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Man kann sich ja nicht selber verbieten

Die Schweizer Dokfilmerin Heidi Specogna sprach an den Solothurner Filmtagen über den europäischen Blick auf Afrika.

Von grossen Theorien hält die ehemalige Journalistin nicht viel: Heidi Specogna bei der Verleihung ihres Grimme-Preises. Foto: Henning Kaiser (DPA)
Von grossen Theorien hält die ehemalige Journalistin nicht viel: Heidi Specogna bei der Verleihung ihres Grimme-Preises. Foto: Henning Kaiser (DPA)

An den Filmtagen in Solothurn scheint es ein heisses Thema zu geben: irgendwas mit Afrika. Nicht weniger als 14 Gäste waren gestern in die Säulenhalle im Landhaus zu einem «Atelier de la pensée» geladen, die Regisseure und Produzentinnen redeten über «Fremde Länder, fremde Bilder?». Solothurn nahm Filme wie «Bruno Manser», «African Mirror» oder die Musikdoku «Contradict» zum Anlass für eine Debatte ums Bilder­machen in postkolonialen Zeiten.

Die Bieler Dokumentarfilmregisseurin Heidi Specogna, dieses Jahr «Rencontre»-Ehrengast, ist wahrscheinlich die Letzte, von der man sagen würde, dass sie sich fremde Bilder von anderen Ländern macht. Für ihren nächsten Kinofilm ist sie schon mehrmals nach Äthiopien gereist; sie verbringt immer sehr viel Zeit an einem Ort, bevor sie überhaupt mit dem Dreh beginnt.

Heidi Specogna spricht immer geradeheraus, mit grossen Theorien muss man ihr gar nicht kommen.

Es ist auch schon vorgekommen, dass die frühere Journalistin auf Recherche etwas entdeckte, das sie über lange Zeit nicht losgelassen hat. So war das bei «Cahier africain» (2016), als sie in einem Schulheft auf Zeugenaussagen von 300 Frauen aus der Zentralafrikanischen Republik stiess, die die ­Gewalttaten durch kongolesische Söldner dokumentierten. Am Ende dauerte das Projekt sieben Jahre.

Dennoch wird sie jetzt überall gefragt, ob sich koloniale Vorstellungen in Kinobildern wiederfinden und ob eine weisse Frau überhaupt Filme in Afrika machen darf. Specogna hält das für eine «dogmatische Haltung», wie sie vorab im Gespräch sagt. «Wenn ich mir aufgrund meiner Hautfarbe verbiete, einen Film über afrikanische Frauen zu drehen, würde ich mich in allen Facetten verbieten: als Frau, als empatische Person, als Journalistin, als Kind aus Arbeiterverhältnissen.»

Heidi Specogna sagt so etwas immer geradeheraus, mit grossen Theorien muss man ihr gar nicht kommen. Als Regisseurin stelle sie sich immer dieselben Fragen: Wie recherchiert man Lebensbedingungen? Wie behält eine Person ihre Würde? Es geht immer darum, Augenhöhe herzustellen, und wie man das macht, lasse sich nie pauschal beantworten.

Stoffe «reifen» zu wenig

Wenn sie eine Beziehung zu ihrem Stoff habe, spüre sie eine Legitimation, ihren Fragen nachzugehen, denn Thema und Regisseurin liessen sich nie trennen. Bei Specogna kann das so weit gehen, dass sie die 17-jährige Protagonistin eines Kurzporträts mehrmals dazu aufforderte, eine Schule zu besuchen. Aber das Mädchen wollte einfach nicht.

Trotzdem bleibt Nähe die Währung für die Regisseurin und Dozentin an der Filmakademie Baden-Württemberg. Im Dokumentarfilm sieht sie heute eine zunehmende «Industrialisierung». Stoffe würden hinsichtlich Kinoqualität und Publikumspotenzial ausgewählt und gedreht. Oft sind pro Schritt unterschiedliche Personen beteiligt, was dazu führe, dass ein Thema in einem Regisseur nicht mehr «heranreifen» kann.

Einem Autorenmythos muss man deswegen nicht aufsitzen, aber es ist schon so: Wo sich Autor und Thema trennen, da braucht es wieder eine Aneig­nung. Und dann stellt sich die Frage wirklich, was all die Europäer in Afrika eigentlich für Bilder suchen.

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