«Noch nie war eine Schauspielerin so gut wie Nicole Kidman»

Regisseur Werner Herzog über seine Hauptdarstellerin im Wüstenfilm «Queen of the Desert», Kamele und Schüsse im Interview.

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Matthias Lerf@MatthiasLerf

Werner Herzog, «Queen of the Desert» ist Ihr erster Spielfilm mit einer Frau in der Hauptrolle.
Stimmt, aber das wird mir erst jetzt beim Reden über den Film so richtig bewusst.

Was hat Sie an der vor 100 Jahren aktiven Wüstenforscherin Gertrude Bell interessiert?
Ein Produzentenfreund, der ursprünglich aus Damaskus stammt, sagte mir, dass ich unbedingt einen Film über sie drehen solle. Ich antwortete nur: «Wer ist Gertrude Bell?» Eine Stunde später brachte er mir Kopien ihrer Briefe und ihres Tagebuches. Ich wusste sofort: Das ist etwas Grosses, das muss ich tun. Es war mir nicht bewusst, dass es mein erster Spielfilm mit einer Frau werden würde. Und beim Drehen dachte ich auch nie daran.

Die Dreharbeiten waren nicht anders als sonst?
Nein. Wir hatten eine unglaubliche Hauptfigur. Und natürlich mit Nicole Kidman eine fantastische Hauptdarstellerin. Noch nie war eine Schauspielerin so gut wie Nicole Kidman in meinem Film.

Sie übertreiben!
Bestimmt nicht. Sagen Sie mir, wer besser war, nennen Sie mir Namen! Mir kommt auf jeden Fall keiner in den Sinn, sicher nicht in den letzten zehn Jahren.

Nicole Kidman ist ein grosser Star. Hatten Sie keine Angst, dass ihr Name den ganzen Film überstrahlt?
Wieso sollte ich Angst haben? Ich habe mit andern Stars gearbeitet, mit Christian Bale, Claudia Cardinale, Klaus Kinski. Wenn ich drehe, gibt es sowieso keine Stars für mich. Aber jeder, der vor meiner Kamera auftaucht, ist ein König oder eine Königin. Ich respektiere alle, ob sie einen grossen Namen tragen oder nicht.

Der Film ist sehr aktuell, denn damals wurden willkürlich die Grenzen von Ländern wie Syrien und dem Irak gezogen.
Schon. Aber wir müssen vorsichtig sein. Natürlich haben die Planer damals viele Fehler gemacht, wir können uns fragen, ob die Grenzziehung wirklich der Weisheit letzter Schluss war. Aber die wahre Alternative sehen wir ja erst jetzt: Der Islamische Staat will mit aller Brutalität alle Grenzen niederreissen, ein grosses Kalifat errichten. Mit verheerenden Folgen für den Islam auf der ganzen Welt.

Gertrude Bell respektierte den Islam.
Ja. Das passt nicht in die heutige Zeit. Bei der Weltpremiere meines Films ist plötzlich jemand aufgestanden und hat gerufen: «Du bist freundlich mit dem Islam, fahr zur Hölle!» Dann ist er rausgelaufen. Es muss also schon etwas dran sein mit der Aktualität.

Sie haben Klaus Kinski erwähnt, der bei Ihnen ja oft verrückte Figuren spielte. Steckt etwas davon auch in dieser Gertrude Bell von Nicole Kidman?
Ein schwieriger Vergleich. Ganz bestimmt gehören beide zur gleichen Familie. Aber Gertrude war im Grunde eine besonnene Frau. Der berühmte Lawrence of Arabia, in dessen Schatten sie oft steht, war viel selbstsüchtiger und mehr auf Effekte bedacht als sie. Typisch Mann eben.

Aber sie nahm ebenfalls Risiken auf sich.
Sie war ihrer Zeit mindestens hundert Jahre voraus. Damals hatten Frauen nicht einmal ein Stimmrecht, in England. Als sie in Oxford war, mussten Studentinnen in gewissen Lektionen ihr Gesicht zur Wand drehen, sodass die Studenten nicht gestört wurden. Das ist ihr Hintergrund.


