In allerfeinster Deutlichkeit

Bei der Oscar-Verleihung legte sich Spike Lee mit Donald Trump an und beschwerte sich über den Siegerfilm.

Der US-Regisseur war auch an der diesjährigen Oscar-Verleihung politisch unterwegs. Foto: PD

Der US-Regisseur war auch an der diesjährigen Oscar-Verleihung politisch unterwegs. Foto: PD

Pascal Blum@pascabl

Insgesamt gab es an den Oscars drei Höhepunkte. Der erste war der Moment, in dem Spike Lee im vollen Dolby Theatre als Einziger Richtung Kamera schaute und mit seinem Blick genau das Gefühl ausdrückte, das man hat, wenn man in einem schlechten Theaterstück sitzt und weiss, dass es noch zwei Stunden dauert. Der zweite war, als Spike Lee für das Drehbuch von «BlackKklansman» seinen ersten Oscar gewann und dem Präsentator Samuel L. Jackson in die Arme hüpfte, sodass die Leute dahinter zwei Schritte zurücksprangen. Der dritte war ein BBC-Interview, in dem Spike Lee gefragt wurde, ob es am Siegerfilm «Green Book» etwas gebe, das ihn verletze. «Seid ihr Briten? Dann gebe ich euch eine britische Antwort: It wasn’t my cup of tea!» Darauf gackerte Lee vor Freude und machte ein Tänzchen.

Wer sagt, an der 91. Oscar-Verleihung habe es keinen Moderator gegeben? Spike Lee war doch da, er kommentierte treffend sämtliche Missstände und trug ausserdem goldene Air Jordans sowie an den Fingern zwei Ringe, auf denen die Wörter «Liebe» und «Hass» zu lesen waren. Also jenes politische Accessoire, das schon die Figur Radio Raheem in Lees berühmtem Spielfilm «Do the Right Thing» von 1989 vorführte.

Donald Trump reagierte umgehend

Das Drama, in dem die Rassenprobleme in Brooklyn hochkochen, war damals auch fürs Drehbuch nominiert. Es gewann aber nichts, im Gegensatz zu «Driving Miss Daisy», einer vergleichsweise freundlichen Sache, die bester Film wurde. Dass am Sonntag mit «Green Book» wieder so eine nette Geschichte zum Thema Rassismus siegte, wo doch dieses Mal auch «BlackKklansman» für den Hauptpreis nominiert gewesen wäre, kommentierte Lee nach der Verleihung mit den Worten: «Jedes Mal, wenn jemand in einem Auto herumchauffiert wird, verliere ich.» Dieses Mal sitze der Schwarze einfach hinten und nicht mehr vorne.

Laut verschiedenen Twitter-Berichten reagierte Lee auf den Sieg von «Green Book» äusserst verärgert. Er soll die Hände verworfen und die Flucht Richtung Türen angetreten haben; während der Dankesreden soll der 61-jährige Regisseur aus Atlanta der Bühne den Rücken zugedreht haben.

In seiner eigenen Rede erinnerte Lee an die «Vorfahren, die aus Afrika geraubt wurden», und verwies auf die Präsidentschaftswahlen 2020, bei denen eine Entscheidung zwischen Liebe und Hass anstehe. Donald Trump verstand sofort, dass mit «Hass» wohl er selber gemeint sein dürfte, und beschuldigte Lee auf Twitter einer «rassistischen Attacke».

Es braucht deutliche Worte

Vermutlich hat der Präsident «BlackKklansman» noch immer nicht gesehen. In der Satire nach dem realen Fall eines afroamerikanischen Polizeibeamten, der in den 70er-Jahren mit Unterstützung eines weissen Kollegen verdeckt beim Ku-Klux-Klan ermittelte, stellt Spike Lee explizite Bezüge zu Trump und den Demonstrationen von Rechtsextremen in Charlottesville her.

Von der Art her ist das eine didaktische Abrechnung mit den rassistischen Ideologen. Aber dem Regisseur, dessen Karriere seit «Inside Man» vor sich hindümpelte, gelang mit «BlackKklansman» ein Erfolg. Und wenn man sich nur schon den Zustand der Oscar-Akademie anschaut, dann braucht es wohl doch deutliche Worte.

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