Hier ist etwas passiert

Filmemacher Alejandro Fernández Almendras hat die Geschichte eines chilenischen Justizskandals rekonstruiert. «Aqui no ha pasado nada» ist ein engagierter Film über eine nicht so engagierte Jugend.

Plötzlich Todesfahrer: Vicente (Agustín Silva, rechts) mit Francisca (Geraldine Neary) im Film «Aqui no ha pasado nada».

Plötzlich Todesfahrer: Vicente (Agustín Silva, rechts) mit Francisca (Geraldine Neary) im Film «Aqui no ha pasado nada».

(Bild: zvg)

Aqui no ha pasado nada, hier ist nichts passiert, gehen Sie weiter, das heisst meistens: Schauen Sie weg, hier ist etwas passiert.

Passiert ist etwas in Chile, am 18. September 2013 hat der Sohn eines hochrangigen Politikers einen Familienvater überfahren. Eine Partynacht, ein Auto voller Menschen, der Fahrer sturzbetrunken, der Unfall tödlich.

Chiles Justizskandal

Wegschauen, das konnte hier nicht klappen, und so wählte die fehlbare Elite eine andere Taktik: Schuld abschieben. Vicente (Agustín Silva), er schmuste während der Kollision auf dem Rücksitz mit einer neuen Bekanntschaft, war jetzt der Todesfahrer. Und Chile hatte seinen Justizskandal.

Keine drei Jahre später kommt die Geschichte in die Kinos. Was die Macher unter der Regie von Alejandro Fernández Almendras («To Kill a Man») für dieses Projekt brauchten, war nicht Geld, sondern Unabhängigkeit. Um der Welt zu zeigen: Schaut her, das passiert bei uns.

Filmcrew arbeitete gratis

Und so arbeiteten sie alle, ohne einen Rappen zu verdienen, der Regisseur ebenso wie Hauptdarsteller Silva – oder auch Maja Zimmermann. Die Schweizerin hat als Produzentin mitgewirkt.

Um die Produktionskosten zu decken, 27 000 US-Dollar, sammelte die Crew Geld per Crowd­funding. Aus nur elf Drehtagen resultierten 95 Filmminuten, an denen Spitzenpolitiker Carlos Larraín und seine Entourage wenig Freude haben dürften.

Das chilenische Kino lebt

Für alle anderen ist das Werk, das es ins Programm der Festivals von Berlin, Sundance und Freiburg geschafft hat, ein schön interessanter Einblick in ein Land, das in der Moderne angekommen ist und doch ziemlich verloren wirkt. Das chilenische Kino lebt, doch wie geht es der Jugend?

Bei Vicente scheint der Grat zwischen Coolness und Gleichgültigkeit gar schmal, seine Art, dieser Ungerechtigkeit zu begegnen, irritiert. Er wehrt sich, aber mit derart wenig Ausdruck, dass man selber nicht recht mitfühlen will oder kann, was der Geschichte einiges an Wucht nimmt.

Und sowieso: Auch Vicente ist betrunken gefahren an diesem Abend, schuldig war im Grunde die ganze Gruppe. So ist seine Figur nicht nur Opfer, sondern – und das ist fast beklemmender – auch Porträt einer Generation zwischen Desillusion und Hedonismus.

Kühle Indie-Ästhetik

Eine kühle Indie-Ästhetik liefert den passenden Rahmen, der Soundtrack klingt, wie Unheil klingen muss. Und konterkariert damit spannungsvoll die sommerlichen Strandszenen. Etwa, als Larraíns Anwalt Vicente eine superschick verpackte Drohung um die Ohren haut.

Der Monolog avanciert zu einem Highlight im Film, und die Botschaft muss Vicente bekannt vorgekommen sein: Du hast alle Wahl. Und dann doch keine.

Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt