Nur nicht in den Spiegel schauen

Der Oscar-Favorit 2019 heisst «Green Book»: Das wäre einer der verlogensten Siegerfilme seit langem.

«Schwärzer» als der Schwarze: Der Italoamerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen) chauffiert den Komponisten Don Shirley (Mahershala Ali). Foto: Patti Perret

«Schwärzer» als der Schwarze: Der Italoamerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen) chauffiert den Komponisten Don Shirley (Mahershala Ali). Foto: Patti Perret

Pascal Blum@pascabl

Am 24. Februar vergibt die Academy of Motion Picture Arts and Sciences zum 91. Mal die Oscars. Mit dem Spielfilm «Green Book», der fünfmal nominiert wurde, gibt es auch schon einen Favoriten. Er könnte nicht besser in die politische Diskussion dieser Zeit passen: Das Roadmovie spielt zu Beginn der 60er-Jahre im amerikanischen Süden. Der schwarze Pianist Don Shirley geht mit seinem Trio auf Konzerttournee und heuert zu diesem Zweck den Italoamerikaner Tony «Lip» Vallelonga als Chauffeur und Bodyguard an. Die beiden Männer freunden sich während der Fahrt an. Am Ende haben sich Weiss und Schwarz, Prolet und Ästhet verständigen können.

Bei den Golden Globes wurde «Green Book» als beste Komödie ausgezeichnet; am Wochenende kürte ihn die Producers Guild of America zum besten Film. Vor allem letztere Ehrung gilt als klares Zeichen dafür, dass einem Siegeszug bei den Oscars nicht mehr viel im Weg steht.

Tony Lip und Don Shirley sind reale Figuren, und sie waren auch tatsächlich gemeinsam unterwegs. Lip wuchs in der Bronx auf, arbeitete im Nachtclub Copacabana und spielte in höherem Alter in der TV-Serie «Sopranos» mit. Don Shirley wurde in Florida geboren, begann im Alter von zwei mit dem Klavierspielen, studierte mit neun Musiktheorie, komponierte Sinfonien und Streichquartette und hatte mehrere Doktortitel – etwa in Psychologie.

Das grüne Buch ist ein Reiseführer

Man könnte nun vermuten, dass Don Shirley die interessantere Filmfigur hergeben würde. Doch wird die Geschichte aus der Sicht von Tony Lip erzählt. Komödienregisseur Peter Farrelly zeigt den Fahrer (Viggo Mortensen) als Rassisten mit grossem Herzen und noch viel grösserem Appetit: Seine Sandwichs verschlingt er, als hätte er eine Gazelle gerissen.

Don Shirley (Mahershala Ali) ist ein so kultivierter Musiker, dass er fast wie ein Monarch über der Carnegie Hall wohnt. Studiert hat er klassische Musik, aber weil einem farbigen Pianisten damals so ein Repertoire nicht zustand, verlegte er sich auf die Arrangements populärer Standards. Das titelgebende grüne Buch beschreibt eine Art Lonely Planet für Afroamerikaner: Zur Zeit der Rassentrennung konsultierten sie den Reiseführer, um herauszufinden, in welchen Motels in den USA ihnen die Übernachtung erlaubt war.

Ist doch alles weit weg

Zur Frage, wie der Film zum Rassenthema steht, dreht im Netz nun eine Debatte. Dass der Fahrer seinen Chef aus einer Schlägerei mit Rednecks herausholt, wird etwa als typisch für die im Hollywoodkino verbreitete Figur des «white savior» gesehen: Der weisshäutige Retter ist zur Stelle, um dem in Not geratenen Schwarzen zu helfen. Dieser braucht Hilfe von aussen, weil er es selbst nicht schafft.

Der Chauffeur ist auch eine Figur der Vermittlung: zwischen dem Einzelnen, dem vielleicht mal ein rassistisches Schimpfwort rausrutscht, und dem weitaus brutaleren Gesamtsystem der Unterdrückung. Als Individuum hat Tony ja wenig mit den richtig üblen Rassisten im Süden zu tun, womit er entschuldigt ist – und mit ihm das mehrheitlich weisse Kinopublikum von heute. Ist doch alles weit weg. Auch zeitlich.

In einer Szene wirft Tony dem Pianisten tatsächlich vor, dieser habe «seine Leute» vergessen, weil er Aretha Franklin kaum kenne – eine Folge von Shirleys vergeistigten Musikstudien über die Jahre (die armen Schwarzen sieht man praktischerweise auch gleich von der Strasse aus; sie ackern mit der Spitzhacke auf einem Feld und tragen Lumpen). Der bauernschlaue Italoamerikaner aus der Arbeiterklasse dagegen ist eigentlich «schwärzer», weil er sich Tag für Tag durchschlägt, um seine Familie zu ernähren. Sprich: Shirley soll sich mal lockermachen und gebratene Hühnchen essen, und zwar mit blossen Fingern.

