infor­mieren.

Eine ziemlich grosse Verantwortung, die Sie da haben. (lacht) Ja, im Grunde ist es absurd, dass Komiker solche Macht haben können.

Ohne Präsident Bush und Gouverneurin Palin im Rampenlicht dürfte es in den nächsten Jahren etwas anstrengender werden mit politischer Satire. Warum ist es so schwierig, sich über Barack Obama lustig zu machen? Für mich war das bisher nicht so schwierig. Ich weiss aber, dass es anderen schwerer fällt. Allerdings läuft meine Show auf HBO, einem Bezahlsender ohne Zensur, wo ich mehr oder weniger ma­chen kann, was ich will. Ausserdem bin ich jetzt seit 16 Jahren im Fernsehgeschäft, und die Leute sind es gewohnt, dass ich etwas weiter gehe als andere. Ich lasse mich nicht einschüchtern durch seine Hautfarbe oder sonst etwas, aber ich ver­stehe, dass es schwierig sein kann, ihn zu karikieren. Denn im Gegensatz zu ande­ren Politikern in den letzten Jahren ist er kein Schwindler, er ist nicht wütend, nicht dumm, nicht fett – und er betrügt seine Frau nicht.

Sie machen sich dennoch keine Sorgen für Ihre Show? Nein. Und wir dürfen eines nicht verges­sen: Selbst wenn er ein perfekter Präsident werden sollte, wird er eine Armee von Feinden haben, die jetzt schon die Messer wetzen. Wir haben das damals bei Bill Clin­ton gesehen. In der Sekunde, wo er das Amt angetreten hat, wurde er von der republi­kanischen Basis als illegitim angesehen und gnadenlos bekämpft. Und ich kann Ih­nen versichern, sie werden dasselbe mit Barack Obama tun. Sie werden ihn wegen Nichtigkeiten angreifen, und es wird meine Aufgabe sein, sie dabei zu entlarven.

Sie denken also nicht, dass sein Versuch, über Parteigrenzen hinweg Zuspruch zu finden, Erfolg haben kann – so wie er es in seiner Rede Dienstagnacht erneut angekündigt hat? Am Wahlabend machen alle auf nett. Das hält vielleicht 48 Stunden. Aber, glau­ben Sie mir, sobald er im Amt ist, wird es losgehen.

Denken Sie, Ihr Dokumentarfilm «Religulous», der bald auch in der Schweiz anläuft, könnte auch einen Einfluss gehabt haben bei der Wahl? Es war sicher ein guter Zeitpunkt für die Botschaft in meinem Film. Das Land hat ge­nug von fundamentalistischen Führungsfi- guren wie Bush oder Palin. Viel­leicht hat er ja da und dort einen Denkprozess ausgelöst. Aber ge­nerell sind die USA noch immer ein sehr religiöses Land, und Ame­rikaner glauben nicht, dass der Glaube das kritische Denken be­einträchtigt. Ich hingegen schon.

Religiöse Fundamentalisten haben auch einen Sieg errungen diese Woche, das Verbot der Ehe für Homosexuelle in Kalifornien – eine Vorlage, gegen die Sie öffentlich mobil gemacht haben. Ja, das ist wirklich bedauerlich. Es scheint, dass wir in Amerika immer jemanden brauchen, den wir treten können. Jemand hat mir heute gesagt, Homosexuelle seien die neuen Schwarzen. Die Ironie bei all dem ist, dass vor al­lem Schwarze und Latinos für die Vorlage gestimmt haben, weil sie sehr religiös sind.

«Religulous» ist Ihr erster Film. Was hat Sie dazu bewogen, ihn zu machen? Sehr populär machen Sie sich damit ja nicht in den USA. Es ist mein erster und mein letzter Film – ich habe nicht die Ambition, weiter Filme zu ma­chen. Aber diesen wollte ich schon seit vielen Jahren realisie­ren. Das Thema ist in den USA im Grunde tabu. Ich wollte Ver­tretern verschiedener religiöser Gruppen die Fragen stellen, die normalerweise niemand stellt. Simple Dinge wie: Warum ist Glaube gut? In den USA sagen Politiker immer, der Glaube lenke sie. Und ich frage mich dann jeweils: Warum ist das gut? Fragen wie: Wenn Gott so mäch­tig ist, warum muss er dann im­mer durch einen Propheten re­den? Warum kann er nicht direkt mit uns sprechen? Was ist der Sinn von mehreren Religionen, die gegeneinander Krieg führen? Einfache Fragen, die aber natür­lich niemand richtig beantworten kann. Weil Religion dumm ist.

Sie waren also nicht zufrieden mit den Antworten, die Sie auf Ihre Fragen bekamen? Als Komiker war ich sogar sehr zufrieden, weil die Antworten zu einem wirklich lustigen Film geführt haben. Und das war das Ziel. Wir wollten eigentlich nur Fragen stellen, welche die Leute zum Denken bewegen und sie unterhalten. Of­fensichtlich hat das funktioniert: Der Film ist schon jetzt der siebterfolgreichste Do­kumentarfilm aller Zeiten. Dafür dass die USA so ein religiöses Land sind, bin ich damit sehr zufrieden. Allerdings wird es wohl leider nicht möglich sein, alle Reli­gionen mit einem einzigen Film in den Abgrund zu stürzen. Aber es ist ein An­fang.

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