Zum Hauptinhalt springen

Mottis wunderliche Reise zu den Oscars

«Wolkenbruch» will nächsten Montag den Sprung auf die Oscar-Shortlist schaffen. Was braucht es dafür? Die Produzenten Anita Wasser und Michael Steiger erklären ihre Strategie.

Bald ein Date mit der Oscar-Akademie? Joel Basman und Noémie Schmidt in «Wolkenbruch». Foto: DCM Film
Bald ein Date mit der Oscar-Akademie? Joel Basman und Noémie Schmidt in «Wolkenbruch». Foto: DCM Film

Nüchtern betrachtet, stehen die Chancen bei annähernd null. Seit Xavier Koller mit «Reise der Hoffnung» 1991 den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann, schaffte es die Schweiz in dieser Kategorie nicht einmal mehr auf die Liste der nominierten Filme. Warum sollte das ausgerechnet «Wolkenbruch» gelingen?

Besuch bei der Produktionsfirma Turnus Film in Zürich. «Den Oscartraum mitzumachen und in der Königsklasse mitzuspielen, das passiert vielleicht nur einmal im Leben», schwärmt Michael Steiger. Er hat zusammen mit Anita Wasser und Hans Syz die Komödie produziert.

Als sechsköpfiges Team (zusammen mit Regisseur Michael Steiner und den Darstellern Joel Basman und Inge Maux) war man zuletzt in Los Angeles, um die Werbetrommel für «Wolkenbruch» zu rühren. Aber wen muss man dort ansprechen? Und mit welchem Geld?

Die Ausgangslage

92 Filme sind für den «Best International Feature Film», wie die Oscarkategorie seit diesem Jahr heisst, zugelassen. Am 16. Dezember wird die Akademie verkünden, welche zehn Filme es auf die Shortlist geschafft haben.

Für diese erste Stufe des Oscar-Wahlprozederes sind jedoch nicht etwa alle 9000 Akademiemitglieder wahlberechtigt, sondern nur jene knapp 300, die sich extra für diese Kategorie registriert haben. Und auch die dürfen nur wählen, wenn sie mindestens 15 Filme an offiziellen Screenings gesehen haben.

Grosse Teile der Akademie sind jüdisch

Die grosse Kunst ist also, diese handverlesene Anzahl von Akademiemitgliedern für «Wolkenbruch» zu begeistern – und dafür haben Steiger, Wasser und Syz einen PR-Agenten aus Los Angeles verpflichtet: Joshua Jason, der zuletzt die Oscarkampagne für Spike Lees «BlacKkKlansman» führte (sechs Nominationen, ein Sieg), ist selbst Akademiemitglied und jüdischer Herkunft.

Letzteres ist insofern wichtig, als grosse Teile der Akademie jüdisch sind und diese Community das Zünglein an der Waage spielen könnte, wenn es um Stimmen für «Wolkenbruch» geht. Der Film erzählt ja vom Zusammenprall der orthodoxen mit der nicht jüdischen Welt.

Positives Feedback der jüdischen Gemeinde

«Wir hatten keine Ahnung, wie die amerikanischen Juden unseren Film aufnehmen würden», erinnert sich Anita Wasser. «Aber bei einem Screening im Malibu Jewish Center war die Stimmung sehr gelöst. Dass wir positives Feedback von dieser Gemeinde bekamen, die den jüdischen Glauben so offen lebt, stimmte uns zuversichtlich.»

Neben Screenings und Empfängen, wo man quasi im Speeddating-Verfahren Kontakte mit wichtigen Entscheidungsträgern knüpft, ist es auch wichtig, mit Inseraten in den Branchenblättern präsent zu sein. «Mit knapp 70’000 Franken war das unser grösster Ausgabenposten», sagt Steiger.

Apropos Geld: Die ganze «Wolkenbruch»-Kampagne hat bis jetzt insgesamt 250’000 Franken gekostet. Davon kamen 40’000 Franken vom Bund, 40’000 von der Zürcher Filmstiftung, 10’000 trug die Stadt Delémont über ihre Festivalinitiative «Delémont-Hollywood» bei. Der Rest wurde mittels Crowdfunding und Eigenmitteln finanziert.

«Als kleiner Independentfilm haben wir nur begrenzte Unterstützung von Netflix.»

«Wolkenbruch»-Produzent Michael Steiger

Und Netflix? Schliesslich ist «Wolkenbruch» der erste Schweizer Film, der weltweit auf dieser Plattform läuft. «Nun ja», sagt Steiger, «als kleiner Independentfilm haben wir nur begrenzte Unterstützung von Netflix. Aber das hat auch seine Vorteile; wenn du einen Kinosaal in Los Angeles buchst, dann zahlst du 5000 Dollar Miete. Wenn du dagegen mit dem Netflix-Logo antrittst, kostet dasselbe Screening plötzlich viel mehr.» Ähnliche Preisunterschiede habe es zum Teil auch bei den Inseraten gegeben, ergänzt Wasser. «Aber wir konnten einen Mittelweg finden.»

