Kampf der Tennis-Legenden

Das Zurich Film Festival zeigt «Borg/McEnroe» zur Eröffnung. Der Spielfilm wird den Tennislegenden aus den Achtzigerjahren gerecht, allerdings nur, was ihre Aktivzeit betrifft.

Stark nachgestellt: Shia LaBeouf als John McEnroe, Sverrir Gudnason als Björn Borg.

Stark nachgestellt: Shia LaBeouf als John McEnroe, Sverrir Gudnason als Björn Borg.

(Bild: Julie Vrabelova / zvg)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Zwischen Triumph und Niederlage, zwischen Euphorie und Absturz entscheiden manchmal Millimeter und Sekundenbruchteile – insbesondere im Tennis, einem Sport, den man auch als Schach- oder Pokerspiel mit Bällen bezeichnen kann. Es ist ein Nervenspiel, in dem es ums Abwägen von Strategien und Risiken geht. Die Gegner sind oft ähnlich stark, aber einer muss gewinnen. Unentschieden gibt es nicht.

Gentleman gegen Rotzbengel

Eine Legende, die das Spielfeld wie kein Zweiter ausmass, war der Schwede Björn Borg. Mit langen blonden Haaren, unterkühltem Auftreten und effizienten Topspin-Schlägen avancierte er in den Siebzigerjahren zu einem der ersten Tennis-Popstars. Das stoische Äussere war jedoch nicht das, was sich im Innern der schwedischen Ikone abspielte – und genau davon erzählt «Borg/McEnroe» von Janus Metz.

Der Film beginnt kurz vor Wimbledon 1980. Borg ist zu ­jener Zeit bereits vierfacher Wimbledon-Champion, der junge, unflätige Amerikaner John McEnroe sein härtester Herausforderer. Jäger und Gejagter, Gentleman und Rotzbengel, die Rollen scheinen klar verteilt. Der ausserhalb Schwedens un­bekannte Sverrir Gudnason gibt die coole Ballmaschine aus dem Norden, während der latent skandalträchtige Shia LaBeouf («American Honey») den aufbrausenden Konterpart mimt.

Konterpart? Nun, je länger der Film dauert, desto klarer wird, dass «Borg/McEnroe» nicht mit einem klassischen Duell aufwartet, sondern von einer Ähnlichkeit erzählt (was auch den Schrägstrich im Titel erklärt). Tatsächlich war Borg als Teenager ebenso jähzornig auf dem Platz wie McEnroe und wurde mit einer mehrmonatigen Sperre belegt. McEnroe wiederum benahm sich ausgerechnet in besagtem Wimbledon-Finale von 1980 kein einziges Mal daneben.

Die Originale: Björn Borg und John McEnroe in Wimbledon (1980). Bild: Imago

«Sei ein Dampfkochtopf!»

Wie es dazu kam? Drehbuchautor Ronnie Sandahl erläutert das nicht, aber er liefert Hinweise. So fand Borg in seinem Trainer ­Lennart Bergelin (Stellan Skarsgard) rechtzeitig jenen Mann, der die ungezügelte Energie des Jungtalents in Gewinnschläge umpolen konnte («Sei wie ein Dampfkochtopf!», «Schalte den Kopf aus!»).

Der junge Tennisspieler (dargestellt von Borgs eigenem Sohn Leo) setzte dieses Konzept perfekt um. Der Preis dafür war allerdings hoch und bestand aus endlosen Trainingseinheiten, Einsamkeit, psychischem Stress und Hilflosigkeit angesichts von kreischenden Fanmeuten. Oder wie es Borgs Verlobte Mariana Simionescu (Tuva Novotny) im Film einmal formuliert: «Wann haben wir aufgehört, Spass zu haben?»

Schrägstrich mit Bedeutung

Wie es bei McEnroe in der Kindheit aussah, erfahren wir nur ansatzweise, etwa wenn der verlorene Kleine von seinem Vater in Tischrunden als Mathematikgenie herumgeboten wird. Dieses Versäumnis könnte man dem Film ankreiden, aber Tatsache ist: «Borg/McEnroe» erzählt just das, was der Titel beinhaltet, also zuerst von Borg, dann von dessen Verhältnis zu McEnroe.

Es war ein Wettbewerb, der nur drei Jahre dauerte (Borg trat bereits mit 26 Jahren zurück, wovon ihn McEnroe abzuhalten versuchte) und der in einer bis heute anhaltenden Freundschaft gipfelte.

Stirnbänder, Trainings, Partys

Was den Film betrifft: Das bis zu den Stirnbändern exakt reproduzierte Setting gibt die damalige Tenniswelt treffend wieder. Es ist die Zeit von hochprofessionellem Training, von Medienhysterie, von Rivalität, von exzessivem Partyleben. Das hebt «Borg/McEnroe» unter den Sportfilmen heraus, denn das Drama auf dem Centre-Court ist nicht zentral, sondern Teil des übergeordneten Heldendramas.

Wie das Wimbledon-Finale zwischen Borg und McEnroe ausging – in fünf hart umkämpften Sätzen – ist aus filmischer Sicht zweitrangig. Was zählt, sind die Figuren, die mit starren Augen (Borg) und mahlenden Kiefern (McEnroe) über sich hinauszuwachsen versuchen.

Und die in Hotelzimmern zu Karikaturen ihrer selbst schrumpfen. Sowohl Gudnason wie LaBeouf gelingt diese darstellerische Gratwanderung bravourös. Und Regisseur Metz schafft es, den Zuschauer in jenen Konzentrationstunnel zu lotsen, in welchem sich die Spieler während eines Matchs befinden. So gelingt auch das überlange Filmfinale.

Ausgespart: die Drogen

Auf der Strecke bleibt etwas anderes. Zwar kommt die Seelenverwandtschaft von Borg und McEnroe zur Sprache. Dass die Tenniscracks nach ihren Karrieren Probleme hatten, sich wieder in die reale Welt einzugliedern, dass sie mit Drogen abstürzten und ihre Frauen verprügelten, wird jedoch nirgends erwähnt.

Wenn, dann erahnt man diese dunkle Seite höchstens anhand jener Gleichgültigkeit, die Borg im Film seiner Verlobten gegenüber an den Tag legt. Schade eigentlich, denn sonst macht «Borg/McEnroe alles richtig, was es punkto Euphorie und Absturz im Genre des Sportfilms zu erzählen gibt.

«Borg/McEnroe»: Der Film eröffnet am Donnerstag das Zurich Film Festival. Ab 12. Oktober im Kino.

Berner Zeitung

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