Locarno wird weiblicher

Mehr Frauen in den Auswahlkomitees sollen künftig für mehr Vielfalt sorgen. An Frauengeschichten mangelt es aber auch am diesjährigen Filmfestival nicht.

Von den Dorfbewohnern ausgeschlossen: Damla Sönmez im Film «Sibel». Foto: PD

Von den Dorfbewohnern ausgeschlossen: Damla Sönmez im Film «Sibel». Foto: PD

Pascal Blum@pascabl

Noch wurde in Locarno keine Nachfolge für den künstlerischen Leiter Carlo Chatrian präsentiert. Aber ein erster Vertrag ist schon einmal unterschrieben. Gestern unterzeichnete das Festival eine Charta für Vielfalt und Gleichstellung.

Locarno verpflichtet sich dazu, künftig auf ausgewogene Geschlechterverhältnisse in den Auswahlkomitees und weiteren Gremien hinzuarbeiten und Zahlen zu erfassen, etwa über die Anzahl Einreichungen von Regisseurinnen. Die Anfrage kam aus Frankreich, dort hat das Cannes-Festival bereits eingewilligt, überfällige Fragen anzugehen. Locarno ist das zweite wichtige Festival, das mitmacht.

Regisseurin Ursula Meier steht der Charta als Patin beiseite. «Locarno war immer ein Festival der Entdeckungen, der jungen Regisseure, des Risikos», sagt sie im Gespräch. «Auch deshalb ist die Unterzeichnung sinnvoll.» Ziel ist, dass sich die Vielfalt mit der Zeit stärker in der Filmauswahl manifestiert, wenn mehr Frauen über das Programm entscheiden können.

Wobei man sich im diesjährigen Wettbewerb kaum über fehlende Frauengeschichten beklagen kann. Die Filme heissen «Diane» und«Sibel», man musste sich durch beide ein bisschen kämpfen. Im ersten Fall ging es um die selbstlose Amerikanerin Diane und die Frage, welche Schuldgefühle jene auslösen, die helfen, und ob es egoistisch ist von ihnen, sich selbst nicht helfen zu lassen. Das glaubte man aber alles nicht recht, ein Grund war das holprige Schauspiel.

Die eingehegte Lust

Noch konstruierter wirkte «Sibel», worin eine junge Frau ausgeschlossen vom türkischen Bergdorf durch den Wald streift und über Pfeiftöne kommuniziert, dabei aber immer so alabasterglatt aussieht wie eine Studentin. Eines Tages schiesst sie auf ein wildes Tier im Gebüsch, es stellt sich heraus: Ist ein Mann. Jaja.

In «Alice T.» des Rumänen Radu Muntean gings dann wenigstens an die Eingeweide. Alice, rot gelockte Adoptivtochter in Bukarest, wird schwanger und erzählt ihrer Mutter unter Tränen, sie wolle das Kind behalten. Der Teenager macht aber, was er will, denn er beherrscht das ganze Repertoire der Pubertät. Dieses glucksende Nicht-ernst-nehmen-Können! Dieser arrogante Übermut! Es war mal wieder rumänischer Realismus in Hochauflösung. Aber mehr als die extremen Details eines Lebensausschnitts sah man dann eben auch nicht. Wieso musste man diesen Film machen? Weil man es kann?

Weil man es muss, würde die Zürcher Regisseurin Barbara Miller die Frage vielleicht hinsichtlich ihres Dokumentarfilms in der Kritikerwoche beantworten. Sie porträtiert in «#Female Pleasure» fünf Frauen, darunter eine Jüdin, die aus ihrer ultraorthodoxen Community in Brooklyn ausgestiegen ist, oder, besonders beeindruckend, eine ehemalige Nonne, die publik machte, dass sie von ihrem Pater vergewaltigt worden war.

Die Klammer ist die Verteufelung der weiblichen Sexualität aus Sicht der Religionen – wobei man nicht ganz verstanden hat, was die japanische Künstlerin, die lustige Abdrücke ihrer Vulva erstellt, im Einzelnen mit dem Buddhismus zu tun hat. Generell geht es darum, dass die Lust der Frauen quasi über Jahrhunderte eingehegt, kontrolliert, erstickt wurde: von Glaubenssystemen genauso wie von der «Religion des Patriarchats».

Vor den mutigen Frauen kann man sich nur verneigen. Der Film über sie ist schön gestaltet, aber man würde gern wissen, ob er jenseits der Genitalverstümmelung etwas zum Islam zu sagen hat. Und ob es ihm manchmal auch reichte, relevant zu sein, was nicht dasselbe ist wie gut. Jedenfalls schauen die Protagonistinnen aufs Wasser hinaus, während sie aus dem Off erzählen. Wenns um die Vielfalt der Bilder geht, könnte man gleich hier anfangen, etwas zu ändern.

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