Letztlich zählt die grosse Zahl

Amazon und Netflix sind zu Gast am Filmfestival Locarno. Bis zu seinem Tod könne er leider nicht mehr genug Filme schauen, sagte Ted Hope von den Amazon Studios.

Ein Kuss für den Leoparden: US-Filmproduzent Ted Hope erhält in Locarno den Raimondo-Rezzonico-Preis. Foto: Keystone

Ein Kuss für den Leoparden: US-Filmproduzent Ted Hope erhält in Locarno den Raimondo-Rezzonico-Preis. Foto: Keystone

Pascal Blum@pascabl

Jedes Jahr kommen ein paar wichtige Leute ans Filmfestival Locarno. Es ist nur nicht auf Anhieb klar, welches die Superwichtigen sind. Bundesrat Alain Berset kann man einfach ansprechen. Viel schwieriger ist das bei der stylishen schwarzen Amerikanerin Funa Maduka. Sie bleibt aus Freundlichkeit ein paar Momente stehen. Dann sagt sie den Satz, den superwichtige Leute immer sagen: «Das sind mehr als drei Fragen.» Und weg ist sie. Mit einem Lachen.

Funa Maduka ist Einkäuferin bei Netflix. Sie gehört nicht zu den Stars aus Entertainment oder Politik, die sich in Locarno herumtreiben. Aber sie entscheidet mit, wie unser Filmkonsum in Zukunft aussehen wird. In Locarno ist sie Teil der Jury für Debütfilme. Auf Interviewanfragen reagierte sie erst nicht, zieht das kurze Gespräch gleich darauf wieder zurück. Zu Netflix wolle sie nichts sagen.

Plaudern über alles Mögliche

Die Digitalisierung hat nicht nur eine technologische Umwälzung in der Filmwelt ausgelöst. Sie hat auch verschoben, wer zu den Gefragten gehört. Für Filmstars und Regisseure war es lange Zeit üblich, gewisse Gesprächsthemen auszuschliessen. Heute plaudern sie über alles Mögliche. Das Star-Verhalten haben dafür die Vertreter von Technologiefirmen übernommen. Sie winken ab, laufen weg, bestimmen über Inhalte.

Nur bei Ted Hope sieht das ein bisschen anders aus. Der Leiter der Kreativabteilung von Amazon Studios ist ebenfalls begehrt in Locarno. Im Hotel Belvedere gibt er ein Interview ums andere, während die Schauspieler vom Piazza-Film am nächsten Tisch schon wieder freibekommen haben.

Geredet hat der etwas unscheinbare Mann schon immer gern. In den 80er-Jahren ist er als Wahlkämpfer für Ralph Nader von Tür zu Tür gegangen, bevor er 1991 mit James Schamus die Produktionsfirma Good Machine gründete. Sie prägten das US-Independent-Kino mit Filmen wie «Eat Drink Man Woman» oder «The Ice Storm». Locarno ehrte Ted Hope deshalb mit dem Best Independent Producer Award.

Wieso arbeitet so einer heute für Jeff Bezos, den reichsten Mann der Welt? Amazon sieht neue Abonnenten für die eigene Streaming-Plattform Prime auch als zusätzliche Amazon-Kunden – weshalb der Konzern viel Geld für Filmproduktionen ausgibt; bis 2021 will man Netflix übertroffen haben. Bislang hat Amazon dafür auf Distinktion gesetzt: Mehr Indie-Titel, coole Namen wie Spike Lee oder Lynne Ramsay. Ted Hope hat für zehn Millionen Dollar das Drama «Manchester by the Sea» gekauft. Der Lohn: zwei Oscars.

«Das Angebot übersteigt meine Lebenserwartung.»

Anders als Netflix bringt Amazon seine Filme in die Kinos, bevor sie gestreamt werden können. «Derzeit sind Amazon und Netflix die einzigen weltweit tätigen Streaming-Anbieter», sagt Hope und bestellt einen Americano auf Eis. «Aber ein Dutzend Firmen wollen das auch werden.»

Schon jetzt gleicht der Überfluss in der digitalen Welt einem Kampf gegen den Tod. Er habe bereits sämtliche Filme angestrichen, die er in seiner Lebenszeit noch schauen könne – vorausgesetzt, er behalte ein maximales Mass an Filmkonsum bei. Aber schaffen wird es der Mittfünfziger trotzdem nicht. «Das Angebot übersteigt meine Lebenserwartung.» Das Kinoerlebnis bleibe weiterhin der «Goldstandard», Streaming sei endloser Einzelkonsum. «Die Menschen vertrauen dem Raum Kino. Sie sind dort unterwürfiger und verletzlicher», sagt Hope weiter. Dafür habe das Internet die Filmerfahrung komplettiert. Der Austausch übers Netz sei der Missing Link gewesen zwischen dem intellektuellen und dem sozialen Kapital, das man aus dem Kinobesuch gewonnen habe.

Mittlerweile hat Amazon die Verschiebung hin zu kommerzielleren Filmen angekündigt. «Es gibt meine Denkweise, und es gibt andere Denkweisen in der Firma», sagt Hope dazu. Gewiss gibt es die Algorithmen, die dem Nutzer aus seinem früheren Verhalten Filme anbieten. Trotzdem können Manager entscheiden, mehr zu investieren in Projekte, die sie selber wichtig finden. Nur: Riesen hätten grossen Appetit. Wenn man heute all die verschiedenen Teilgruppen bedienen wolle, gebe es immer den einfachsten Weg. «Daraus ergibt sich aber nicht immer die beste Qualität.»

«Sophia Antipolis»

Am Festival gab es übrigens schon mehrere Filme über Filmfestivals. Über das Streamen gibt es nichts dergleichen. Kinos sind Bauten, Festivals sind Stimmungen. Aber Streams?

In «Sophia Antipolis» von Virgil Vernier lief eine Frau sogar über die Croisette in Cannes, wo sonst das grosse Festival stattfindet. An diesem Film kommt man hier nicht vorbei. Er spielt rund um den Technologiepark Sophia Antipolis an der Côte d’Azur. Man will an der Zukunft arbeiten, aber dann gerät die Gegenwart in Flammen. Bürgerwehren aus Ex-Polizisten und schwarzen Einwanderern zünden Flüchtlingszelte an; ein Geheimnis umgibt die Leiche einer jungen Frau. Die Kategorien zerfliessen, die Sonne brennt jegliche Hoffnung weg. Wahnsinn. Ob man so etwas auf Netflix schauen würde?

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