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Leistungsdruck als Moralkiller

Der Schweizer Regisseur Alain Gsponer («Heidi») hat Ödön von Horvaths Roman «Jugend ohne Gott» verfilmt – nicht als eine klassische Literaturadaptation, sondern als eine rasante Dystopie.

Es war die Hitlerjugend, auf die der Schriftsteller Ödön von Horvath abzielte, als er in literarischer Form das «Zeitalter der Fische» ausrief: Jugendliche mit emotionslosen Gesichtern, de­nen das eigenständige Denken von Kindesbeinen an ausgetrieben wurde, bekämpfen sich gegenseitig in einem vormilitärischen Zeltlager. Der Text war eine Kampfansage gegen Faschismus und Rassismus, verfasst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

Die aktuelle Verfilmung des Romans lässt allerdings den ganzen historischen Kontext weg, verlagert die Handlung in die nahe Zukunft und fokussiert auf diejenigen Elemente der Geschichte, die das junge Publikum von heute ansprechen dürften. Drill und Gehorsam wurden ersetzt durch perfiden Leistungsdruck und einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf in einer digitalisierten Welt.

Ein ernstes Spiel

Aus dem einstigen Zeltlager wird im Film eine Art Bootcamp mit nicht ungefährlichen Geländespielen, in dessen Verlauf die Teilnehmenden je nach Verhalten und erbrachter Leistung Bonuspunkte gutgeschrieben oder abgezogen bekommen. Wer fleissig punktet, darf an die Eliteuni – wers verbockt, muss mit dem ­sozialen Abstieg rechnen.

Ein Setting, das die Teenager von heute bestens kennen – wenn nicht aus dem Sportlager, dann aus dem Filmschaffen der letzten fünfzehn Jahre: «Battle Royale», «Hunger Games», «Divergent», «The Maze Runner» und «Ender’s Game» erzählten alle bereits von jungen Protagonisten, die sich in einem spielerischen Kontext behaupten müssen, bei dem es um Kopf und Kragen geht.

Der Schweizer Regisseur Alain Gsponer – nach seinem Erfolg mit «Heidi» wieder in Deutschland tätig – vermeidet es aber gekonnt, einen weiteren Abklatsch des Genres zu produzieren, das seine besten Tage bereits wieder hinter sich hat. Die genannten Filme hatten jeweils starke Heldinnen und Helden, die sich entschlossen gegen ein unterdrückendes System auflehnten – in «Jugend ohne Gott» ist man diesbezüglich der Kapi­tulation schon eine Spur näher.

Alain Gsponers Film übernimmt von Horvaths Roman weite Teile der Grundkonstellation, ändert jedoch die Perspektive: Während das Buch aus der Sicht eines Lehrers erzählt war, der mit grosser Sorge die Entfremdung seiner Schüler beobachtet, sind wir im Film näher bei den Jugendlichen selbst – und bei ihren emotionalen Wirrungen. Der Lehrer – gespielt von Fahri Yardim – rückt erst später ins Zentrum.

Ohne Mahnfinger

«Jugend ohne Gott» findet aus diesen Ansätzen heraus zu einem gelungenen Mix aus unterhaltsamem Science-Fiction-Abenteu­erkino mit beliebten Jungstars (Jannis Niewöhner, Emilia Schüle) und einer gesellschaftskritischen Studie über Ohnmacht.

Zugegeben: Die Botschaft, dass zugespitzte Leistungskämpfe die Rücksichtslosigkeit fördern, ist nicht neu – schon bei Shake­speare gingen Figuren aus Ehrgeiz über Leichen. Aber so, wie das hier verpackt ist – vertraut, aber nicht banal; dramatisch, aber nicht allzu moralisierend – und zudem eingebettet in die malerische Landschaft von Garmisch-Partenkirchen, ist es durchaus sehenswert.

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