Auch Präsident Trump war ja vor nicht allzu langer Zeit der Meinung, es gebe Probleme auf «beiden Seiten». «Green Book» geht so weit, die Schwierigkeiten der Privilegierten und der Unterdrückten auf dieselbe Stufe zu stellen – und das in einer Geschichte aus der Zeit der Rassentrennung. Einen Zusammenhang zwischen Macht und Repression gibts da gar nicht mehr.

Was soll die Jugend damit?

Es ist eher so, dass der Musiker als Inbegriff einer Kunstelite erscheint und nicht wie jemand, der ausgegrenzt wird. «Green Book» ist eben ein Feelgood-Film, nur ist es die Versicherung der eigenen Rechtschaffenheit, die das warme Gefühl auslöst.

Zu den Oscars passt der Favorit so gut, weil sich die Gala sowieso in einer Repräsentationskrise befindet. Während sich die Orga­nisation bemüht, ihre Mitgliederstruktur bunter und weiblicher zu gestalten, wirkt ein Film wie «Green Book», als wäre er vor 30 Jahren gedreht worden. Was soll die identitätspolitisch sensibilisierte Jugend mit so einem Machwerk anfangen, wenn sie «Black Panther» hat, eine in Repräsentationsfragen doch sehr viel differenziertere Comicverfilmung, die erfolgreicher lief als «Titanic»? Die Academy weiss darauf keine Antwort und schlug noch im letzten Sommer vor, man könnte doch neu eine Preiskategorie für den populärsten Film einführen, um etwa Blockbuster wie «Star Wars» zu ehren. Die Idee trat sie einen Monat später wieder in die Tonne.

Vielleicht erklärt das den Erfolg von «Green Book»: Je mehr Hollywood mit Identitätsfragen beschäftigt ist, umso weniger wollen die Oscar-Filme ihrem Publikum den Spiegel vorhalten. Könnte ja sein, dass man etwas entdeckt, was einem nicht gefällt.

Ab 31. Januar in den Kinos. Vorpremieren ab morgen.

Netflix-Film «Roma» führt Liste der Oscar-Nominationen an

Ist das nun der Hollywood-Durchbruch für Netflix? «Roma» hat gestern zehn Oscar-Nominationen erhalten und liegt damit – zusammen mit dem Kostümdrama «The Favourite» – an der Spitze der Liste, vor «A Star Is Born» und «Vice» mit je acht Nennungen. Erstmals in der Geschichte der Oscars wird somit bei der Verleihung am 24. Februar ein Film ins Rennen steigen, welchen die meisten Menschen nicht im Kino gesehen haben, sondern auf einer Streaming-Plattform.

Aber man soll sich nicht täuschen lassen. Die Akademiemitglieder haben bei ihrer Wahl kaum über die Zukunft des Kinos nachgedacht. Sondern einfach den Film von Alfonso Cuarón auszeichnen wollen, einem geachteten Regisseur, der vor vier Jahren bereits den Oscar für «Gravity» erhalten hatte. «Netflix und die Kinos sollten in Zukunft zusammenarbeiten», sagte der mexikanische Regisseur bereits nach dem Gewinn des Golden Globe im Januar.

Alfonso Cuarón inszeniert in Mexiko «Roma». Foto: Carlos Somonte

Traditionelles Arthouse-Kino ist dagegen der zweite zehnfach nominierte Film: In «The Favourite» erzählt Yorgos Lanthimos eine bitterböse Geschichte vom englischen Königshof, in der vor allem die Darstellerinnen überzeugen: Olivia Colman ist für ihre Queen Anne als beste Schauspielerin nominiert, Rachel Weisz und Emma Stone, die um ihre Gunst kämpfen, beide als beste Nebendarstellerinnen.

Grosse Überraschungen blieben aus. Wie oft zuvor wetteifern auch 2019 fünf Männer und keine Frau um die beste Regie. Mit «Black Panther» ist erstmals ein Superhelden-Abenteuer als bester Film nominiert. Und Cineasten hätten beim besten fremdsprachigen Film lieber «Burning» aus Korea auf der Liste gehabt als das pathetische «Werk ohne Autor» des deutschen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck. Aber letztlich ist das ganz gleichgültig – gewinnen in dieser Kategorie wird sowieso «Roma».

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