Zum Hauptinhalt springen

«Ich habe Freunde durch Suizid verloren»

Auf Erfolgskurs: Der österreichische Schauspieler, Dramatiker und Regisseur Händl Klaus erhält heute für sein Spielfilmdebüt «März» den Berner Filmpreis. Er spricht über Schmerz, den Kamerablick und falsche Sicherheit.

Händl Klaus, warum nennen Sie sich nicht Klaus Händl?

Händl Klaus: Ich mag den Telefonbuch-Charakter daran. Und da Klaus eigentlich mein Vorname ist, muss ich immer lachen, wenn ich in der Presse ein eigentlich höflich gemeintes «Klaus sagte» lese. Jede Kritik wird dadurch ungewollt intim.

In Ihrem Film «März» geht es um die Lücke, die der Suizid dreier Jugendlicher hinterlässt und es geht um den Schmerz der Hinterbliebenen...

In diesem Fall sind es zwei Arten von Schmerz. Zum einen ist es der Verlust an sich, den Sohn oder Bruder verloren zu haben. Zum anderen ist es der Schmerz über die Unerklärlichkeit der Tat.

Es gibt kein erkennbares Motiv?

Nein, das nagt an einem. Du stehst da mit einer Mischung aus Zorn, Verzweiflung und Schuld.

Basiert der Filmstoff auf einem realen Ereignis?

Ja. Es geschah vor fünfzehn Jahren, und der Gedanke daran hat mich fast verrückt gemacht. Noch heute kommen mir jedes Mal die Tränen, wenn ich es mir vor Augen halte.

Dann steht eine persönliche Erfahrung dahinter?

Ich habe einige Freunde durch Suizid verloren. Dennoch bin ich der Meinung, dass jeder Mensch die Freiheit haben muss, sich das Leben nehmen zu dürfen, wenn er oder sie es nicht mehr erträgt. Der Wunsch zu sterben hat so viele Gesichter.

Weshalb steht die Tat nicht im Zentrum Ihres Films?

Sterben ist der intimste Moment, den wir haben. Deswegen habe ich mich sehr schwergetan, das zu filmen. Ich hätte es als obszön empfunden, das Sterben zu zeigen. Darum gibt es jetzt nur letzte Blicke. Und ein Einatmen am Schluss.

Sie suchen nicht nach einer Begründung für den Suizid?

Der Film schaut auf die Hinterbliebenen, auf die, die weiterleben müssen. Im Zentrum steht die Kraft, die es braucht, und die Aufgabe, mit den Änderungen des Alltags umzugehen.

Sie sind vor allem als Dramatiker bekannt. War Ihnen von Anfang an klar, dass dies ein Filmstoff ist?

Es gibt Stoffe, die den Kamerablick brauchen, um die Räume oder die Nähe zu erfassen. Und es gibt Stoffe, die aus Worten erbaut werden müssen. Ich wollte Nähe. Ich brauchte Blicke. Blicke, die der Kamerablick sieht, und Blicke, die andere Blicke erwidern. Letztlich gings darum, eine Umsetzung zu finden für die Lücke, für das Fehlen der drei. Das heisst jetzt nicht plump, dass einfach der vierte Sessel frei bleibt am Esstisch, sondern dass ein Blick zum Beispiel ins Leere geht.

Warum ist das Verhältnis in den porträtierten Familien so distanziert?

Die Vertrautheit innerhalb einer Familie ist ganz speziell. Man müsste meinen, dass die Familie einem Schutz biete. Doch gerade da wagt man am wenigsten auszudrücken, was einen beschäftigt. Das fasziniert mich.

Die Balance zwischen Nähe und Distanz?

Es geht mir ums Miteinander und darum, wo es beginnt, bedrohlich zu werden. Letztlich weiss ich ja so wenig über den anderen und wahrscheinlich auch über mich. Ich traue mir vieles zu – jedem. Im Guten wie im Schlechten. Ich sehe den Menschen mit seinen Grundbedürfnissen. Ich sehe, wie sehr diese hier garantiert sind, und zugleich, wie schnell sie gefährdet sind. Wie trügerisch unser Sicherheitsdenken letztlich ist.

Glauben Sie, die vielen Auszeichnungen, die der Film erhält, hängen mit der unausweichlichen Nähe zusammen, die er zeigt?

Ich höre immer wieder, dass er einem nahegeht, obwohl er so vieles nicht zeigt. Hinzu kommt, dass auch gelacht wird, denn es gibt darin einen gewissen Humor des Alltags. Natürlich ist es jetzt nicht der Unterhaltungsfilm per se. Es ist ein Film für Menschen, die beschäftigt, wie wir miteinander leben.

Sie erhalten für «März», eine österreichische Produktion, den Filmpreis des Kantons Bern.

Der Film ist schon auch hier verankert. Ich lebe seit 13 Jahren in der Schweiz, und er könnte genauso gut in Burgdorf oder Meiringen spielen.

Sie wohnen am Bielersee, in Berlin und Wien. Wo ist Ihre Heimat?

Ich lebe in Port bei Biel, und dieser Name spricht für sich. Nicht nur, weil dort mein Herz schlägt, ums kitschig zu sagen. Dort ist auch meine Schreibstätte.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch