Monumente des Scheiterns einer Utopie

«Passion» von Christian Labhart ist ein spektakulärer Essayfilm über den aktuellen Zustand der Welt. Er stellt die Frage: Haben die Proteste von 1968 und 1980 nichts genützt?

Konsumspektakel und Profitwahn: Szene aus dem Film «Passion: Zwischen Revolte und Resignation» von Christian Labhart. Foto: Look Now!

Konsumspektakel und Profitwahn: Szene aus dem Film «Passion: Zwischen Revolte und Resignation» von Christian Labhart. Foto: Look Now!

Pascal Blum@pascabl

Als «Passion» kürzlich am Visions du Réel in Nyon uraufgeführt wurde, drängte sich eine Handvoll Zuschauer vor den Eingang des Kinos im Grande Salle. Sie standen auf der Warteliste, denn drinnen war schon alles voll. Vermutlich haben sie gar nicht mitbekommen, dass es sich bei «Passion» um jenen Dokumentarfilm handelt, den die Solothurner Filmtage vor einigen Monaten abgelehnt hatten – worauf aus Protest eine Petition eingereicht wurde.

Vielleicht war es ihnen aber auch egal, sie waren ja nicht in Solothurn, sondern am Visions du Réel, wo der Film als einziger Schweizer Beitrag im internationalen Wettbewerb lief. «Passion» sei «gross und ambitioniert», sagt Festivalleiterin Emilie Bujès. Wenn sie «gross» sagt, meint sie das im Sinn des französischen «grand»: stark, gewaltig.

«Passion: Zwischen Revolte und Resignation» lebt von monumentalen Bildern, wie man sie im Kino eine Weile nicht mehr gesehen hat. Die Kamera teilten sich der im Januar verstorbene Pio Corradi und Simon Guy Fässler, die in Buenos Aires, Tokio, Kalifornien oder Dubai nach symbolträchtigen Momentaufnahmen einer Welt suchten, die sich im Griff von Konsumspektakel und Profitwahn befindet: ein Superkapitalismus der pervertierten Bedürfnisse und zerstörten Lebensräume.

Bach als Kontrapunkt

Sie fanden die Shoppingmall in Dubai, auf deren Wand ein Badestrand projiziert wird, oder das Kreuzfahrtschiff in Venedig, das sich durchs Wasser schiebt und wirkt, als würde es die Stadt erdrücken. Sie filmten ein Schlachthaus in Buenos Aires oder Laufbänder im Hochhaus. In einem japanischen Altersheim macht ein Roboter mit den Betagten Lockerungsübungen.

Es sind Bilder wie Schreckgespenster, in schummrige Soundscapes getauchte Zeichen eines unheimlich mächtigen Systems, wo Automatisierung und Virtualisierung nur noch mehr Ungleichheit und Entfremdung produzieren. Als tröstlichen Kontrapunkt zeigt Christian Labhart die Matthäus-Passion von Bach, geprobt vom Collegium Vocale Gent. All das verbindet der 66-jährige Zürcher Regisseur («Giovanni Segantini») mit Rückblenden auf Stationen seines eigenen Lebens: von 1968 über die Krawalle 1980 bis zur Familiengründung und zum Job als Lehrer und Filmemacher.

Offizieller Trailer zum Film «Passion».

Eine typische Biografie, weshalb es Labhart auch nicht um eine Selbstbespiegelung geht. Viel mehr Platz räumt er Texten von Franz Kafka, Bertolt Brecht oder Slavoj Zizek ein – besser als die kann mans ja eh nicht sagen.

Was aus der Welt geworden ist, die man doch verändern wollte, zeigt «Passion», ohne dass es einen geschwätzigen Kommentar brauchte. «Die Bilder sind nicht neutral, sondern aufgeladen, weil sie zeigen sollen, wie ich die Welt sehe», sagt Labhart. Überall habe er nach Beispielen dafür gesucht, wie es falsch läuft und wo die Mechanismen des Systems sichtbar würden. Solche Mechanismen der Profitlogik beobachte er auch im Alltag: «Wenn ich durch die Stadt gehe, muss ich öfter den Kopf schütteln.»

Dekadent, surreal, ekstatisch

Dem Zuschauer kann es passieren, dass er bei so viel altlinker Kritik an der totalitären Warengesellschaft das Gegenteil von dem sieht, was Labhart vorführen will. Wenn von der gefüllten U-Bahn in Tokio auf Bilder von Nutzvieh umgeschnitten wird, verspürt man ebenfalls ein Gefühl zwischen Revolte und Resignation, allerdings gilt es dem Film selbst. Andere Aufnahmen haben eine geradezu ekstatische Qualität, sodass die Welt eine Schönheit zurückgewinnt. Der Ausflug im Geländewagen über die Dünen von Dubai beispielsweise: schon reichlich dekadent, aber gleichzeitig ein Anblick von surrealer Pracht.

«Passion» aber bleibt bei alledem irre unerbittlich und zeigt die Monumente des Scheiterns einer Utopie, die laut Labhart nur manchmal noch aufblitze. Die Bilanz eines bewegten Lebens produziert Entsetzen und Enttäuschung. Nie ändern sich die Verhältnisse, weil jeder Widerstand absorbiert wird. Anderseits, wenn er jetzt an die Klimademos gehe und die Jugendlichen «Wem sini Wält? Eusi Wält!» rufen höre: Dann habe er manchmal Tränen in den Augen, so Labhart.

Dabei ist «Passion» keinesfalls das weinerliche Bekenntnis eines Alt-68ers geworden, sondern eher ein phänomenologischer Versuch über die Herrschaftsmaschine, abgestützt in Theorie und Literatur. Man muss das nicht alles so sehen wie Labhart. Aber wenn man es sieht, ist es ziemlich überwältigend.

Heute Vorpremiere im Lunchkino, 12.15 Uhr. Um 20 Uhr Podium im Volkshaus mit Christian Labhart, Aktivist Jonas Kampus, Tamara Funiciello und Ökonom Gian Trepp zum Thema: «Haben es die ‹Alten› verbockt?». Im Kino ab 18. April.

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