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Knacknüsse sind ihr Ding

Wie wird man Filmausstatterin? Und was tut man da? Die Bernerin Sara B. Weingart weiss es. Sie war von «Der Goalie bin ig» bis zu «Zwingli» im Einsatz.

Was darfs denn sein? Filmausstatterin Sara B. Weingart hortet in ihrem Lager Requisiten aus ganz verschiedenen Epochen. Foto: Manuel Zingg
Was darfs denn sein? Filmausstatterin Sara B. Weingart hortet in ihrem Lager Requisiten aus ganz verschiedenen Epochen. Foto: Manuel Zingg

Da ist jemand aber gut organisiert. Der kleine Lagerraum ist rundum mit Regalen vollgestellt und bis unter die Decke gefüllt. Fein säuberlich stapeln sich die Kisten, in der einen sind nur Servietten zu finden, in der anderen Güezischachteln, in einer dritten ausschliesslich Wecker und Uhren.

Sara B. Weingart nimmt einen alten Ventilator in die Hand und lacht. «Ich bewahre vieles auf, schliesslich weiss ich nie, wann ich es wieder brauchen kann.» Weingart leidet nicht etwa an einer krankhaften Sammelsucht. Nein, sie denkt einfach schon an ihr nächstes Projekt – und vielleicht wird sie genau dann ein Geschenkpapier aus den 1970er-Jahren brauchen.

Die 46-jährige Bernerin ist Filmausstatterin – mit einer Vorliebe für historische Werke. Am Donnerstag kommt ihr neuester Film in die Kinos: «Il mangiatore di pietre». Und der Ventilator, den sie gerade in der Hand hält, war für diese Romanverfilmung wieder einmal im Einsatz.

Authentische Brösmeli

So gut organisiert Weingart in ihrem Lager ist, sobald sie redet, wirds wilder. Da ist die Kreativität spürbar, die es zweifellos für ihren Beruf braucht. Da schlagen die Gedanken Purzelbäume, tanzen die Sätze, sodass sich dem Gegenüber am Ende der Kopf dreht – natürlich vor Begeisterung, wie nach einer gelungenen Zirkusnummer. Und diese Begeisterung, die kann Sara B. Weingart durchaus vermitteln.

Zum Beispiel wenn sie davon erzählt, wie sie für «Il mangiatore di pietre» drei Monate in einem einsamen Tal im Piemont verbrachte. Wie sie dort innert Wochen eine Scheune, «vollgestellt mit Plunder», zu einer Wohnung samt Küche umbaute. Wie sie vom Baum gefallene Äpfel holte, «sie sollten Näggi haben», wie sie die letzten Reste von ihrem Znünibrötchen zerdrückte, damit auf dem Tisch auch ein paar authentische Brösmeli lagen, wie sie mit dem Messer rasch ein paarmal über das Schneidbrett schnitt, damit es auch gebraucht aussah.

«Es ist ein Bauchding», sagt Weingart. Mit der Zeit habe sie einen Sinn dafür entwickelt. «Ich stehe in einer fremden Küche und sehe, wie sie Kräuter schneiden, dann habe ich das Bild im Kopf», sagt sie erklärend. Sie klopft Brockenstuben auf der Suche nach Requisiten ab, recherchiert im Museum, in Büchern und im Internet.

Auch mal «Gäggeliarbeit»

Aber wie wird man überhaupt Filmausstatterin? «Es gibt keinen expliziten Werdegang», sagt Weingart, «bei mir wars ein Missverständnis.» Wie bitte? «Ich dachte, es sei dasselbe wie beim Theater.» Bühnenbild hat Sara B. Weingart studiert, das machte sie auch jahrelang, unter anderem in Wien, Venedig und Coburg.

Als sie Mutter wurde, suchte sie eine Arbeit, die besser mit der Familie vereinbar war. Nur: Erstens ist die Arbeit beim Film nicht wirklich besser mit der Familie vereinbar, und zweitens ist sie total anders als beim Theater. Trotzdem blieb Weingart beim Film, arbeitet seit über zehn Jahren als Requisiteurin und Ausstatterin.

Während sie beim Zweiten das grosse Ganze im Blick haben muss, ist beim Ersten die «Gäggeliarbeit» wichtig. Weingart schätzt beides. So hat sie beim Kinoerfolg «Zwingli» als Requisiteurin stundenlang Essen drapiert. Vielleicht, sinniert sie, möge sie die Arbeit beim Film so gern wegen des Teamworks.

Am Set geschehe immer alles in der Gruppe, jeder könne eine gute Idee haben, oft müsse man improvisieren, aus dem Moment heraus entscheiden. «Es gibt pro Drehbuch mehrere Knacknüsse. Man braucht, wie zum Beispiel beim ‹Mangiatore›, einen Fuchs, einen Grabstein, unter dem sich ein Verlies befindet, und eine Dusche mit Warmwasser in einem Maiensäss.

Dann muss man Schritt für Schritt planen. Denn manche Sachen, die total leicht klingen, sind schwierig zu lösen – und die vermeintlich komplizierten sind oftmals ganz leicht.»

Ein Detektivauge

So war es wohl auch im Piemont, ein abenteuerliches Gruppending, für das es Stiefel und einen langen Atem braucht. Da gehen Einsätze auch mal bis in die Nacht hinein, da steht man stundenlang draussen im Schnee. So etwas macht man nur aus Leidenschaft. «Am besten ist es, wenn man meine Arbeit nicht bemerkt», sagt sie.

Dafür habe sie ein Detektivauge entwickelt. Dann meint sie zum Gegenüber: «Sie schreiben aber nicht Steno, oder? Für mein nächstes Projekt muss ich unbedingt mehr über Stenografie wissen.»

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