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Nervenzehrende Geburt

Jeder Mensch kennt es: Erste Male, die er nicht vergisst. Der erste Schultag. Der erste Kuss. Im «Kurzfilm der Woche» geht es um ein spezielles erstes Treffen.

«Hast du mir heute Morgen schon einen Kuss gegeben?», fragt die Mutter ihren kleinen Sohn Bruno. Mama und Sohn sitzen hinten im Auto. Der Papa fährt. Er schaut in den Rückspiegel. «Keine Küsse dahinten, ihr zwei!» Alle drei lachen. «Wir machen doch nichts», sagt die Mutter, während Bruno ihr noch schnell einen weiteren Kuss auf den Mund drückt. Die Stimmung ist gelöst. Nur die Mutter scheint mit ihren Gedanken manchmal ganz woanders zu sein. Kein Wunder: Der kleinen Familie steht heute so was wie eine Geburt bevor.

Es sind intime Szenen, die der Dokumentarfilmer Fernand Melgar hier einfängt. Der Westschweizer realisierte im Jahr 2000 eine Reihe von Kurzfilmen unter dem Titel «Premier Jour». Er begleitet dabei Menschen, welche etwas gerade zum ersten Mal machen oder etwas zum ersten Mal sehen. Der Kurzfilm der Woche trägt den Titel: «L’arrivée». Die Ankunft. Melgar begleitet darin die Familie Aymon zum Flughafen Genf. Vor zwei Jahren haben sie bereits Bruno adoptiert, und warten nun ungeduldig auf die Ankunft eines kleinen Mädchens aus Haiti.

Warten in der Ankunftshalle

Melgar bleibt mit seiner Kamera im Hintergrund. Und es gelingt ihm, die Emotionalität der Situation in völlig banalen Szenen einzufangen. Der Film schafft es, auch ohne Tränen und übertriebene Gesten Spannung aufzubauen. Im Parkhaus bringt der Vater zuerst den Kinderwagen nicht auf. Dann vertreibt sich die Familie die Wartezeit mit Einkäufen. Bruno darf noch schnell einen Schnuller für die neue Schwester aussuchen und die Mutter kann sich nicht zwischen einem Babyfläschchen aus Glas und einem aus Plastik entscheiden. Ist doch jetzt nicht so wichtig, denkt man sich.

Die Stimmung wird angespannter. Die Mutter zündet eine Zigarette an (wir erinnern uns: der Kurzfilm ist 2000 entstanden). Die Familie richtet sich in der Ankunftshalle vor der Schiebetür ein. Und es ist wie die Vorankündigung einer Geburt. Die Tür öffnet sich. Und geht wieder zu. Zwischendurch wird immer das Gesicht der Mutter gezeigt. Ihre Anspannung. Ihre Angst. Die Tür öffnet sich wieder. Und sie schliesst sich wieder. Keine Spur von dem Mädchen aus Haiti. Und die Mutter stellt sich dann die Fragen, die sich jede werdende Mutter stellt. Und wenn nicht alles gut geht? Und wenn die Tochter nun doch nicht kommt?

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