Jäger der verlorenen Stadt

Film Berührend, aber nicht frei von Mängeln: Das Abenteuerdrama «The Lost City of Z» erzählt von der blinden Obsession eines britischen Entdeckers, der im tiefsten Regenwald eine versunkene Zivilisation ausfindig machen will.

Gefährliche Expeditionen: Charlie Hunnam und Tom Holland (vorne) sind im Film «The Lost City of Z» öfters auf der Flucht.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Geschichte des britischen Abenteurers Percy Fawcett (geboren 1867 in Südengland) beruht auf Fakten, wobei der Begriff Fakten hier mit Vorsicht zu geniessen ist: Bereits zu Fawcetts Lebzeiten rankten sich wilde Legenden um die waghalsigen Expeditionen des Mannes, der ab 1925 als verschollen galt – verschwunden auf ewig im brasilianischen Urwald. Und vielleicht angekommen in jener verlorenen Stadt, deren Existenz er über viele Jahre hinweg verbissen zu beweisen versuchte.

Der Film «The Lost City of Z» ist nun allerdings weder eine möglichst faktengetreue Biografie noch ein turbulenter Abenteuerfilm in der Tradition eines Indiana Jones, von dem es übrigens heisst, Fawcett habe ihm bis zu einem gewissen Grad Pate gestanden.

Ein Mann auf der Flucht

Es ist der renommierte New Yorker Autor und Regisseur James Gray, bisher bekannt für seine Gangsterdramen («We Own the Night») und Liebesgeschichten («Two Lovers», «The Immi­grant»), der den Stoff für die Leinwand adaptierte.

«Mir war sofort klar, dass ich das komplexe und ausführliche Sachbuch, das dem Film als Vorlage dienen sollte, auf eine überschaubare Anzahl Elemente reduzieren musste», sagt James Gray im Gespräch.

Im Zentrum stand für mich, dass  Fawcett von einer lebensgefährlichen Abenteuerlust an­getrieben wurde.

Regisseur James Gray

«Im Zentrum stand für mich von Anfang an, dass Fawcett von einer lebensgefährlichen Abenteuerlust angetrieben wurde, weil er ein Kindheitstrauma zu verarbeiten hatte: Sein Vater war ein spielsüchtiger Alkoholiker, und seine Mutter hatte Probleme, auf die ich im Film gar nicht erst eingehen konnte. Daher war Fawcett sein Leben lang krankhaft darum bemüht, sich selbst zu beweisen – und immer auf der Flucht.»

Gray hat sich also um den psychologischen, um nicht zu sagen freudianischen Unterbau der Geschichte gekümmert. Und in der Tat nimmt das zerbrechliche Beziehungsgeflecht von Percy Fawcett (Charlie Hunnam) viel Raum im Film ein: Die Gespräche mit seiner emanzipierten Ehefrau (Sienna Miller), die während der Expeditionen jeweils widerwillig zu Hause bleibt, mit seinem treuen Wegbegleiter im Dschungel (Robert Pattinson, mit Nickelbrille und Bart) sowie mit seinem eigenen Sohn (Tom Holland), der eines Tages in Fawcetts Fussstapfen treten möchte.

Heil versprechender Urwald

Obwohl Hauptdarsteller Charlie Hunnam auf Dauer etwas farblos wirkt in dieser komplexen Rolle, macht sich James Grays Strategie der systematischen Psychologisierung bezahlt. Man versteht auch problemlos, welche Rolle dem Urwald zukommt: Obwohl Fawcetts Expeditionen eigentlich immer gefährlicher werden, verwandelt sich der Dschungel rein optisch von einer bedrohlichen Kulisse zunehmend in einen Heil versprechenden Ort, dem sich Fawcett letztlich widerstandslos ergeben wird.

In Kolumbien gedreht

Der Film «The Lost City of Z» ist derweil nicht frei von Mängeln: Zum Teil entwickeln sich die Figuren zwischen den drei gezeigten Expeditionen zu ruckartig, und die in Kolumbien entstandenen Regenwaldsequenzen sind zwar umwerfend schön – eingefangen in Naturlicht und mit echtem 35-mm-Filmmaterial –, aber sie erzählen ausser der oben ­genannten Transformation zu ­wenig.

Dennoch ist «The Lost City of Z» ein berührendes Drama, in dem sich James Gray einmal mehr der Frage widmet, die im Zentrum aller seiner Filme zu stehen scheint: Wenn sich der Mensch in ihm unvertraute Gefilde vorwagt, was verändert sich dann: die Umwelt oder der Mensch?


«The Lost City of Z»:Der Film läuft ab heute im Kino.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 29.03.2017, 15:43 Uhr

Artikel zum Thema

Abenteuer am göttlichen Berg

Meiringen Stephan Siegrist zeigte am Freitagabend als Auftakt zum Haslital Mountain Festival seinen neuen Film «Tupendeo – One Mountain, Two Stories». Mehr...

Die Spröde und das Biest

film Bill Condon inszeniert mit «Beauty and the Beast» ein würdiges, opulentes und zeitgemässes Musical-Remake des Disney-Klassikers. Mehr...

Täglich 400 Kinofans

Kandergrund VIDEO Zum zwanzigsten Mal findet das Open-Air-Kino statt. Gestartet wird mit dem Film «Bad Moms», bald beginnt der Vorverkauf. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Tingler Das Alter als Wahl

Mamablog Die Diktatur der Frühaufsteher

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...