Der Film «Queen of the Desert» allerdings ist eine recht konventionelle Filmbiografie.
Finden Sie?

Verglichen mit Ihren früheren Werken schon.
Die Geschichte mag konventionell sein. Aber haben Sie die Wüste nicht gesehen?

Ich denke schon.
Die Wüste wird zu einem Teil der menschlichen Seele, das ist die Verrücktheit. Mein Film «Aguirre, der Zorn Gottes» mit Klaus Kinski war auch eine konventionelle Abenteuergeschichte. Es kommt darauf an, wie man das filmt.

Sie haben schon früher die Wüste gefilmt.
Ja, ich funktioniere gut dort.

Die Landschaft ist fast wie eine Hauptfigur.
Unbedingt. Die Wüste wird ja oft missbraucht, wie in dieser Parfümwerbung, wo man ein paar pittoreske Sanddünen hinter einer Schönheit sieht, die einem etwas andrehen will. In meinen Filmen ist die Landschaft nie Hintergrund. Sie spielt mit, wird Teil der inneren Landschaft der Hauptfiguren.

Und die Kamele?
Die sind äusserst wichtig. Schauen Sie sich einmal «Lawrence of Arabia» an: Das ist unzweifelhaft ein gewaltiger Film, aber die Kamele darin sind langweilig, wirklich langweilig. Die laufen einfach herum und damit hat es sich. Aber diese Tiere sind viel interessanter, die sind widerspenstig, wenn sie Lasten tragen müssen, manchmal richtig empört. Sie machen Lärm, schneiden Faxen. All das gibt es nicht im Klassiker von David Lean. Auch keine echten Sandstürme.

Die sind bei Ihnen echt?
Natürlich. Das kann man nicht inszenieren mit Windmaschinen. Nein, man muss bereit sein, wenn ein echter Sturm aufzieht. Und eine Crew dabei haben, die einem sofort folgt.

Nicole Kidman sagte, sie sei auf eine Abenteuerreise gegangen mit Ihnen.
Ich wäre vorsichtig mit dem Wort Abenteuer. Wir sind Profis, sie und ich. Aber es stimmt, ich habe eine klare Vision, und sie hat diese akzeptiert. Und hat selber dazu beigetragen: Die Szene, in der sie ein Bad in der Wüste nimmt, in dieser ausfaltbaren Badewanne, war im Drehbuch nicht vorgesehen. Aber sie wusste, dass Gertrude Bell so ein Ding hatte und sagte: «Werner, gib mir diese Szene, ich will ein Bad nehmen.» Ich sagte: «Ja schon, aber dann wirst du nackt zu sehen sein.» Sie erwiderte: «Na und? Das gehört zur Wüste.» Sie hatte vor nichts Angst.

In einer Szene wird Nicole Kidman von einer Kugel gestreift und tut so, als ob nichts passiert wäre ...
... das ist mir selber einmal passiert. Ich wurde während eines Interviews vor laufender Kamera angeschossen.


Eben. Aber ist es Gertrude Bell auch passiert?
Nein, das habe ich erfunden. Es gibt im Film viele kleine Dinge von mir. Als ich meine Frau fragte, ob sie mich heiraten wolle, habe ich auch so leise gesprochen, dass sie mich nicht verstand und fragte: «Hä, was hast du gesagt?» Vieles aus meinem Leben ist in dem Film gelandet.

Was war genau, bei Ihnen mit der Kugel?
Ach, das können Sie im Internet sehen. Es war während eines BBC-Interviews. Ich wurde nur leicht verletzt, es spielte keine Rolle. Eigentlich wollte ich weitersprechen, aber die Crew hatte Angst. Ich dachte einfach, die Episode passe gut zu Gertrude Bell. Sie ist furchtlos, wie ich.

Sie fürchten sich wirklich nie?
Nein. Das Wort Angst existiert nicht in meinem Vokabular.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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