Märchen mit leisem Happy End

Während Kubas Stern immer tiefer fiel, stieg derjenige des Buena Vista Social Club auf wie ein Komet. Der Film «Adios» zeichnet seine Flugbahn nach und lässt als Schweif die berührenden Lebensgeschichten der Musiker aufleuchten.

Leise Töne, Schmerz im Gesicht: Omara Portuondo im Film «Buena Vista Social Club – Adios».<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Leise Töne, Schmerz im Gesicht: Omara Portuondo im Film «Buena Vista Social Club – Adios».

(Bild: zvg)

Läge der Club Buena Vista in der Hauptstadt eines kapitalistischen Landes, würde längst Gewinn daraus geschlagen. So aber irren Musikfans aus aller Welt mit veralteten Stadtplänen durch Havannas Armenviertel Buena Vista und finden ihn nicht. «Número 60!», weisen die Einheimischen ihnen den Weg – sie sind es gewohnt, nach dem legendären Tanzlokal gefragt zu werden, den die All-Star-Band Buena Vista Social Club zur Marke gemacht hat. Doch Hausnummer 60 bietet nicht viel: Ein verfallenes Häuschen mit abblätterndem blauem Verputz. Etwas ratlos umkreist das Filmteam der britischen Dokumentarfilmerin Lucy Walker den verlassenen Ort.

Strikte Rassentrennung

Nur Schwarze traten in den 1950er-Jahren im Social Club Buena Vista auf – und nur vor schwarzem Publikum. Vor der Revolution waren die Rassen streng getrennt, afrikanische Trommeln wie die Conga verboten. «Mulatten durften manchmal auch in weissen Clubs auftreten», erinnert sich der greise Pianist Rubén Gonzalez. Man habe vorgespielt und gefallen, doch dann hiess es oft: «Sucht einen Helleren!»

Den Abschluss der kunstvollen Filmcollage bildet das letzte Konzert der verbliebenen  Buena-Vista-Stars 2016 in Havanna.

Dass Gonzalez während seiner späten zweiten Karriere auch die Tänzerinnen der einst strikt weissen Ballettakademie begleitete, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Doch das Lachen vergeht einem, wenn man den Schmerz in Omara Portuondos Gesicht sieht, während die Sängerin (86) erzählt, dass sie als Kind gerne Balletttänzerin geworden wäre: «Ich verstand nicht, dass farbige Mädchen nicht an diese Schule durften.» Wortlos zeigt sie ein Papier, das ihren Grossvater als Sklaven auswies.

Obamas Gast

Besonders berührt im Film Publikumsliebling Ibrahim Ferrer («Dos Gardenias para tí»). Wie der ein Leben lang Verkannte 2005 vor Präsident Obama im Weissen Haus auftrat und sichtlich Spass hatte, lässt niemanden kalt – es ist ein Märchen irgendwo zwischen Aschenputtel und Froschkönig. Doch «Wenn sie nicht gestorben sind . . .» passt als Happy End schlecht, denn Ibrahim ist inzwischen tot, so auch Ruben, Compay und einige andere.

Den Abschluss dieser kunstvollen Filmcollage bildet das letzte Konzert der verbliebenen Buena-Vista-Stars 2016 in Havanna. Es sind respektvolle Einstellungen, die Omaras leise Töne einfangen, ihre Tränen, die verhaltenen Publikumsanimationen. Der Vorhang fällt. Das Märchen klingt weiter.

«Buena Vista Social Club – Adios»: Ab 19. Oktober im Kino.

Berner Zeitung

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