Ist die Fiktion ein Fake?

In einem klugen Essay erkundet der Schweizer Germanist Thomas Strässle die Grenze von Fake News und Erfindung.

Wo die Wirklichkeit aufhört und die Fiktion beginnt, lässt sich nicht immer klar entscheiden.

Wo die Wirklichkeit aufhört und die Fiktion beginnt, lässt sich nicht immer klar entscheiden.

(Bild: EPA)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Das Motto des Buches könnte nicht besser gewählt sein. Es stammt aus dem Roman «Schlafgänger» von Dorothee Elmiger: «Die Schriftstellerin sagte an diesem Abend, sie sei keine Lügnerin, auch nie eine gewesen, und die Anwesenden lachten.» Der Germanist Thomas Strässle, einem breiten Publikum bekannt durch seine Auftritte beim Schweizer «Literaturclub», umkreist mit diesem Zitat den Kern seines Essays: Auch in der Literatur, nicht nur in der Politik, wird erfunden, imaginiert und gelogen, dass sich die Balken biegen. Bloss, und das unterscheidet Fiktion wesentlich vom Fake, wird die Erfindung als solche kenntlich gemacht; deshalb müssen die Anwesenden im «Schlafgänger» lachen, als ihnen gesagt wird, die Autorin sei keine Lügnerin. Nach Strässle ist sie eine, jedoch keine im moralischen Sinne.

Der Essay «Fake und Fiktion. Über die Erfindung der Wahrheit» untersucht auf 90 kurzweiligen Seiten das Grenzgebiet zwischen Fake und Fiktion – und deren Verhältnis zu den Fakts. Was sich auf den ersten Blick klar trennen lässt, entpuppt sich als komplizierter. «Jeder Fake ist eine Form von Fiktion oder hat zumindest Anteil am Fiktiven. Umgekehrt gilt dieser Satz aber nicht: Nicht jede Fiktion ist auch eine Form von Fake.» Das heisst: Fake will als Fakt verstanden werden – Fiktion nicht.

Wirklicher als die Nachbarin

Doch auch diese Sicherheit erweist sich bloss als relative: Mit Hinweis auf die Poetiken von Platon und Aristoteles hebt Thomas Strässle hervor, dass Dichtungen zwar nicht als faktisch belegbare Geschichten gelesen werden wollen, aber durchaus als wahr im Sinne von wahrscheinlich. Wäre dies nicht der Fall, so würde sich der Leser mit den geschilderten Ereignissen nicht identifizieren – und der eigentliche Zweck der Dichtung, die Reinigung durch Empathie und Miterleben, die sogenannte Katharsis, wäre gar nicht möglich. Auch wenn man als Leserin oder Zuschauer weiss, dass das Geschehen erfunden ist, muss der Eindruck erweckt werden, es handle sich um Wirklichkeit. In dieser Hinsicht will die Fiktion als Fakt erscheinen – genauso wie der Fake.

«Es gehört zu den grössten Stärken der Literatur, dass sie das Gefühl zu erzeugen vermag, es gehe in ihr nicht um ein beliebiges Ich, sondern auch um mein Ich – um das Ich derjenigen oder desjenigen, die oder der liest. Diesbezüglich hat ein guter Fake viel von der Literatur gelernt», schreibt Strässle. Damit werden die Grenzen zwischen dem verwerflichen Fake und der edlen Fiktion fliessend.

«Es gibt viele Formen der Fiktion, die keinerlei Anspruch erheben, als faktisch zu gelten, wie der Fake es immer tut.»Thomas Strässle

Der kluge Essay von Thomas Strässle, der an der Universität Zürich Literaturwissenschaft lehrt und an der Hochschule der Künste in Bern das transdisziplinäre Y Institut leitet, führt uns tief in vermintes Gelände hinein: Was Fakt, Fake und Fiktion ist, wird immer unklarer. So mag etwa Madame Bovary für viele wirklicher, wahrhaftiger und wahrer sein als die Nachbarin. Und wo ordnet man eine Biografie ein über einen Menschen, den es gar nicht gibt? Ist der fiktionalisierte Fakt ein Fake?

Hermann Burger sprach von «schleifenden Schnitten zwischen dem Realen und dem Irrealen»: «Nie bin ich glücklicher, als wenn es mir gelingt, das Verrückte dank vorgetäuschter Recherchen als wirklich und die bare, aus irgendeinem Jahrbuch herauskopierte Realität als verrückt erscheinen zu lassen.»

Wahr oder falsch

Auch wenn es im Essay mitunter zugeht wie in einer alle Sicherheiten erodierenden Erzählung von Franz Kafka, so gibt es doch immer wieder Griffe, an denen man sich festhalten kann. «Es gibt viele Formen der Fiktion, die keinerlei Anspruch erheben, als faktisch zu gelten, wie der Fake es immer tut.» Im Unterschied etwa zu Märchen, Parabeln oder Fabeln zielt der politisch motivierte Fake auf die Instrumentalisierung der Bürgerinnen und Bürger. Er weiss nicht nur, was er will; er will auch, dass die anderen das wollen. Der Fake bedient den binären Code von wahr oder falsch; etwas anderes gibt es nicht und kann es nicht geben.

Die Literatur hingegen lässt verschiedene, selbst sich widersprechende Auslegungen zu: Auch wenn sie den Anspruch erhebt, ein allgemeingültiges Schicksal zu erzählen, so werden die Rezipienten ihre je eigenen Deutungen machen. Sie lesen, was sie wollen – und nicht das, was der Autor will. Dieser hermeneutische Bedeutungsüberschuss zeichnet die Fiktion aus, nicht jedoch den auf Eindeutigkeit fokussierten Fake (diese wichtige Differenz arbeitet Strässle zu wenig heraus).

«Fake und Fiktion» erscheint zum richtigen Zeitpunkt. Auf der einen Seite stehen zumeist populistische Politiker, die munter vor sich her lügen und anders denkende Bürger in Schach halten mit dem Vorwurf, in einer Blase zu leben; auf der anderen Seite stehen liberale Politiker, die wegen der gängigen Verdrehung der Fakten jegliche Orientierung verloren haben.

In solch schwierigen Zeiten muss man sich, wie dies Steven Pinker in seinem neuen Buch tut, an die Aufklärung halten: Um die Dinge ins rechte Licht zu rücken, gibtes keine Alternative zur Vernunft. Indem sie auf das stärkere Argument setzt, garantiert sie Fortschritt.

Das Büchlein von Thomas Strässle schafft Klarheit: Es führt zuerst die Begriffe bedrohlich nahe zueinander, bloss, um sie dann wieder voneinander zu trennen. Wer den Fake bekämpfen will, muss sich der Fiktion stellen.

Thomas Strässle: Fake und Fiktion. Über die Erfindung von Wahrheit. Edition Akzente, Carl-Hanser-Verlag, München 2019. 95 S., ca. 28 Fr.

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