Einen Mittelweg galt es offenbar auch bei den Empfängen zu finden. Jedenfalls sei es nach den legendären Exzessen eines Harvey Weinstein heute nicht mehr gern gesehen, wenn zu üppig aufgetischt werde. «Vergiss den Champagner!», sagt Steiger.

Starke Konkurrenz für «Wolkenbruch»

Eine solche Flasche zu öffnen, kommt also erst infrage, wenn «Wolkenbruch» den Sprung auf die Shortlist schaffen sollte. Aber die Konkurrenz ist gross: Der südkoreanische Cannes-Sieger «Parasite», «Dolor y Gloria» von Pedro Almodóvar (Spanien), «Les misérables» von Ladj Ly (Frankreich) oder «Atlantics» von Mati Diop (Senegal) wurden in der amerikanischen Presse – im Gegensatz zu «Wolkenbruch» – breit besprochen. Diese Filme gelten als so gut wie gesetzt.

Kommt hinzu, dass drei der zehn Shortlist-Slots von einem Spezialkomitee bestimmt werden, und dort, sagt Steiger, würden künstlerisch wertvolle Arthouse-Filme bevorzugt, die wegen knapper Budgets wenig bis keine Aufmerksamkeit bekommen. «Da gehören wir nicht dazu.»

Es wird also darauf ankommen, ob die jüdische Community «Wolkenbruch» gut genug findet, um den Film auf die Shortlist zu heben. Falls das gelingt, käme es zur zweiten Stufe des Wahlprozederes – und da stimmt dann die ganze Akademie darüber ab, wer es unter die fünf Nominierten schafft. Da würde auch Regisseur Michael Steiner wieder aktiv werden, denn der sagt im Moment ... nichts. So kurz vor der Entscheidung, lässt er ausrichten, bringe das Unglück.

Die «Wolkenbruch»-Produzenten Hans Syz, Anita Wasser und Michael Steiger (v.l.). Foto: Kostas Maros
Die «Wolkenbruch»-Produzenten Hans Syz, Anita Wasser und Michael Steiger (v.l.). Foto: Kostas Maros

----------

Die weiteren Schweizer Oscaranwärter

«Wolkenbruch» ist nicht die einzige Schweizer Oscarhoffnung. Bei den Dokumentarfilmen sind «#Female Pleasure» von Barbara Miller und «Blue Note Records» von Sophie Huber im Rennen. Beide führen ebenfalls eine Oscarkampagne – allerdings (noch) ohne Unterstützung der öffentlichen Hand; dafür müssten sie erst den Sprung auf die Shortlist schaffen.

«Wir machen seit zwei Monaten nicht viel anderes», sagt «#Female Pleasure»-Produzent Philip Delaquis. Mit Erfolg: Die amerikanische Presse ist voll des Lobs für den Film, der die Unterdrückung der Frau und der weiblichen Sexualität thematisiert und der mit 200’000 Zuschauern in Europa ein Publikumshit war. «Dank unserer Kampagne, die auch einen gesellschaftlichen Nutzen haben soll, konnten wir die UNO und andere Institutionen gewinnen, sich für unseren Film und seine Botschaft einzusetzen», sagt Delaquis.

So wirbt «#Female Pleasure» in den US-Medien um Aufmerksamkeit. Foto: PD
So wirbt «#Female Pleasure» in den US-Medien um Aufmerksamkeit. Foto: PD

Mit etwas kleinerem Budget, aber nicht minder viel Einsatz weibeln Regisseurin Sophie Huber und Produzentin Susanne Guggenberger für «Blue Note Records: Beyond the Notes».

In diesem Dokumentarfilm über das legendäre amerikanische Plattenlabel treten auch Jazzgrössen wie Herbie Hancock oder Wayne Shorter auf. «Wir konnten für unseren Film keine Apéros veranstalten oder Werbung schalten», sagt Guggenberger, «aber wir bekamen sehr gute Presse, und wir haben unsere Netzwerke voll ausgeschöpft.» Dennoch würde sie es als kleines Weltwunder betrachten, wenn ihr Film – bei 159 Konkurrenten in der Kategorie «Best Documentary Feature» – auf die 15 Titel umfassende Shortlist rutschen würde.

Punkten könnte die Schweiz auch bei den Kurzfilmen. Da haben sich in drei Kategorien (Spiel-, Dok- und Animationsfilm) nicht weniger als sieben Produktionen qualifiziert, wozu Preise an Festivals nötig sind, die von der Akademie vorgegeben werden.

Die grössten Hoffnungen auf einen Shortlist-Platz darf sich vermutlich Amos Sussigan machen. Der erst 30-jährige Schweizer, der in Los Angeles wohnt und aktuell für Warner Animation an «Space Jam 2» arbeitet, erzählt in seinem Kurzanimationsfilm «Coaster» von einem jungen Mann, dessen Haus auf einer Achterbahn steht. Das Branchenblatt «Variety» zählt dieses Werk zu den zehn aussichtsreichsten Kandidaten in der Kategorie «Best Animated Short Film». (zas)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch