«Wer Drogen nimmt, wird in der Regel einfach nicht horny»

Gaspar Noé gilt wegen expliziter Sexszenen in Filmen wie «Enter the Void» als Frankreichs Perversling. Mit seinem Techno-Abgesang «Climax» befreit er sich von einigen Etiketten. 

«Ich wollte einfach die coolsten Leute versammeln»: Gaspar Noé. Foto: Franck Ferville / Agence VU

«Ich wollte einfach die coolsten Leute versammeln»: Gaspar Noé. Foto: Franck Ferville / Agence VU

Pascal Blum@pascabl

Gaspar Noé ist der Spezialist für den schlechten Trip. In seinem neuen Film «Climax» versammelt er eine Tanztruppe in einem Festsaal irgendwo in der französischen Provinz und lässt die Nacht eskalieren. Zuerst bewegen sich die zwei Dutzend Tänzer und Tänzerinnen in einer energetischen Choreografie, während der die Kamera mit Leichtigkeit durch den Raum fliegt. Noé schaltet um auf eine Serie von improvisierten und sehr lustigen Dialogen, bevor die Tänzer verrückt werden und aufeinander losgehen. Offenbar hat jemand etwas in die Sangria-Bowle geworfen. Wer es war, ist Noé aber nicht so wichtig. «Climax» sucht nachtschwarze wie schwarzhumorige Bilder von Terror und Wahn und erzeugt dabei das Gefühl des Kaputtseins am Ende einer Clubnacht.

«Dieser Film ist ein Mini-Berlin», sagt Gaspar Noé über «Climax». Wir treffen ihn im Büro der Produktionsfirma Wild Bunch beim Pariser Gare du Nord, wo er mit Büchern und DVDs unter dem Arm auftaucht. Der französische Filmregisseur, dessen Eltern aus Argentinien stammen, trägt einen Schnauz und Turnschuhe. Der Kopf ist kahl, die Augenbrauen tanzen, wenn er kichert. Noés Vater ist ein berühmter Maler, die Familie lebte erst in New York und zog dann nach Frankreich.

Höchste Erregungsstufe

Gaspar Noé wirkt wie der Typ, der sich extra ein bisschen beschmutzt, damit es weniger nach Künstlerherkunft duftet. Noch heute wird ihm übel genommen, dass Monica Bellucci in «Irréversible» (2002) eine schier endlose Vergewaltigungsszene über sich ergehen lassen musste. Weniger oft wird die bestechende Idee diskutiert, die dem Film zugrunde lag: einen Rachethriller rückwärts zu erzählen. Allerdings waren es dann die Kritiker, die am lautesten nach Vergeltung riefen und Noé pervers nannten.

Er antwortete mit «Enter the Void» (2009), einem experimentellen Egotrip über die Visionen eines Dealers in Tokio. Darauf folgte die sexuell explizite Dreiecksgeschichte «Love» (2015), die es auch in 3-D gab. Noé dreht Melodramen auf höchster Erregungsstufe, in denen der Mann, sobald die Frau etwas von ihm verlangt oder ihm das Dasein sonst wie unerträglich wird, die Nerven verliert und Zerstörung anrichtet. «Es geht immer um die dummen Männer. Sie saufen und küssen andere Frauen. Es ist halt so: Partymachen hat noch nie ein Paar gerettet.»

Umso erstaunlicher, dass «Climax» nun während einer einzigen Clubnacht spielt. Für seinen Film hat Noé Tänzer aus der Pariser Ballroom-Szene engagiert, es kommen Stile vor wie Voguing, bei dem sich die Teilnehmer unter anderem bei Laufstegposen bedienen, oder das zuckende Krumping. Damit nicht alle mit dem iPhone in der Ecke stehen, siedelt Noé «Climax» im Jahr 1996 an. Entsprechend reicht die Musikauswahl von Daft Punk bis Aphex Twin.

«Sagt mir einfach, wen ihr küssen und wen ihr beleidigen möchtet, dann versuchen wir das zu verwirklichen.»Gaspar Noé

«Climax» war in zwei Wochen abgedreht, die Produzenten überwiesen eigenes Geld. Vor der Premiere in Cannes wusste niemand, worum es geht. Noé verteilte stattdessen Poster, auf denen stand: «Du hast ‹Irréversible› gehasst, du fandest ‹Enter the Void› abscheulich, du hast ‹Love› verflucht. Jetzt versuch es mit ‹Climax›, meinem neuen Film. Gaspar Noé.» Dazu sein teuflisches Grinsen.

So anstrengend wurde«Climax» aber gar nicht. «Die Tänzer wollten wissen, ob sie Text können müssen», sagt Noé. «Ich antwortete: ‹Nein, sagt mir einfach, wen ihr küssen und wen ihr beleidigen möchtet, dann versuchen wir das zu verwirklichen.›» Fasziniert hätten ihn vor allem die schamanischen Tanzstile in der Pariser Szene. «Die Voguing-Abende sind toll, sehr homo, sehr trans, fast kein Alkohol. Wie eine Geburtstagsparty, an der Kinder Cola trinken und dann durchdrehen.»

In «Climax» verkrümmt sich etwa die aus Nike-Werbespots bekannte Sofia Boutella vor Entsetzen und wird von einer unsichtbaren Kraft durch den Flur gespickt wie eine Flipperkugel. Der Horrortrip als Streetdance.

Noé tanzt mit uns weiter

«Französisch und stolz drauf», wird zu Beginn eingeblendet, im Festsaal hängt die Trikolore. Setzt Noé mit seiner bunt gemischten Truppe zur Statement-Nummer über das multikulturelle Frankreich an? «Nein. Ich wollte einfach die coolsten Leute versammeln.» Sicher wollte er aber die intellektuelle Utopie der 90er entsorgen, dass es eine Gleichheit geben könnte im Technorausch? «Im Club sind ja nie alle gleich, weil es so verschiedene Arten von Drogen gibt. Was redet zum Beispiel jemand, der auf Ketamin ist, mit jemandem, der auf Koks ist?»

Als Dialektiker von Ekstase und Selbstzerstörung hat Noé immer Filme über existenzielle Ängste gedreht. Doch aus den Köpfen und Körpern kam er nie richtig hinaus. «Enter the Void» zeigte sogar eine Penetration aus Sicht der weiblichen Genitalien.

Mit «Climax» schüttelt er das ab, so wie die Etiketten, die ihm die Kritiker ankleben. Noé feiert die Energie und Androgynität seiner Tänzer und lässt dabei die Innenperspektive von Delirierenden hinter sich, die seine Filme immer so undurchlässig machte. Auch wenn die Albtraumszenen nur notdürftig zusammengehalten werden: Noé hat endlich einen richtig freien Film gedreht, anstatt sich in einer radikalen Vision zu gefallen. Er ist jetzt wirklich ausser sich und tanzt mit uns weiter, bis tief in die Grausamkeit.

«Wer Drogen nimmt, wird inder Regel einfach nicht horny.»Gaspar Noé

Und der Sex? Die Zuschauer hätten von einem Noé-Film mit dem Titel «Climax» durchaus mehr Sex erwartet, sagt er. «Aber wer Drogen nimmt, wird in der Regel einfach nicht horny. Eine Sexszene wäre da unpassend gewesen.» Hat er nicht sowieso genug davon, unsimulierten Sex zu filmen, wo doch das Internet voll davon ist? «Als Teenager war ich von Pornos besessen, aber heute ist alles so repetitiv und elektronisch geworden. Ich habe aufgehört, Pornos auf dem Computer zu schauen. Sie erregen mich nicht mehr, weil man ohnehin nur zu der Stelle springt, an der man die geilste Szene erwartet.» Leider habe sich die Pornografie ganz vom Erzählkino abgelöst, dabei seien italienische Erotikfilme aus den 70er-Jahren viel erregender als vieles, was man heute schauen könne.

Ab 13.12. in den Kinos

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